Die neue Frauenbewegung in Chile – Proteste erzielen erste Zugeständnisse

Die Frauenproteste in Chile weiten sich auch politisch aus - Juni 2018 SantiagoFür einen Großteil der Bevölkerung und des politischen Establishments völlig unerwartet nimmt die feministische Bewegung in Chile rasant an Wirkungsmacht zu und bestimmt mit ihren Themen die öffentliche Debatte. Bestärkt von der Durchsetzung der seit September vergangen Jahres legalen Abtreibung in drei Fällen und der Mobilisierung der internationalen Frauenbewegung mit globalen Kampagnen wie #NiUnaMenos und #MeToo, nahmen Studentinnen das Ruder in die Hand und besetzten eine Reihe von Fakultäten und Universitäten. Rosario Olivares, Feministin, Schuldirektorin und Mitglied der Partei Sozialismus und Freiheit (SOL, Frente Amplio), sieht die aktuelle Mobilisierung als Ergebnis zweier verschiedener und sich nun kreuzender Ent­wicklungen: „Einerseits die historischen Forderungen der Frauenbewegung in einer konservativen Gesellschaft wie der unseren, und andererseits die Studierendenproteste von 2006 und 2011, die den Frauen neue Räume eröffneten, um als politische Subjekte zu agieren“. In einigen Fällen sind die Besetzungen und Streiks eine direkte Reaktion auf universitätsinterne Fälle von sexueller Belästigung und Missbrauch, andere finden sowohl aus Solidarität statt als auch mit dem Ziel, der Frauenbewegung auf nationaler Ebene Ausdruck und Gewicht zu verleihen. Den Anfang machten Student*innen der Universidad Austral in Valdivia am 17. April mit der Besetzung der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften. Direkter Auslöser war die schleppende Bearbeitung und Gleichgültigkeit der Verantwortlichen gegenüber den Anschuldigungen von sexueller Belästigung, die sowohl Lehrende, als auch Studenten und Funktionäre betrafen. Zehn Tage später folgte die Besetzung der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Chile in Santiago“ – so beginnt der Beitrag „PROGRESSIVE WELLE“ von Friederike Winterstein in der Ausgabe Juni 2018 der Lateinamerika Nachrichten externer Link (Nummer 528) – der auch sehr deutlich macht, dass die ersten Zugeständnisse der chilenischen Regierung an die Bewegung nicht dazu geeignet sind, die Bewegung zu bremsen, sind sie doch bestenfalls Schritte zu eigentlichen Selbsteverständlichkeiten… Siehe dazu auch einen weiteren aktuellen Beitrag:

  • „Für Bildung ohne Sexismus“ von Sophia Boddenberg am 17. Juni 2018 in der taz externer Link hebt zu dieser Bewegung insbesondere einen der Fälle hervor, die Anlass zum massenhaften Protest waren:  „Bei der Besetzung gehe es nicht um ihren Fall – das ist Brito wichtig. Es gehe um den strukturellen Sexismus an chilenischen Universitäten. „Mein Fall ist keine Ausnahme, er brachte nur das Fass zum Überlaufen“, sagt Brito. „Die chilenischen Universitäten reagieren nicht auf die Probleme und Situationen, die wir als Frauen erleben.“ Brito verlagerte ihren Studienschwerpunkt von öffentlichem Recht auf Arbeitsrecht, um Carmona aus dem Weg zu gehen. Weil es keine verbindlichen Regeln der Universitäten zum Schutz von Opfern gibt, seien es letztendlich die Student*innen statt die Täter, die Bildungseinrichtungen verlassen müssen. „Die männlichen Professoren vermitteln uns, dass körperliche Gefälligkeiten die einzige Möglichkeit sind, um Erfolg in unseren Karrieren zu haben“, sagt Brito. Mit dem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen habe ihr bisher mehr Schaden als Nutzen gebracht. Sie wurde als unglaubwürdig bezeichnet, ihr Erlebnis als eigentlich nicht so schlimm dargestellt. Aber sie wolle für alle die sprechen, die es bisher nicht selbst konnten. „Es geht hier nicht nur um uns Student*innen, sondern um alle Frauen. Ich glaube, dass wir einen historischen Moment als feministische Bewegung erleben“, sagt Brito. „Wir haben die Augen geöffnet und gemerkt, dass die Gewalt, die wir erleben, nicht natürlich und normal ist. Und das wird zu einem radikalen Wandel führen.““.