Nachdem weder die Polizei noch ihr Pfefferspray den Protest beenden konnten: Silikosekranke chinesische Bauarbeiter setzen ihre Forderungen durch

Shenzhen construction workerMigranten aus Hunan kamen vor 20-30 Jahren oft nach Shenzhen, um am Bau zu arbeiten. Wer den Preßlufthammer bediente, konnte mehr verdienen – und mehr Staub einatmen. Bereits im Mai hatte auch LabourNet Germany über den Protest Hunderter ehemaliger Bauarbeiter berichtet, die wieder aus Hunan nach Shenzhen kamen – um Versorgung einzuklagen, wegen der Staublungen, die sie aus dem jahrelangen Einsatz „mitgenommen“ hatten. Sie waren nun im November 2018 wieder da, um diesen Protest fortzusetzen. Hatten sie zu Jahresbeginn als zentrales Anliegen die Übergabe einer entsprechenden Petition an die Provinzregierung gehabt – die mit einem Polizeieinsatz beantwortet worden war – so besetzten sie diesmal, am 05. November 2018, das Gebäude der Provinzbehörde für soziale Sicherheit. Was am Tag darauf abermals einen Polizeieinsatz hervorrief, bei dem Pfefferspray eingesetzt wurde, für lungenkranke Menschen besonders perfide. Als die Bauarbeiter dennoch am nächsten Tag wieder kamen und sich wachsende öffentliche Unterstützung zeigte, gab die Provinzregierung endlich nach: Sie erfüllte die Kernforderung, auch jene zu entschädigen und zu versorgen, die – wie die meisten Migranten jener Zeit – keine Arbeitsverträge vorlegen konnten. Siehe zum erfolgreichen Protest der ehemaligen Bauarbeiter und den Besonderheiten der öffentlichen Unterstützung drei aktuelle Beiträge, einen Hintergrundartikel und ein kurzes Video:

„Shenzhen commits to compensate protesting pneumoconiosis workers“ am 14. November 2018 beim China Labour Bulletin externer Link ist die Meldung über den erfolgreichen (einstweiligen?) Abschluss des Protestes. Die Zusage, die die Provinzregierung am Ende gab, besteht aus der Zahlung von 2.000 Yuan im Monat für medizinische Kosten und 2.000 weitere für den allgemeinen Lebensunterhalt an alle Betroffenen, auch und gerade an jene, die keine Arbeitsnachweise hatten (die anderen, die ihre damalige Arbeit dokumentieren konnten, hatten schon vor einigen Jahren eine entsprechende Versorgung erhalten). Auch die Hinterbliebenen bereits verstorbener ehemaliger Bauarbeiter erhalten 2.000 Yuan im Monat für den Lebensunterhalt, das war eine weitere Forderung der BesetzerInnen gewesen. Diese Regelung sei vorläufig und man werde innerhalb eines Monats eine dauerhafte Regelung ausarbeiten, so die Provinzregierung – für die protestierenden Menschen offensichtlich Anlass ausführlicher Debatten um die Vertrauenswürdigkeit dieser Zusage, die dann mit deutlicher Mehrheit angenommen wurde.

„Progressive students in solidarity with pneumoconiosis workers“ am 09. November 2018 im Twitter-Kanal China Labour externer Link ist eine Dokumentation zur Entwicklung der Solidarität mit den protestierenden ehemaligen Bauarbeitern: Ein Aufruf, Solidarität mit den Kranken zu organisieren, verbreitet von den Unterstützungsgruppen der Jasic-Gewerkschafter (in derselben Provinz gelegen), wozu es auch eine Petition gab, die relativ schnell recht viele Unterschriften bekam – eine „Gemenegelage“, die sicher ihren Teil zum Erfolg der protestierenden Bauarbeiter beigetragen hat.

„We aren’t solely focused on one particular issue. We’re interested in improving society in all kinds of ways“ am 12. November 2018 ebenfalls im Twitter-Kanal China Labour externer Link ist die Dokumentation der Aussagen eines Sprechers der studentischen Jasic-Unterstützungsgruppen, sie seien keine „Ein Punkt Aktivisten“ sondern daran interessiert, auf jede Weise und in jeder Frage die Gesellschaft zu verbessern.

„Einen Arzt rufen“ am 07. November 2018 im Twitter Kanal von Ylang Ying Binfen externer Link ist ein kurzes Video über einen an der Hand verletzten Demonstranten vor dem Gebäude der Sozialversicherung von Shenzhen, inklusive Aufmarsch der Polizei.

„Dying for China’s economic miracle: migrant workers ravaged by lung disease, fighting to pay for their funerals“ von Mimi Lau am 18. Oktober 2018 in der South China Morning Post externer Link ist ein Beitrag, der nochmals die ganze Geschichte der Migranten aus Hunan, die als Bauarbeiter in Shenzhen arbeiteten nachzeichnet – bis hin zu den vielen Toten und ihren (teuren) Begräbnissen…