[LabourNet Germany-Reportage] „Schafft zwei, drei, viele Dammbrüche”: Wie der privatisierte Bergbau-Gigant Vale den brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais in Schlamm und Blei legt…

Eine Skizze des am 25.1.2019 gebrochenen Staudamms im brasilianischen Brumadinho: Die Kantine lag direkt unterhalb...“Bis übers Knie stehe ich mit dem rechten Bein im Schlamm, das Linke auf dem sichernden Baumstamm, es zieht zwar, aber nicht so stark, dass es gefährlich würde. „Außer“, sagt mein Begleiter Joao Guilherme, „wenn Du an die Langzeitfolgen denkst, die ein Bad in dieser Giftbrühe haben kann“. In meinem Alter interessiert man sich nicht mehr sehr für Langzeitfolgen, also marschieren wir mühsam weiter, entlang an frisch ausgewalzten Baumschneisen, ehemaligen Bauernhöfen, Überresten von zerborstenen Häusern, umgekippten und gevierteilten LKWs – und jeder Menge Tierkadavern, Fische sowieso in Tonnen, Kühe – wir sind im Milch-Gebiet, aber auch Hunde, Katzen, Affen. In Kombination mit dem Eigengeruch des schwermetallbeladenen Klärschlamms und den 35 Grad: Es stinkt bestialisch…” Eine LabourNet Germany-Reportage von Helmut Weiss vom 30.1.2019 aus der Umgebung von Brumadinho (unter Beteiligung einer Reihe von Aktivistinnen und Aktivisten sozialer Bewegungen der Region, eines Gewerkschaftssprechers und auch einiger der leider vielen Betroffenen der neuerlichen Dammbruch-Katastrophe):

Es ist Dienstag, 29. Januar 2019 – also Tag vier nach dem Weltuntergang. Zumindest für jene Ortschaften, die vom Vordringen der Schlammlawine betroffen waren, die der Dammbruch von Brumadinho entfesselt hat. Ich gehe mit Joao Guilherme durch den Schlamm, weil der sowohl Agraringenieur ist – an der Universität von Vicosa, das Renommierinstitut für Agrarwissenschaften im selben Bundesstaat Minas Gerais, in dem sich auch der Staudamm befand – als auch Aktivist der „Bewegung von Staudämmen Betroffener“ (Movimento dos atingidos por barragens – MAB externer Link), die gerade in diesem Bundesstaat, der seinen Namen vom Bergbau erhielt, besonders stark organisiert ist, denn Staudämme gibt es hier an jeder Ecke. Wir sind etwa 10 Kilometer vom einstigen Damm entfernt im landwirtschaftlichen Niemandsland – und es ist Zerstörung pur.

Dammbruch im Erzbergwerk Mariana in Brasilien am 5.11.2015

Dammbruch im Erzbergwerk Mariana in Brasilien am 5.11.2015

Bisher sind nach Angaben der Behörden 68 Todesopfer und etwa 350 vermisste Menschen zu verzeichnen, wobei einerseits die Überlebenschancen höher sind, als etwa bei Flutwellen oder Erdbeben, andrerseits aber auch die Meldungen wesentlich unzuverlässiger. In jedem Fall: Die Katastrophe ist größer, als jene des Dammbruchs vor drei Jahren im etwa 100 Km entfernten Mariana, die ich auch miterlebt hatte (und im LabourNet Germany darüber berichtet (erste der vielen Meldungen), u.a. mit einer Reportage). Und wenn damals neben den Todesopfern vor allem die Zerstörung mehrerer Reservate entlang des betroffenen Rio Doce katastrophale Auswirkungen hatte, so ist es diesmal anders: Der Damm eines Stausees wird von der Lawine ebenso bedroht, wie dass die Möglichkeit besteht, dass die Lawine ihren Weg entlang des Flusses Paraopebas fortsetzt, an dessen Ende einer der größten Stauseen der Welt liegt, die Turbinenlandschaft von Tres Marias.

Der zweite Dammbruch in vier Jahren?: „Da fängt die Lügenpropaganda schon an

Die öffentlichen Reaktionen waren, wie sie bei solchen Katastrophen zu sein pflegen, das ist keineswegs eine brasilianische Spezialität. Möglichst sensationelle Livebilder im Fernsehen (mit Vorliebe immer wieder die gleichen, von der Rettung einer jungen Frau, die die Feuerwehr-Hubschrauber aus dem Schlamm ziehen) und ganz bestimmt einen Helden. In diesem Fall: Eine Heldin. Majorin Carla Lessa ist die Kommandantin der Feuerwehr-Hubschrauberflotte und wird auf allen Sendern interviewt. Ihr erscheint das ganz offensichtlich ausgesprochen peinlich, aber da kennt niemand Gnade, sie kann noch so oft versichern, sie alle täten nur ihre Arbeit, nichts weiter, damit kommt sie nicht durch: Heldin.

Eben alles in diesem Tenor: Zum zweiten Mal bricht ein Damm in so kurzer Zeit. Antonio Carlos Nogueira von der Bergarbeitergewerkschaft Sindicato dos Trabalhadores Ind Ext Ferro Metais Básicos Brumadinho em Centro (STIFMBB) hatte dazu am frühen Morgen, bevor wir losgingen, einiges zu sagen: „Da fängt die Lügenpropaganda doch schon an. Sie sagen Mariana 2015 und jetzt Brumadinho. Und was ist mit den beiden Dammbrüchen in Nova Lima und Macacos, und den vielen anderen? Das waren kleinere Dämme, klar, aber es gab auch dabei Todesopfer und es waren Dammbrüche, die dasselbe Unternehmen zu verantworten hat, wie alle Dämme in diesem Bundesstaat – die Vale“.

Dieses Gespräch fand bei Morgengrauen vor einem der inzwischen 14 organisierten Unterstützungspunkte statt, in denen alles gemacht wird: Erste Hilfe, Abtransport, Verpflegung, Grundversorgung in Hygiene, Bereitstellung von Ruheplätzen – sowohl für die Feuerwehrleute und die der Defesa Civil (zivile Verteidigung, dasselbe wie das THW, nur etwas ehrlicher benannt), als auch für Betroffene. Auch sonst ist hier inzwischen alles organisiert: Kleinere Zeltstädte für die Medien gibt es ebenso, wie strikte Zugangskontrollen zum Katastrophengebiet, Straßenkontrollen, und natürlich, immer, sind Hubschrauber wenn nicht zu sehen, so zu hören, sobald sie die Chance haben, etwas zu erkennen, vor allem natürlich: Menschen, denn die Zahl der Vermissten steigt ständig, so wie sie eben gesucht werden und nicht gefunden und dann gemeldet. An jedem der Unterstützungspunkte gibt es auch eine kleine Truppe des IML (Institut für Rechtsmedizin), die all jenen, die jemand vermisst melden – sofern enger verwandt – genetisches Material „abnehmen“.

Und an diesen Unterstützungspunkten ist eben auch die Bergarbeitergewerkschaft vertreten, ganz offiziell zugelassen sozusagen, allerdings aus einem extrem unerfreulichen Grund: Viele der Vermissten sind Gewerkschaftsmitglieder. Im Unterschied zum Dammbruch von vor drei Jahren war die Belegschaft des Damms –meist Beschäftigte von Subunternehmen –  und der dazugehörenden Werkstätten usw. diesmal besonders hart betroffen: Das erste Gebäude, das die Lawine niederwalzte, war die Betriebskantine, das zweite ein Verwaltungsgebäude. Wer auf die Idee kam, solche Gebäude direkt vor dem Damm zu bauen, wird sicher irgendwann demnächst auch noch Thema werden, bisher ist es noch keines – alles steht im Schatten der Suchoperationen. Und die Gewerkschaft muss sozusagen eine Art psychologischen Betreuungsdienst organisieren, wofür sie allerdings Hilfe erhält von der Universität und einem Psychologenverband, denn die Verzweiflung der Angehörigen wächst – und nicht wenige von ihnen vermissen gleich mehrere Personen, denn bei der Vale beschäftigt zu sein, bedeutet eben verhältnismäßig gut zu verdienen und einen einigermaßen sicheren Job zu haben, weswegen eben auch hier ganze Familien arbeiten. Und wer in einem der zahlreichen Subunternehmen malocht, hatte stets die reale Chance, in Festanstellung übernommen zu werden…

Passiert ist seit Mariana nichts – das sagen alle, aber niemand sagt, warum“ – so fasst der Gewerkschaftsaktivist am frühen Morgen seine Bewertung der Ereignisse und des Medienspektakels zusammen.

Sowohl Nogueira, als auch Guilherme, wissen warum – wie viele andere auch. Die Vale bestimmt – auch das Leben – nicht nur an den vielen Orten, wo sie Niederlassungen, Bergwerke, was auch immer hat, sondern: Mehr als nirgendwo sonst im Bundesstaat Minas Gerais. Weswegen beispielsweise die Tatsache, dass vor drei Jahren noch ein PT-Gouverneur regierte, auch nichts bedeutete für die Aufklärung der damaligen Vorgänge. Das damals organisierte Tribunal – unter anderem von der MAB und den Gewerkschaften – war mit Prominenz „gespickt“, mobilisierte Tausende von Menschen und fand sogar beachtliches Medienecho – die Wirkung war: Wie gesagt. Die Vale selbst stellt sich als der größte Förderbetrieb der Welt bei Eisenerz und Nickel dar, mit Niederlassungen in über 30 Ländern, 60.000 Beschäftigten und ungezählten Subunternehmen…

Ein Aktivist der linken PSOL externer Link, mit dem ich in einem uralten VW-Bus her gefahren war, hatte das ganze so formuliert: „Wer auch immer in Minas Gouverneur ist, es regiert die Vale“. Und das schon immer, sozusagen. Ihr Wirken in Minas, Brasilien und der Welt wird in einem der viel gelobten Museen in der Landeshauptstadt Belo Horizonte gezeigt – aus Unternehmenssicht, versteht sich, die Vale hat die neue Museen-Landschaft rund um den Platz des alten Gouverneurspalasts ja entscheidend mitfinanziert… Einen Eindruck von der Vielfältigkeit dieses Wirkens bekommt man dennoch…

Und so ist denn auch die Wander-Dokumentation der Dammbrüche seit dem Jahr 2001, die die MAB organisiert hat, weitaus weniger professionell gestaltet, als die Museumsshow, auf ihre Weise ebenfalls eine Dokumentation dieser Omnipräsenz der Vale in Minas Gerais, alle diese Dammkatastrophen – sieben in siebzehn Jahren – fanden im Kernland des Bergbaus statt, in dessen imaginierter Mitte damals die neue Landeshauptstadt gebaut wurde. Und, fast schon überflüssig zu sagen, alle blieben ohne Konsequenzen für das Unternehmen, Bußgelder aus der Portokasse einmal ausgenommen.

Das „System Vale“ – das Diktat des Neoliberalismus, das Erbe Cardosos – unternehmerische Selbstkontrolle als Krisenmanagement

Was ebenfalls deutlich macht, dass es sich um eine ewige Wiederholung des gleichen Vorgehens handelt, sind die Debatten – auch in den großen Medien – um die Art und Weise, wie solche Dämme, Dammerweiterungen, Dammkorrekturen und was es da alles geben mag, ablaufen. Auch diesmal gab es, relativ kurz vor der Katastrophe, eine Sitzung des Kontrollgremiums, auf der über Erweiterungen von Dämmen beschlossen werden sollte – und wurde. Nogueira sagt dazu: „Ja, sie haben alle drei Verfahrensschritte an einem Tag gemacht und dreimal abgestimmt und dreimal war das Ergebnis 8 zu 1 für alle anstehenden Maßnahmen. Die Gegenstimme kam jedes Mal von der Vertreterin der Umweltbehörde IBAMA“.  Auf meine Frage, wer denn da so alles in solchen Kontrollorganen „tätig“ sei, antwortet er mit einem Lachen. „Das muss ich Dir ausführlich schildern, das ist repräsentativ, so ist Kapitalismus heute. Also: In den 90er Jahren, als Fernando Henrique Cardoso Präsident war (1994-2002) war die große Welle der Privatisierungen, der nur einige besonders wichtige Unternehmen, wie die Petrobras, entgingen. Aber neben den Stahlwerken und den Telefongesellschaften der Bundesstaaten, vielen Elektrizitätswerken und was weiß ich noch nicht alles mehr, wurde eben auch eines der Herzstücke der brasilianischen Wirtschaft privatisiert, die staatliche Bergbaugesellschaft Vale do Rio Doce. Die lange Jahre vor allem bedeutete: Eisenerz, und das ist immer noch die, wie man modern sagen muss, Kernkompetenz. Inzwischen hat sie aber differenziert und eben beispielsweise Nickel hinzu genommen, aber auch seltene Erden. Was dabei mit viel Medienecho eingeführt wurde, waren Kontrollorgane, Aufsichtsbehörden, für alle jene Branchen, in denen privatisiert wurde. Der Knackpunkt dabei aber ist: Jedes Unternehmen, das in der Branche für einen gewissen Prozentsatz der wirtschaftlichen Tätigkeit steht – das ist branchenweise unterschiedlich – ist mit 2 Stimmen in diesem jeweiligen Organ vertreten. Der Staat ebenfalls mit zwei – hier war es eben unter anderem die IBAMA – und das bedeutet einfach, dass die Unternehmen immer die Mehrheit haben. Und wenn die dann, bei wichtigen Entscheidungen, sich vorher abgesprochen haben, was sie natürlich tun, dann gehen die Abstimmungen ganz schnell und in ihrem Sinne vonstatten, das ist das System. Das könnte man mit viel Diplomatie Selbstkontrolle nennen, ich nenne es lieber das giftige Erbe des Präsidenten FHC“.

Derweil gehen wir weiter, stapfend, die Beine nachziehend – das Ziel ist ja nicht ein Spaziergang, sondern wir wollen einige Besuche machen, bei Betroffenen und bei Aktiven sozialer Bewegungen, die „im Schlamm“ wohnen und leben – müssen, um noch mehr über die wirklichen Erfahrungen in der Katastrophe zu erfahren.

Das mit den toten Tieren wird nicht weniger, aber das ist vergessen, als wir in Limoeira ankommen, einer blanken Ansammlung von Häusern – mit sonst nichts. Hier lebt eine Frau, die zu jenen gehört, die jetzt überall im Fernsehen kommen: Beide Söhne vermisst. Ich mag sie nichts fragen, was soll das, diese Frau leidet, sehr. Joao Guilherme, der mit einem ihrer vermissten Söhne befreundet ist, geht stattdessen zu ihr und nimmt sie in die Arme. Die brutale Geschichte ist, dass einer ihrer Söhne einige Tage vor dem Dammbruch, als er zu seiner Schicht ging, ihr sagte, er habe ein ganz komisches Gefühl, es sickere Wasser aus dem Damm. Sie, die natürlich auch stolz war, dass beide Söhne bei der Vale arbeiteten, hatte ihm gesagt, er solle ganz beruhigt sein, eine so angesehene Gesellschaft wie die Vale werde nicht zulassen, dass etwas passiere. Weswegen sie jetzt Schuldgefühle hat.

Warnungen hat es ohne Pause gegeben – nicht erst seit Mariana 2015, sondern seit Jahrzehnten: Immer wieder haben vor allem Ingenieure verschiedener beteiligter Zweige darauf hingewiesen, dass diese Dämme prinzipiell unsicher seien: Grundbestandteil ist aufgeschüttete Erde. Für jeden einzelnen der zahlreichen Dammbrüche gibt es dokumentierte Warnungen, die in der Regel aus der Belegschaft kamen, die nie gehört werden. Aber auch Umweltgruppen – die, wie man es ja auch bei uns kennt, Aktien der Vale gekauft haben, um ihre Anliegen dort vorstellen zu können – haben immer wieder und gerade auch in Brumadinho auf die bestehenden alltäglichen Gefahren hingewiesen. Umsonst, weg gewischt, missachtet, zu den Akten gelegt – ohne dass irgendeine Meldung in den Medien erschien – das geschieht erst jetzt, da es zu spät ist, für so viele Menschen und für eine weitere Region.

Über die zahlreichen Versuche speziell von Umweltgruppen werden wir bei unserem nächsten Besuch informiert, da sind wir – ungefähr 1 Kilometer und 1 Stunde quietschen weiter – bei Antonia, die auch bei der MAB ist, aber auch in einer Gruppe die „grünes Minas“ heißt. Minas Verde befasst sich speziell eben mit den Auswirkungen des Bergbaus auf die Region – samt aller dazu gehörender Nebentätigkeiten. Das sind viele – von der zahllosen LKW auf den Straßen, bis zum Äquadukt in Conceicao do Mato Dentro – etwa 300 Kilometer nördlich von hier, mit dem Erz über Hunderte von Kilometern transportiert wird.

Und die Versuche und Aktionen, die sie im Verlauf der Jahre organisiert haben, waren wirklich zahlreich und unterschiedlich, zwischen Pressekonferenz und Straßenblockaden, Demonstrationen und Aktionen vor Betriebstoren – und, Hambach winkt, durchaus nicht immer von den Belegschaften gerne gesehen. Was alle diese Aktivitäten gemeinsam haben: Sie haben zwar zunehmend mehr Menschen für diese Themen sensibilisiert, immer mehr auch mobilisiert, aber: Sie waren bisher letztendlich erfolglos. Das sieht auch Antonia so, sieht darin aber keinen Grund, damit aufzuhören, die Gefahren blieben ja, also müsse auch die Aktivität zumindestens bleiben.

Dammbruch-Katastrophe in Brumadinho, Brasilien, im Januar 2019 (Foto: PSOL)Antonio Nogueira, der Gewerkschafter der Sindicato dos Trabalhadores Ind Ext Ferro Metais Básicos Brumadinho em Centro, mit dem ich am Morgen geredet hatte, hatte bereits darauf hin gewiesen, dass sich unter der Belegschaft allmählich die Haltung ausbreite, diese Umweltthemen nicht mehr als gegen sie gerichtet zu empfinden – weil sie sehen, spüren, erleben, dass es gefährlich ist – für Alle, am meisten, wie man in Brumadinho gesehen hat, für sie selbst. Denn die meisten Opfer und Vermissten sind eben Menschen, die hier gearbeitet haben – durch die Stadt Brumadinho selbst beispielsweise zog die Lawine zwar durch, aber eben „nur“ durch 1-2 Hauptstraßen, da hat man sogar noch Glück gehabt, ist die allseits verbreitete Haltung zu diesem Geschehen…

Ganz zum Schluss unserer beschwerlichen Wanderung, die Hosenbeine längst steif vor Schmutz, kommt noch ein Hubschrauber, der uns anweisen möchte, das Gebiet sofort zu verlassen. Aber Joao Guilherme hat einen „Ausweis“: Einen Wimpel, den die Helfer bekommen, um sich zu identifizieren, also fliegen sie wieder weg, inzwischen wird es auch Dunkel und die Aktivitäten gehen für diesen Tag allmählich ihrem Ende entgegen, außer natürlich jenen in den Unterstützungspunkten selbst.

Wird sich jetzt etwas ändern? Was eröffnen sich für Perspektiven? Eröffnen sich überhaupt welche – und für wen?

Als wir wieder in unserem Ausgangs-Unterstützungspunkt zurück sind, ist es Nacht und ziemlich ruhig, neben einigen Feuerwehrleuten und einer Handvoll Krankenschwestern, die einige Leichtverletzte versorgen, die sich im Laufe des Tages eingefunden haben, ist auch Antonio Nogueira noch vor Ort, der seit Samstag hier auf einem Feldbett schläft.

Und wo sich über Tage hinweg Menschen aus Minas Gerais zusammenfinden, aus welchem Grund auch immer, darf eines nicht fehlen: Fliegende Händler, mit diversen Waren des Alltagsgebrauchs. Hier zum Beispiel hoch im Kurs: Hosen. Wir sind nicht die einzigen, deren Hosen im Schlamm erstarrten. 40 Reais – also grob 10 Euro – für eine neue Hose, das ist nicht unbedingt teuer. Ist ja auch keine besonders modische Ware. Und immerhin etwa drei mal so teuer, wie sie auf der Straße oder im Straßenhändler-Shopping-Center in Belo Horizonte verkauft werden – der Kapitalismus geht eben munter weiter. Außerdem hoch im Kurs: Bier. Wie immer: So kalt wie möglich (Eine Standardfrage: „Ist es wahr, dass die Deutschen warmes Bier trinken?“).

Bei einigen solchen, wirklich kalten, sitzen wir dann in einer Runde von sechs Leuten, die alle hier schlafen werden, weil es jetzt kein Wegkommen mehr gibt – nicht nur, weil bei Nacht die Straße gesperrt ist – auf Feldbetten oder auf dem trockenen Boden.

Und, weil alle hier schlafen werden, ist nicht nur der Vorrat groß, sondern auch die Zeit lang, die zur Debatte zur Verfügung steht. Alle sind sie Aktive sozialer Bewegungen und Organisationen und linker Parteien: Der Gewerkschafter Nogueira gehört zum PCdoB (Kommunistische Partei Brasiliens), Joao Guilherme – wie „mein“ Fahrer, von dem ich jetzt erfahre, dass er Alavio heißt – sind von der PSOL, der linken Abspaltung der Langzeit-Regierungspartei PT, Aurelio Mendonca, ein Arzt von einem großen Krankenhaus in Belo Horizonte ist von der PSTU und die Krankenschwester Flavia vom selben Krankenhaus ist bei der PSB, der brasilianischen sozialistischen Partei (deren Kandidat Ciro Gomes bei der Präsidentschaftswahl Dritter geworden war, hinter Bolsonaro und Haddad).

Ich darf die Frage stellen: Passiert diesmal was?

Fällt sogar mir auf: Während alle Männer mehr oder minder ausführlich erzählen, warum sie glauben, dass nichts passieren werde, sagt die einzige Frau der Runde einfach: „Nein“.

Auf Nachfrage führt sie dann aus: „Schau doch, was heute passiert ist – die Polizei hat zwei Ingenieure festgenommen, denen die Verantwortung zugeschoben wird. Das war in allen Medien die Nachricht des Tages. Und? Wer steckt den Vorstand der Vale ins Gefängnis? Eben, wie immer. Jetzt werden sie lang und breit diskutieren, senden, schreiben, morsen, was auch immer: Die Regierung soll dafür sorgen, dass der Vorstand zur Rechenschaft gezogen wird. Dann kommen vielleicht sogar neue Gesichter, die weiter machen werden, wie bisher. Man werde keine solche Dämme mehr bauen, das war das Statement der Vale bisher. Die anderen sind nicht sicherer…“

Was eine längere Debatte darüber auslöst, wie viel die Ingenieure wohl dafür bekommen, die Schuld auf sich zu nehmen…

Ansonsten sehen die meisten die Perspektiven so, dass es weiter gehen werde, wie bisher, niemand der Vale einen Strich durch die Rechnung machen darf – und einstweilen: Auch nicht kann. Dass jetzt von verschiedenen Seiten gefordert wird, ausgerechnet „Superminister“ Guedes (Finanzen und Wirtschaft) solle dafür sorgen, dass der „Vale-Wildwuchs“ beschnitten werde, ruft in diesem Kreis eher reichlich höhnisches Gelächter hervor. Der frühere Bertelsmann-Manager gilt als enthemmter Vorkämpfer des Neoliberalismus und will zahlreiche weitere Privatisierungs-Verbrechen durchziehen.

Der geht der Vale nur „ans Hemd“, wenn er vorher einen Deal mit einem kanadischen Bergbau-Unternehmen abgeschlossen hat“ – auf diese, kommunistische, Prognose, können sich die Anwesenden durchaus einigen. Wie auch darauf, dass es bei allen Äußerungen von Regierungsseite im besten Falle um Bauernopfer gehe – denn was verändert werden müsste, sei das System. Womit diesmal ausnahmsweise nicht der ganze Kapitalismus gemeint ist, sondern eben das System, in dem die Unternehmen sich selbst kontrollieren.

Es ist sehr spät, als wir schlafen gehen und die Stunden sind knapp und als ich am nächsten Morgen einen wehmütigen Blick auf die Reste meiner Lieblingshose werfe – im Dienste für LabourNet Germany geopfert – kommt gerade im schimmernden und flimmernden Zimmerantennen-Fernseher, dass die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer inzwischen 85 betrage – während die Zahl der Vermissten immer noch bei knapp 300 liegt. Und über 60 der offiziell registrierten Toten sind Beschäftigte der Vale – die meisten von Subunternehmen…

So ist es bei diesem „Business as usual“, wo der Kapitalismus in seinem Alltag die meisten Todesopfer fordert…

Helmut Weiß
30. Januar 2019
Belo Horizonte

P.S. Die MAB – die „Bewegung von Staudämmen Betroffener“ – bittet um Spenden externer Link für die humanitäre Bewältigung der Katastrophe