Nach 82 Tagen Besetzung, von Hundertschaften umzingelt: Die Drucker von AGR Clarin verlassen das Betriebsgelände in Buenos Aires

Der finale Aufmarsch der Polizei in Buenos Aires am 7.4.2017 wird die besetzte AGR Druckerei geräumtEs geschah bereits am Freitag, den 7. April 2017: Diesmal ohne Vorwarnung marschierten die Hundertschaften der Polizei auf und stellten der Belegschaft ein Ultimatum, bis zu dessen Ablauf am selben Tag sie die Besetzung des Firmengeländes zu beenden hätten und dieses zu verlassen. In einer sehr emotionalen Vollversammlung der Belegschaft wurde dann beschlossen, die Besetzung aufzuheben. Mitten in den zahlreichen Bemühungen, sich von dem am Tag zuvor stattgefundenen Generalstreik zu erholen, ihn zu bewerten und Überlegungen anzustellen, wie es im Kampf gegen die asoziale Politik der Regierung Macri weitergehen kann, konnte gegen diesen bereits dritten Polizeiaufmarsch gegen die Besetzung kein so massiver, solidarischer Widerstand organisiert werden, wie die beiden Male zuvor. Bei denen die Polizei, wegen der Präsenz Tausender, jeweils wieder abgezogen worden war. Weil sofort nach dem Beschluss, die Besetzung zu beenden, eine Debatte der auch in der BRD nicht unbekannten Art begann, inklusive diverser Schuldzuweisungen, unter linken gewerkschaftlichen Strömungen und ihrer jeweiligen parteipolitischen Orientierung, versuchte LabourNet Germany mit jenen Kollegen ins (Telefon)Gespräch zu kommen, die uns in diesen Monaten immer wieder mit Hinweisen und Material versorgt hatten. Sie wollten jetzt kein Gespräch, mit einer Argumentation, die sich sinngemäß übersetzen ließe mit „Oberkannte Unterlippe“. Aber einer von ihnen verwies auf seinen Schwager Andres Buoni, der – selbst kein AGR-Beschäftigter – wie viele andere auch, die Besetzung begleitet und auch praktisch unterstützt hatte. Im Folgenden das kurze Interview „Es hat schon den Geschmack, verraten worden zu sein“ vom 16. April 2017

„Es hat schon den Geschmack, verraten worden zu sein“

Andres, nach 82 Tagen Besetzung eigentlich ein eher schnelles Ende: Wie sind so die Gefühle und Stimmungen der Belegschaft?

Die Besetzer der AGR Druckerei feiern am 3.4.2017 den verhinderten PolizeiangriffNun ja, das ganze hat schon den Geschmack, verraten worden zu sein, irgendwie. Weil Du musst wissen, dass ja die ganzen Gewerkschaften, etwa die Grafiker-Föderation von Buenos Aires, bei weitem nicht alles unternommen haben, Solidarität zu organisieren. Und ich meine, wie die Kollegen auch, damit nicht unmögliche Dinge, sondern einfache, normale Sachen, die durchaus hätten gemacht werden können. Wenn beispielsweise Straßenblockaden organisiert wurden, kam es ja auch darauf an, Menschen, Kolleginnen und Kollegen, zur Teilnahme zu mobilisieren. Aber nahezu alle, die dazu kamen, kamen entweder aus persönlicher Initiative, oder weil sie zu linken politischen Zusammenhängen gehören, die mobilisiert hatten, die Gewerkschaften nicht. Und das ist nur ein Beispiel, aber vor allem deswegen ein wichtiges, weil das ja auch der Versuch war, den Medienboykott, der im ganzen Land gegen diese Aktion organisiert wurde, zu durchbrechen.

Ich meine, dass dieser Kampf schwer werden würde, war ja klar, schließlich ist die Clarin-Gruppe ja in Argentinien nicht irgendein Unternehmen, sondern finanziell und politisch eines der Wichtigsten. Das war doch klar, oder?

Natürlich, schließlich war Clarin der wichtigste Wahlkämpfer, den Macri damals hatte, die die peronistische Festung pausenlos attackierte. Und alle Beteiligten sind sich völlig sicher, dass die Unternehmensleitung während der ganzen Zeit der Besetzung in engem Kontakt mit der Regierung stand – von den Behörden ganz zu schweigen – und zwar nicht nur mit dem Arbeitsminister, sondern auch mit dem Chef persönlich. Das aber hätte man vermutlich noch aushalten können, aber es ist halt schon auch der Widerstand gegen eine enorme Macht, für die es beispielsweise recht leicht war, die gesamte Produktion von AGR binnen kürzester Frist auf andere Druckereien zu verlagern – was ja der Auslöser der Besetzung war, weil eigentlich nichts dafür sprach, dass dieser Betrieb wirklich geschlossen werden soll, viel aber dafür, dass er vorübergehend geschlossen und danach mit einer neuen Belegschaft wieder eröffnet, deren wesentlichste Eigenschaft, Du auch wirst vermuten können.

Billiger sein?

Demonstration vor der besetzten Clarin Druckerei in Buenos Aires am 24.1.2017Ja, ich denke, diese Logik kennt man in Deutschland so gut, wie anderswo. Deswegen wäre es ja so wichtig gewesen, den Druck der Zeitung zu unterbinden. Niemand weiß, wie viele Kollegen aus anderen Clarin-Druckereien das aktiv mit gemacht hätten, aber, um das zu wissen, hätte man es wenigstens einmal versuchen müssen, das eben ist, wie so vieles Andere, nicht geschehen. Aber ich will mich nicht allzu oft wiederholen, das Thema hatten wir ja schon gehabt.

Ich habe einige der Diskussionsbeiträge gelesen, die von verschiedenen linken Gruppierungen über das Besetzungsende publiziert wurden. Da werden die beiden Punkte, die wir schon angesprochen hatten, immer wieder genannt, also die eher fatale Rolle der Gewerkschaften, jedenfalls in ihrer Mehrheit und offiziellen Strukturen und die Macht Clarins. Aber es wird auch auf andere Schwächen verwiesen, von denen ich gerne wüsste, wie das in der Belegschaft gesehen wird, also vor allem eine durchaus vorhandene Kritik an der mangelnden Entschlossenheit mancher Aktionen. Ist das auch bei den Betroffenen ein Thema?

Eher nicht, weil die Kollegen zwar auch wissen, dass man etwa Straßenblockaden länger machen kann, als es geschehen ist, das ist ja eines der Dinge, die in solchen Zusammenhängen angesprochen werden. Aber mal ganz ehrlich: Erstens sind ja nun diese ganzen Aktionen erst einmal gemacht worden, und zwar von der Belegschaft beschlossen und organisiert, und sie haben ja auch alle, restlos alle, daran teilgenommen. Und zweitens: Möchtest Du Dich jeden Tag mit der Polizei prügeln? Weil, das wäre ja eine der allerwahrscheinlichsten Konsequenzen radikalerer Aktionen gewesen. Sie haben ja Widerstand geleistet, gegen die ersten Räumungsversuche, nur jetzt wirklich andauernd, das will dann doch keiner.

Ein zweites Argument einer kritischen Bewertung ist es offensichtlich, darauf zu verweisen, dass man nicht genügend unternommen habe, Strukturen aufzubauen, die über den Betrieb hinaus gegangen wären, wie wird das denn gesehen?

Das ist eigentlich so recht, bisher zumindest, kein Thema. Weil alle viel eher denken, man habe gerade hier sehr viel versucht und sei dabei durchaus erfolgreich gewesen. Also es war ja nicht nur ich, der dabei geholfen hat, das waren eine ganze Reihe von Leuten, die da richtig aktiv waren, obwohl sie nicht zur Belegschaft gehörten. Und sie waren sehr willkommen. Aber auch etwa die Ehefrauen der Kollegen haben eine Reihe wirksamer Aktionen sich einfallen lassen und organisiert, oder es gab verschiedene praktische Gemeinsamkeiten mit den Lehrerinnen und Lehrern, die gerade gegen die staatliche Kürzungspolitik kämpfen, gegen ein im wahrsten Sinne des Wortes Lohndiktat, das ihnen auferlegt werden soll. Diese Kritik erscheint mir persönlich mehr aus den politischen Vorstellungen der einen oder anderen Gruppierung zu kommen und weniger Schlussfolgerungen aus dem konkreten Kampf zu sein, aber, ich muss zugeben, dass ich mir bisher darüber nicht sehr viele Gedanken gemacht habe – und die Kollegen, mit denen ich am meisten zu tun habe, auch nicht.

Wenn ich Dich also recht verstehe, so meinst Du schon, dass diese Gruppierungen ihre eigenen Interessen verfolgen?

Können sie ja, so ist es ja gar nicht. Es ist ja ohnehin so dass das, was es an Gewerkschaftsopposition hier gibt, im Wesentlichen mit politischen Organisationen zusammenhängt, oft genug von diesen auch organisiert wurde. Was ich, und so weit ich weiß, auch alle Kollegen, zumindest bei AGR, ihnen gar nicht vorwerfen. Vorwerfen tun wir höchstens, dass sie es nicht wollen oder können, beispielsweise einen gemeinsamen Kongress zu organisieren, oder irgend etwas Vergleichbares, um ein gemeinsames Programm für diese Tage zu diskutieren und gemeinsame Aktion. Und weil es ja auch bei AGR Kollegen gibt, die solchen Gruppierungen angehören, und die durchaus eine wichtige Rolle gespielt haben, müssen natürlich Andere jetzt kommen, und es besser wissen, das muss man schon auch auf der Rechnung haben.

Aber wenn das so ist, spiegeln die dann nicht irgendwo die Spaltungen der offiziellen Gewerkschaften wieder?

Kann man auch so sehen. Nur ist natürlich die Spaltung etwa der CGT viel tiefer, jetzt haben sie ja formal wieder eine einheitliche Organisation, was aber, meiner Meinung nach, wirklich formal ist, denn die Differenzen bestehen weiter und sind grundlegend, da gibt es ja auch pro-Macri Verbände beispielsweise. Und die beiden CTA haben sich ja anhand der Haltung zur (vorherigen) Regierung Kirchner gespalten – und die „Kirchneristas“ spielen eine wichtige, aber wie ich finde, keine gute, Rolle in der Gewerkschaftsbewegung.

Und wie werden denn die weiteren Perspektiven dieses Kampfes gesehen, jetzt, nach dem Ende der Besetzung?

Nun ich glaube, individuell sehr verschieden, ich kenne natürlich nicht jede Meinung, aber doch eine ganze Reihe und die sind verschieden. Jetzt haben wir am Mittwoch (12. April) eine Demonstration organisiert, die auch ganz beachtlich Menschen mobilisiert hat, aber es war schon zu bemerken, dass erstmals eine ganze Reihe von Kollegen aus dem Betrieb nicht da waren. Der offizielle Beschluss ist, den Kampf weiter zu führen, und zu diesem Zweck vor allem Druck auf die Gewerkschaften zu machen, ihn endlich richtig zu unterstützen. Ob das allerdings diesmal gelingt, wage ich nicht zu beurteilen…