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Updated: 18.12.2012 15:51
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Apple-Zulieferer kreativ: Selbstmord verboten! Wie der grösste Elektronikproduzent der Welt auf ein extremes soziales Problem reagiert...

Dass die Hightech-Industrie vorne (Schwitzbuden quer durch Asien) und hinten (Computerschrott quer durch Afrika) auf aussereuropäische Kosten produziert, ist hinlänglich bekannt - wer es wissen will, weiss es auch. Ebenso bekannt ist es, dass Apple in dieser Branche als besonders kreativ gilt. Aber auch seine asiatischen Produktionspartner sind es - wie jetzt an dem taiwanesischen Unternehmen Foxconn in Shenzen in der VR China deutlich wird - die französische Telecom könnte sich ein Beispiel nehmen. Imageprobleme, weil es eine wachsende Zahl von im Unternehmen beschäftigten Menschen gibt, die angesichts Dauerdrucks den Verzweiflungsausweg Selbstmord nehmen? Wie in Frankreich und Polen? Lösung: Selbstmord verbieten! Vielleicht auch: Die diesjährigen 10 Todesopfer der Arbeitshetze nachträglich bestrafen? Während diese Zeilen geschrieben werden, kommt bereits die Meldung eines erneuten, nunmehr elften Selbstmords im Betrieb seit Anfang 2010. Der Konzern, mit insgesamt etwa 800.000 Beschäftigten - die meisten davon in Festland-China - reagiert gewohnt zynisch: Die Selbstmordrate läge auch nicht höher als im Durchschnitt des Landes. Aktivistengruppen organisieren Proteste nicht nur bei Apple, sondern auch den anderen Foxconn Auftraggebern wie HP, Nokia und Sony usw usf. Unsere knappe Dokumentation zur "Foxconn-Hölle" vom 28. Mai 2010.

Die Foxconn-Hölle: 11 Selbstmorde im Jahr 2010

Es mag in den USA und Westeuropa sowie in den Ober- und Mittelklassen quer durch die Welt Probleme geben mit (nicht nur jungen) Menschen, die WII oder Playstation 3 süchtig werden. Die Probleme jener, die sie produzieren müssen jedenfalls sind heftiger und direkter. Zu den Erzeugnissen Foxconns gehören etwa: Mac mini, iPod, iPad, iPhone, Dell Computers, HP motherboards, Wii, Xbox 360, Playstation 3, Amazon kindle und Cisco Equipment...(Siehe dazu etwa: "Das Wundergerät wird in Shenzhen produziert" externer Link von Carsten Germis im faznet vom 27. Januar 2010).

Die Meldung, die während des Schreibens hereinkam: "13th Foxconn worker reportedly attempts suicide" externer Link von WILLIAM FOREMAN (AP) bei den google Nachrichten am 27. Mai 2010 verbreitet unterscheidet sich in der Zahl: Es ist der 13. Selbstmordversuch - zwei Menschen, die versuchten, sich umzubringen haben schwer verletzt überlebt. Der Blog China Smack meldet gar schon: "More Foxconn Suicides: Reports of 14, 15, & 16th Jumpings" externer Link am 27. Mai 2010. Und - gerade heute am 28. Mai 2010 "Foxconn Raises Shenzhen Factory Worker Wages By 200 RMB" externer Link - eine spürbare Lohnerhöhung: Bei den vielen Hundertausend Beschäftigten eine echte Investition zum Zwecke der Steigerung der Zufriedenheit...

Erst am Tag zuvor, kurz nachdem die Geschäftsleitung Journalisten eingeladen hatte, damit sie sich von den tollen Arbeitsbedingungen in den Shenzener Werken überzeugen konnten, war der 12. Selsbtmordversuch gemeldet worden - das zehnte Todesopfer.

Dazu die Meldung "Erneut Suizid bei Elektro-Riesen Foxconn" externer Link in der Frankfurter Rundschau Online vom 27. Mai 2010, worin es unter anderem heisst: "Ein weiterer Mitarbeiter des weltweit größten Elektronik-Herstellers Foxconn im südchinesischen Shenzhen hat Selbstmord begangen. Der neue Todesfall ereignete sich nur wenige Stunden nachdem der Vorsitzende des taiwanesischen Mutterunternehmens Hon-Hai mit einer Gruppe von Journalisten die Fabrik besucht hatte, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua".

Zu der genialen Lösung, Selsbtmorde einfach zu verbieten:

"Freitod verboten" externer Link von Felix Lee in der taz vom 26. Mai 2010 - vermeldet die bizarre Maßnahme der Unternehmensleitung am Tag zuvor - nach dem neunten Todesopfer hatte das Unternehmen diese moralische Bankrotterklärung vollzogen. Darin heisst es: "Nach einer Serie von Selbstmorden von Foxconn-Beschäftigten in China greift der weltweit größte Elektronikhersteller zu drastischen Mitteln: Die Beschäftigten erhielten einem Pressebericht zufolge einen Brief, in dem sie sich schriftlich verpflichten müssen, sich nicht selbst zu töten. Gebäude des Unternehmens wurden mit Netzen verhängt, um Todesstürze zu verhindern. Seit Beginn des Jahres haben sich bei dem Hersteller des iPhone bereits zehn Arbeiter das Leben genommen. Arbeitsrechtsorganisationen machen den hohen Druck bei gleichzeitig schlechter Bezahlung verantwortlich. Foxconn produziert unter anderem für Apple, Hewlett-Packard, Dell, Sony oder Nokia".

Und auch: "Foxconn-Arbeiter sollen Selbstmord-Verzicht unterschreiben" externer Link vermeldete T-Online Wirtschaft qua diversen Agenturen ebenfalls am 26. Mai 2010. Darin heisst es: "Der weltweit größte Elektronik-Hersteller Foxconn sieht sich mit einer Selbstmordserie unter seinen Arbeitern konfrontiert. Am Dienstag starb erneut ein Mitarbeiter, nachdem er sich vom Dach des Werkes im südchinesischen Shenzhen gestürzt hatte, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua. Es war der neunte Todesfall und elfte Sturz dieser Art in dieser Fabrik in diesem Jahr. Zwei Mitarbeiter wurden bei versuchten Selbstmorden schwer verletzt. (..)Während das Unternehmen schlechte Arbeitsbedingungen bestreitet, klagen Beschäftigte über lange Arbeitszeiten, hohen Druck, niedrige Bezahlung, strenge Disziplin und schlechte Behandlung durch Vorgesetzte. Viele leben isoliert in Wohnheimen auf dem Werksgelände".

Und wer jetzt wieder einmal denkt, das sei doch weit weg - dem sei der echte Foxconn-Partner Metro ans Herz gelegt, der voll Stolz verkündet: "Media Markt to partner with Foxconn in China" externer Link - dies am 24. März 2009 auf der Metroseite...

Hintergründe und Ursachen

Der Artikel "Dying Young: Suicide & China's Booming Economy" externer Link von Jenny Chan am 23. Mai 2010 bei der China Study Group veröffentlicht, bringt wesentlich mehr Hintergründe: etwa, dass alle Todesopfer unter 25 Jahren alt waren - und auch, dass ein öffentlicher Protestbrief einer chinesischen Akademikergruppe auf den Sachverhalt aufmerksam macht...Neben den nunmehr 11 Selbstmorden in diesem Jahr - im selben Zeitraum verbuchte Foxconn Gewinne von rund 500 Millionen Dollar - werden zahlreiche Tote seit 2005 erinnert. Auch wenn westdeutsche Medienprodukte wie so oft eher zu den letzten gehören, die so etwas berichten: Die Kritik an Foxconn ist schon so traditionell, dass selbst im Wikipedia Eintrag zu Foxconn eine eigene Rubrik "Criticism" externer Link fortgeschrieben wird...

In dem Beitrag "Why do Foxconn employees keep jumping off buildings?" externer Link bereits vom 12. Mai 2010 beim Blog China Hush wird anhand einer Sendung des chinesischen Fernsehens zum Thema die Problematik diskutiert, dass nunmehr erstmals die psychischen Kosten der rasanten ökonomischen Entwicklung in der ganzen Gesellschaft diskutiert werden.

"Foxconn Suicides" externer Link ist der einfache Titel eines Beitrags von Jon T in der englischsprachigen Shenzen Post vom 27. Mai 2010 in dem sehr ausführlich das Leben einer jungen Arbeiterin bei Foxconn geschildert wird - und dabei tauchen solche Begriffe auf wie Gestapomethoden...

Das LabourNet China publiziert ""We are extremely tired, with tremendous pressure" A Follow-up Investigation of Foxconn" externer Link des China Labor Watch vom 18. Mai 2010 in dem eine grössere Zahl Beschäftigte von Foxconn über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen sprechen.

Proteste

Unter dem Titel "Hong Kong activists protest and mourn deaths of Foxconn workers" externer Link berichtet das China-Labour Bulletin am 25. Mai 2010 von einer SACOM-Protestaktion vor der Foxconn-Zentrale in Hongkong.

Und in der AP Meldung "Hong Kong labour activists push for iPhone boycott" externer Link am 25. Mai 2010 bei den yahoo-news wird eben der genannte und geplante iPhone Boykott vorgestellt, der Apple immerhin insofern zu treffen scheint, als das unternehmen - ganz im Gegensatz zu sonstigem Verhalten - die Eriegnisse offiziell bedauerte und unterstrich, in ständigem Kontakt mit den Verantwortlichen von Foxconn zu stehen...

AKTION - APPELL: Unterschreiben!

SACOM (Students & Scholars Against Cooperate Misbehavior) hat eine Onlinepetition aufgelegt unter dem Titel "June 8th: Global Day of Remembrance for Victims of Foxconn" externer Link in der nicht nur der Opfer gedacht und Foxconn sowie Apples Verantwortung unterstrichen werden, sondern auch zum iPhone-Boykott aufgerufen und darauf verwiesen, dass sich einmal mehr zeigt, dass wenn irgendwelche Überlegungen zur Corporate Social Responsability überhaupt Sinn machen sollen, dies nur sein kann, wenn die Belegschaften selbst daran beteiligt sind - denn ein unnützes Komitee der Elektronikindustrie gibt es schon...

Zusammengestellt von hrw


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