»Standortpolitik der IG Metall stört uns«

Belgische Ford-Arbeiter kämpfen um Erhalt ihrer Fabrik und kritisieren mangelnde Solidarität aus Deutschland. Ein Interview von Daniel Behruzi mit Rohnny Champagne, Präsident der Gewerkschaft ABVV Metaal in der belgischen Provinz Limburg, zuerst erschienen in der jungen Welt vom 09.11.2012

Der US-Autobauer Ford will seine Fabrik im belgischen Genk dichtmachen (siehe jW vom 25. Oktober). Am Mittwoch berichteten deutsche Medien von Ausschreitungen belgischer Arbeiter am Kölner Ford-Werk. Was war los?

250 Arbeiter aus Genk wollten dem Europamanagement von Ford in Köln am Mittwoch einen Besuch abstatten. Wir wurden aber nicht reingelassen. Daraufhin wurden Autoreifen verbrannt und Rauchbomben gezündet. Es kamen immer mehr Polizisten, die uns abdrängten. Am Ende waren mehr Polizeibeamte anwesend als Demonstranten.

Haben die Ford-Manager Angst bekommen?

Vielleicht. Wenn diese Leute beschließen, insgesamt 10000 Beschäftigten und ihren Familien die Lebensgrundlage zu entziehen, sollten sie aber auch Angst haben –nicht vor Schlägen, sondern vor den Folgen ihrer eiskalten, kapitalistischen Entscheidung. Um ihre Profite zu maximieren, zerstören sie die Zukunft so vieler Menschen. Darüber sollten sie besser zweimal nachdenken.

Vor zwei Jahren hat Opel seine Fabrik im belgischen Antwerpen dichtgemacht, jetzt folgt Ford in Genk.

Vor 15 Jahren war Belgien noch einer der weltweit größten Produktionsstandorte der Automobilindustrie. Seither geht es bergab. Ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist. Wir haben immer noch die flexibelsten Arbeitsgesetze in Europa. Natürlich gibt es auch die Diskussion über angeblich zu hohe Löhne. Aus unserer Sicht ist es aber falsch, was Deutschland macht, nämlich die Löhne zu senken, um die Standorte zu sichern. Das schafft zum einen Armut für die eigene Bevölkerung, zum anderen verstärkt es den Druck auf andere Länder, dasselbe zu tun. Konzerne wie Ford werden immer versuchen, das auszunutzen, um ihre Profite zu maximieren.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der deutschen Gewerkschaften?

Statt sich in Krisenzeiten gegenseitig zu helfen, versuchen die deutschen Gewerkschaften – insbesondere die IG Metall! – die eigenen Standorte zu sichern. Ich kann das natürlich verstehen, aber gut finde ich es nicht. Solche Dinge führen dazu, daß Deutschland gegenüber anderen Ländern Wettbewerbsvorteile hat.

Das heißt, es gibt von der IG Metall und den deutschen Belegschaften keine Unterstützung für die belgischen Kollegen?

Es wird viel geredet. Aber das einzige, auf das sich der Europäische Betriebsrat konkret verständigt hat, ist, eine große Delegation zu unserer Demonstration am Sonntag nach Genk zu schicken. Das ist alles! Ich weiß, daß auch die deutschen Gewerkschaften keine Wunder vollbringen können. Andererseits: Hätte ich in Belgien eine Macht wie die IG Metall in Deutschland, würde ich sie auch nutzen, um die Interessen der Kolleginnen und Kollegen konsequent zu vertreten. Statt dessen wird zugelassen, daß die Standorte gegeneinander ausgespielt werden. So profitiert die Ford-Fabrik in Saarlouis von Produktionsverlagerungen aus Spanien. Diese Art von Standortpolitik stört uns.

Es gibt also schon eine gewisse Solidarität, aber nie genug, um den Kampf mit einem Konzern wie Ford tatsächlich aufnehmen zu können. Wir haben das vor zwei Jahren bei Opel erlebt. Es gab zwar einige Unterstützung für Antwerpen, aber als es darauf ankam, war sich jeder selbst der nächste. Unsere Kollegen von Ford Köln versuchen schon, uns zu helfen. Aber meiner Wahrnehmung nach tut die IG Metall nicht alles, um europaweite Solidarität zwischen den Belegschaften der Autoindustrie herzustellen.

Ist es um die Solidarität zwischen den Arbeitern in Belgien und Großbritannien besser bestellt, wo ebenfalls zwei Werke geschlossen werden sollen?

Ja. Solidarität scheint einfacher zu sein, wenn beide Seiten bedroht sind. Für die britischen Kollegen sieht es noch schlechter aus als für uns, denn wegen der restriktiven Streikgesetze dürfen sie nicht einmal kurzfristig in den Ausstand treten.

Wie ist die aktuelle Situation in Genk?

Wir haben zur Zeit Kurzarbeit, da die Produktion umgebaut wird. Bis Jahresende sind nur noch acht Produktionstage geplant. Wir haben lange darüber diskutiert und entschieden, daß an den acht Tagen gearbeitet werden kann – aber daß kein einziges Auto die Fabrik verläßt. Die Tore sind blockiert und werden es solange bleiben, bis es eine Vereinbarung mit Ford gibt.