[Interview] Chiles LehrerInnen haben abgestimmt: Knappe Mehrheit für Fortsetzung des Streiks, gegen die vom Gewerkschaftsvorstand empfohlene Annahme der Regierungszugeständnisse

Streik gegen die Streichung des Geschichtsunterrichts in Chile, Juni 2019Es sei ja gar kein Aufruf gewesen, für die Annahme des verbesserten Angebots der chilenischen Regierung zu stimmen, sondern nur eine Meinungsäußerung – so der Vorsitzende des Colegio de Profesores (CdP), der Gewerkschaft an Grund- und Mittelschulen, Mario Aguilar. Nachdem das Ergebnis der Urabstimmung am Mittwoch, den 10. Juli 2018 am späteren Abend fest stand. Das lautete rund 17.900 gegen die Annahme – also für die Fortsetzung des Streiks – und 17.700 für die Annahme, also für seine Beendigung. Diese knappe Mehrheit hatte sich schon während der Bekanntgabe von Zwischenergebnissen angedeutet, auch wenn die Vorstandsmehrheit den ganzen Tag lang unterstrich, das seien ja erst Zwischenergebnisse. Die Stimmen für die Fortsetzung des Streiks kamen vor allem aus zwei Gruppierungen: Traditionell linker Bezirke der Gewerkschaft, wie etwa Antofagasta oder Valparaíso – und von den Betroffenen der nicht erfüllten Kernforderungen. Wenn etwa der Vorstand des CdP den Lehrerinnen, die für die Inklusion arbeiten, als Erfolg anpreist, dass „nunmehr das Problem auf dem Tisch liegt und nicht mehr verheimlicht wird“, anstatt irgendeinen Fortschritt bei der Gleichbehandlung erzielt zu haben, kann man wohl nicht auf sehr viele positive Reaktionen hoffen. Unsere Gesprächspartnerin Janine Heredia arbeitet als Geschichtslehrerin an einer Mittelschule (in der Hoffnung, die Übertragung des Schulsystems möge einigermaßen zutreffend sein) in der Hauptstadt. Und hat für die Fortsetzung gestimmt. Weil sie – wie sehr viele, die so abgestimmt haben – das vom Vorstand faktisch angenommene Angebot als „Brosamen“ bewertet. Siehe das Interview mit Janine Heredia „In Wirklichkeit ein komplexes Ergebnis, wie die Lage im Land – und in der Gewerkschaft: Aber in erster Linie eine Niederlage der Regierung“ von Helmut Weiss vom 11. Juli 2019 (und den Hinweis auf unseren letzten Bericht zum Streik an Chiles Schulen).

„In Wirklichkeit ein komplexes Ergebnis, wie die Lage im Land – und in der Gewerkschaft:
Aber in erster Linie eine Niederlage der Regierung“

Interview mit Janine Heredia

Hallo Janine, ich gehe ja davon aus, dass Du mit Nein gestimmt hast, also Dich geweigert, das Angebot der Regierung anzunehmen?

Überflüssige Frage, nächste Frage.

Wie interpretierst Du das Gesamtergebnis der Abstimmung? Ich aus der Ferne würde ja denken, nachdem, was ich über den Inhalt des Angebots gelesen habe, gute Entscheidung, aber knappe Entscheidung…

Klar eine knappe Entscheidung, wenn Du bei rund 36.000 Abstimmenden eine Mehrheit von ziemlich genau 260 Stimmen hast. Aber man muss dazu schon mehrere Dinge in Betracht ziehen. Zum einen, klar, die Dauer des Streiks und das geht allmählich ans finanziell „Eingemachte“. Hier gibt es ja kein Streikgeld wie bei Euch und in der Regel wird im Öffentlichen Dienst hinterher entschieden, ob und was bezahlt wird, das ist dann auch schon wieder eine Frage des Kräfteverhältnisses. Zum zweiten gibt es – ich möchte fast schon sagen natürlich – eine ziemlich breit angelegte Hetzkampagne und Demoralisierungskampagne, die auch nicht völlig ohne Wirkung bleibt. Das geht dann über solche Themen, die ja auch aus anderen Ländern bekannt sind, wie „die armen Kinder“, obwohl die allermeisten der Schülerinnen und Schüler diesen Kampf unterstützen, die Elternorganisationen mehrheitlich auch, bis hin zu einem rauheren Ton, wenn dann gesagt wird, wir würden die als Geiseln nehmen. Und wird abgerundet durch das ständige Geleiere, es wäre halt leider, leider, kein Geld da. Wobei dies ist, wie immer: Die Frage ist, wofür man Geld ausgibt. Die chilenische Armee zum Beispiel hat immer noch viele Privilegien, die ihnen Pinochet verschafft hat – und die hat seit den Salpeterkriegen nicht mehr gegen echte oder vermeintliche Feinde aus dem Ausland gekämpft, sondern nur gegen Teile der eigenen Bevölkerung. Und der Salpeterkrieg begann immerhin 1879. Und es gibt auch noch einen dritten Faktor, der zunehmend mehr der Streikenden Sorgen bereitet: Die traditionelle Einwirkung politischer Parteien auf die Gewerkschaft nimmt ziemlich drastische Formen an. Alles das zusammen macht die Lage eben kompliziert.

Aber gut, kompliziert hin oder her, immerhin hat eine Mehrheit für die Fortsetzung des Streiks gestimmt. Warum dann, trotz allem?

Na ja, auch das hat verschiedene Ursachen. Zum Einen gibt es die, sagen wir mal, traditionell linken Bezirke der Gewerkschaft: Also wenn etwa in Antofagasta oder Valparaiso eine Merheit für den Regierungsvorschlag gestimmt hätte, hätte ich mich wiederum doch sehr gewundert: Dort gibt es Gewerkschaftsvorstände, die nicht nur linker sind, als der Vorstand, sondern auch linker als die Opposition im Vorstand. Dann hätten die aber sehr schlecht gearbeitet, haben sie aber nicht, wie man sieht. Das sind im Übrigen auch Bezirke, die es besser als andere verstanden haben, öffentliche Unterstützung zu mobilisieren, weil sie sehr deutlich gemacht haben, dass wir nicht nur für eigene Interessen kämpfen, sondern auch in Verteidigung der öffentlichen Schulen. Es ist ja zum Beispiel so, dass es kein Zufall ist, dass die Unterstützung für den Streik tatsächlich in ärmeren Gegenden stärker ist, als beispielsweise in Vierteln der Mittelklasse.

Warum denkst Du, ist das so?

Eigentlich ganz einfach: Weil viele Menschen gerade da das Gefühl haben, die Regierung verfolge einen Kurs, das öffentliche Schulwesen allmählich auszutrocknen, um dann per Privatisierung Besserung zu versprechen – und sie sind halt sehr viel mehr darauf angewiesen, als Besserverdienende, die für ihre Kinder zur Not auch Privatschulen bezahlen können. Zur Not sage ich, weil die Begeisterung auch hier nicht besonders groß ist.

Und inwiefern spiegelt das den Kurs der Regierung in Wirklichkeit wieder?

Eigentlich sehr genau, dazu muss man sich nur die ganzen Gremien, die sich mit Schulpolitik befassen genauer ansehen, wer dabei mitmachen darf, das ist doch alles den Bock zum Gärtner machen.

Aber Du wolltest noch genauer auf die Gründe für das mehrheitliche Nein eingehen

Ja der Hauptgrund ist natürlich die direkte Betroffenheit von der Situation. Also: Wir alle verdienen wenig, man muss sehen, wie man über die Runden kommt, vor allem aber die Kolleginnen und Kollegen an den Grundschulen, da kannst Du als Straßenhändlerin mehr verdienen. Über die rapide Verschlechterung der Ausstattung der Schulen will ich gar nicht erst reden, das betrifft auch alle und nicht erst seit Pinera schon wieder Präsident ist. Es gibt aber auch von einzelnen der zentralen Problembereiche besonders Betroffene – die historische Schuld, also das ganze über Jahrzehnte vorenthaltene Geld, betrifft in allererster Linie die Älteren unter uns, denn das begann ja unter der Diktatur, dass man gesetzlich festgelegte Erhöhungen nicht bekam. Und ganz besonders wichtig ist die Problematik der Vorschulen und der Inklusionslehrerinnen – da ist übrigens die männliche Form weitgehend überflüssig. Du musst Dir vorstellen, dass die Frauen, die sich zur Arbeit am Inklusionsprogramm der früheren sozialdemokratischen Regierung gemeldet haben, dies aus Überzeugung und Engagement getan haben. Und dann werden sie schlecht bezahlt, müssen unbezahlte Überstunden ohne Ende machen, haben keine Möglichkeit in die normale Lehrer-Laufbahn zu kommen – und die Maßnahmen der neuen Regierung stärken alles Negative, und nicht wenige meinen, das liege daran, dass diese Regierung eigentlich dieses Programm gar nicht fortsetzen möchte. Jedenfalls führen die Änderungen auch dazu, dass der bürokratische Teil der Arbeit explodiert – ständig müssen Berichte geschrieben werden, die, wenn sie Vorschläge enthalten, ohnehin nicht zur Kenntnis genommen werden. Nicht wenige von ihnen sagen „ich bin jetzt Sekretärin, ich tippe vor allem“. Und so kannst Du das weiter führen, in jeder einzelner der sogenannten Grundforderungen, manche nennen es auch das 12 Punkte Programm.

Und für diese Kernforderungen wurde dann was angeführt, um die Annahme der Regierungsangebote zu begründen?

Jetzt sind wir im Kern der Sache angekommen: Migalias. (Brosamen). Es war ja noch nicht einmal so, dass Aguilar und seine Mehrheit vor die Kamera traten und sagten, das Angebot sei gut, das hätten sie so gar nicht machen können und haben es sich auch nicht getraut. Sie sagten, da wäre einiges – und bezogen sich damit vor allem auf das Angebot der Lohnerhöhung, die aber auch schon ausgesprochen umstritten war, und ansonsten auf die Vereinbarung von konkreten Verhandlungsterminen für bestimmte Sachen und die Formen, in denen sie verhandelt werden sollen. Und sonst war das Argument vor allem, unser Kampf sei von wachsender Abnutzung und Erschöpfung geprägt, und laufe Gefahr, mit zunehmender Dauer auch unpopulärer zu werden. Da waren schon sehr viele wütend – und, man darf sich nicht täuschen, es haben auch nicht Wenige für ein Streikende gestimmt, die eigentlich weiterkämpfen wollten, aber dachten, mit so einer Gewerkschaftsführung lassen wir das lieber. Ich persönlich fand den Auftritt der 8 Vorstandsmitglieder irgendetwas zwischen peinlich und Kapitulation. Wohlgemerkt vor einer Regierung, die nicht zuletzt durch unseren Streik angeschlagen ist, plötzlich nicht mehr so fest im Sattel sitzt, wie es kurz zuvor noch den Anschein hatte, wo die plötzlich eine Mehrheit bei Umfragen hast, die zumindest den Rücktritt dieser sogenannten Kulturministerin fordert, eine Frau deren Namen bei uns niemand sagt, sondern alle sagen schlicht: „Die Kuh“.

Hat es also die Gewerkschaftsopposition verstanden, gegen eine Kapitulation zu mobilisieren?

Da wäre ich vorsichtig, was in dieser Gewerkschaft Opposition bedeutet. Klar, wir haben über Listenwahl in dem 11-köpfigen Vorstand seit den letzten Gewerkschaftswahlen eine Mehrheit von 8 die mehr oder minder der Frente Amplio (FA) angehören oder mit ihr zusammen arbeiten, wie auch Mario Aguilar, der Vorsitzende, der der Humanistischen Partei angehört, die in der FA ist. Aber die drei anderen, und insbesondere Gajardo, der in den bürgerlichen Medien als führender Oppositioneller dargestellt wird, war ja bis zur letzten Wahl selbst Vorsitzender, bis er dann seinerseits die Quittung dafür erhielt, wie er sich im letzten großen Kampf, als es die Auseinandersetzung um die Laufbahn von LehrerInnen gab, verhalten hatte: Auch er, von der KP Chiles hatte ja die damalige Parteiräson – die Unterstützung der sozialdemokratisch geführten Bachelet-Regierung – über das Anliegen der Mitgliedschaft gestellt und nicht wenige Kollegen und Kolleginnen sagten: Uns verkauft. Weswegen er dann bei dann Wahlen rund zwei Drittel aller Stimmen, die er zuvor hatte, verlor und bei, ich erinnere mich jetzt nicht ganz genau, aber in ejdem Fall unter 15% der Stimmen blieb. Also hinter dem als Führer der Gewerkschaftsopposition würde vorne und hinten ein Fragezeichen machen, mindestens eines. Aber, das muss ich auch noch hinzufügen, auch jene linkere Opposition, die es ja überall auch gibt, geht oft nach Schema F vor, das ist ihr grundlegender Fehler: Immer sofort nach einem Generalstreik rufen und einen – wie auch immer gearteten – Kampfplan fordern passt jedenfalls auch nicht immer, meiner Meinung nach eher selten, um es einmal so auszudrücken.

Und worin besteht dann die Opposition, oder besser: Aus wem?

Ich würde sagen, das ist ein Großteil der Streikenden selbst – wie gesagt, meiner Meinung nach mehr, als für den Streik gestimmt haben. Die sagen zum Einen ganz einfach: Was sollen Versprechungen dieser Regierung auf künftige Verhandlungen, wenn alle bisherigen Verhandlungen dasselbe Ergebnis hatten: Null. Zum anderen sind sie es selbst, die die öffentliche Unterstützung mobilisieren. Auf ihre ganz eigene Art: Einer meiner Kollegen beispielsweise, keine Funktion, keine Partei, hat Dutzende Familien besucht und mit ihnen geredet, auch über die Einführung der möglichen Abwahl unseres Faches, Geschichte. Das geht ganz vielen einfach zu weit und wenn sie nur ganz allgemein denken, es könne nicht schaden, die Geschichte etwas zu kennen. Zumal sich jeder daran erinnert, dass Pinera bereits in seiner ersten Regierungsperiode hatte diktieren lassen, im Geschichtsunterricht dürfte das Pinochet-Regime nicht mehr Militärdiktatur genannt werden. Was wiederum auch nicht so Wenige gar nicht schlecht finden, da muss man sich nichts vormachen. Mein Kollege aber kommt zu unserer Versammlung und sagt: „Hätte nie gedacht, dass ich einmal ein revolutionärer Agitator sein würde“. Nun ist das mit Revolution vielleicht ein bisschen übertrieben, aber die Richtung stimmt: Sie werden selbst aktiv. Ohne, dass sie jemand dazu aufruft. Und es waren auch solche Menschen, die daran gearbeitet haben mit Dockern oder Bergarbeitern zu reden – ich habe im LabourNet Germany gelesen, dass ihr darüber berichtet habt, finde ich sehr gut – um gemeinsame Proteste und Unterstützung zu organisieren. Was beispielsweise der Gewerkschaftsbund, ich sage mal vorsichtig, nur zurückhaltend betrieben hat. Obwohl die Figueroa, die CUT-Vorsitzende, aus unserer Gewerkschaft kommt.

Und was ist mit den seit dieser Woche streikenden Walmart-Beschäftigten – ich habe gelesen, es sei der größte Streik in der chilenischen Privatwirtschaft – gibt es da Perspektiven des Zusammenwirkens? Ich meine, zumindest aus der Ferne hat man den Eindruck, als ob in Chile eine gewisse Zuspitzung stattfände…

Klar finde ich diesen Streik gut – bei einem Unternehmen wie Walmart, auch wenn es hier meist anders heißt, weil sie gleich mehrere kleinere Ketten aufgekauft haben, gäbe es eigentlich jeden Tag genügend Gründe für einen Streik. Aber ich denke, auch hier wird es vor allem darauf ankommen, ob man es schafft, Basiskontakte stabil aufzubauen, den Gewerkschaftsführungen misstraue ich entweder, oder aber traue ihnen nicht viel zu, ehrlich gesagt. Dann kann sich eventuell etwas entwickeln, aber das muss man erst sehen. Wenn es eine Entwicklung gibt dann die, dass einerseits eine gewisse Zahl der WählerInnen Pineras enttäuscht oder wütend oder beides sind, und dass dies dazu beiträgt, den Eindruck einer Dampfwalze, die alles überrollt, zu korrigieren – die kann man besiegen, das glauben jetzt wieder mehr Menschen.

Zum Abschluss: Und wie siehst Du jetzt die Perspektiven dieses Kampfes?

Oh je, frage etwas einfacheres, ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall hat der Gewerkschaftsvorstand angekündigt, es werde eine große Versammlung geben, auf der über das weitere Vorgehen beraten und beschlossen werden soll. Jetzt wird es unter anderem darauf ankommen, was noch nicht klar ist, wie diese Versammlung organisiert werden wird, also vor allem, wer daran teilnehmen wird, kann, darf oder besser: Dürfen soll. Denn es gibt ja nicht Wenige, die den Verdacht haben, da soll auf einem anderen Weg ein Ende des Streiks erreicht werden – und dafür gibt es dann in der Tat mehrere Möglichkeiten, bis hin zu einer Versammlung, die man bewusst im Chaos enden lassen will, so gering ist inzwischen das Vertrauen, dass man auch das nicht mehr ausschließen mag. Ich jedenfalls, und alle Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sind für eine möglichst große Versammlung, am besten wäre eine mit entsprechendem Delegiertenschlüssel, um wirklich beschlussfähig zu sein, und nicht kastriert.

Ich danke Dir für das Gespräch

Ich bedanke mich für die Gelegenheit.

(Janine Heredia ist 1982 in der BRD geboren, als ihre Eltern vor der Diktatur geflüchtet waren. Sie hat es dennoch bevorzugt, das Gespräch auf Spanisch zu führen: „Ich kann auf Deutsch am besten sagen: Ich will ein Nutella-Brot, schließlich war ich noch nicht 10 Jahre alt, als wir wieder nach Chile gegangen sind“).

Beendet am 12. Juli 2019. Helmut Weiss, LabourNet Germany