30 Jahre nach der Niederschlagung der Proteste in China: Die Einführung der Marktwirtschaft mit Panzern

Polizeieinsatz in Guangzhou (China) im Dezember 2015: Das Ziel sind Arbeiterorganisationen„… Die Tiananmen-Bewegung hatte das Regime der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) herausgefordert und konnte nur mit einem brutalen Militäreinsatz zerschlagen werden. Aufgrund der staatlichen Zensur wissen junge ChinesInnen wenig über Ablauf und Hintergründe. Die Partei will, dass das so bleibt, schliesslich widerspricht der Einsatz der Volksbefreiungsarmee gegen die eigene Bevölkerung dem Mythos, den die Partei braucht, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Im Westen wird meist bloss ein Aspekt der Bewegung betont: die zentrale Rolle der Studierenden und deren Forderungen nach Demokratie. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch das komplexere Bild eines Volksaufstands gegen die Auswirkungen der Wirtschaftsreformen und die davon profitierende «rote Bourgeoisie». (…) Auf vielen Hauptstrassen wurden Barrikaden errichtet, Armeefahrzeuge angegriffen und Hunderte davon in Brand gesetzt. Bei den Auseinandersetzungen starben Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen – genaue Zahlen gibt es nicht –, darunter etliche SoldatInnen, aber vor allem Beijinger ZivilistInnen, die Widerstand leisteten oder von Querschlägern getroffen wurden. Am Morgen des 4. Juni drängte die Armee den Rest der Studierenden vom Tiananmenplatz. In den folgenden Tagen kam es in der Hauptstadt zu weiteren Scharmützeln. Die Armee besetzte Universitäten und Medienanstalten und verhaftete Tausende. In Dutzenden Städten Chinas gab es Streiks und Demonstrationen gegen das brutale Vorgehen. Auch diese Aktionen wurden gewaltsam niedergeschlagen und Hunderte getötet. Nun war die Stosskraft der Bewegung gebrochen, viele Führungspersonen flohen ins Exil. Das Regime ging in den folgenden Monaten entschieden gegen die Beteiligten vor. Tausende wurden degradiert, verloren ihren Job oder wurden zu Haftstrafen verurteilt, es gab etliche Todesurteile. Die Repression traf die an den Protesten beteiligten ArbeiterInnen weitaus härter als Studierende und Intellektuelle…“ – aus dem Beitrag „Der Aufstand gegen die rote Bourgeoisie“ von Ralf Ruckus am 30. Mai 2019 in der WoZ externer Link (Ausgabe 22/2019, die jetzt frei gegeben wurde). Siehe dazu auch drei weitere Beiträge zu diesem Jahrestag: Zu wer wann, wo und warum an den Protesten teilnahm – und wem ihre Niederschlagung nutzte (außer beispielsweise bundesdeutschen Diesel-Gangster-Vereinigungen):

  • „The Forgotten Socialists of Tiananmen Square“ von Yueran Zhang am 04. Juni 2019 im Jacobin Mag externer Link ist ein Beitrag, der sich vor allem mit den verschiedenen Strömungen und sozialen Gruppen befasst, die an den Protesten beteiligt waren. Die beiden zentralen Strömungen waren die mehrheitliche der „liberalen Demokratie“ und die minderheitliche „Gegen den Kapitalismus“ – minderheitlich, aber keineswegs marginal, beide mit Thesen in der Aufarbeitung vertreten, die faktisch die je andere Seite ignorierten. Was sich beispielsweise um die damalige Beijing Workers’ Autonomous Federation (WAF) sammelte, das waren jene die, bei genauer Betrachtung, für die Rebellion (nie vergessen: Einst in China als „gerechtfertigt“ beurteilt) den höheren Preis an nachfolgender Repression zu bezahlen hatten, als es die Studierenden tun mussten. Die antibürokratische Tendenz, die eben vor allem für die Arbeiter-Vereinigungen wichtig waren, galten meist, zumindest zu Beginn, rein wirtschaftlichen Problemen und Forderungen – und seien ein Wiederaufscheinen ähnlicher Tendenzen innerhalb der Kulturrevolution etwa 20 Jahre zuvor gewesen. Im weiteren Verlauf des ausführlichen Beitrags verweist der Autor auch auf verschiedene historische Entwicklungen, die in ähnlicher Konstellation zwischen Studierenden und Arbeitenden sich ereigneten, wie etwa die 4.-Mai-Bewegung im Jahr 1919. Auch mit der These, die viele Studierende vertraten, sie hätten ihre Aktionen unternommen, um die Arbeiterschaft aufzurütteln, setzt er sich auseinander, wobei er vor allen Dingen darauf verweist, dass diese längst aufgerüttelt gewesen seien…
  • „May of the Masses: the Tiananmen Square movement 30 years on“ von Charlie Hore am 31. Mai 2019 bei rs21 externer Link ist die Neuveröffentlichung eines Artikels zum 25. Jahrestag geschrieben, der sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass er – wie die Überschrift andeutet  („Der Mai der Massen“) – auch eine Art Chronologie der Ereignisse leistet, beispielsweise indem er an die Demonstration der Hunderttausenden am 28. April 1989 in Beijing erinnert. Und auch daran, dass am 4. Mai zwar in sehr viel mehr Städten als je zuvor protestiert worden war, einem entsprechenden Aufruf folgend, aber eben auch in den Städten, die bis dahin bereits Demonstrationen erlebt hatten, es deutlich weniger Teilnahme gab, als vorher.