Artikel von Gaby Weber (Buenos Aires) vom 21.12.2015

die Verschwundenen von Mercedes-Benz ArgentinienÜber die enge Zusammenarbeit, während der argentinischen Militärdiktatur, von (gelben) Gewerkschaftern und der deutschen Gewerkschaftsspitze, hatte das LabourNet im Zusammenhang mit den damals verschwundenen Betriebsräten von Mercedes-Benz berichtet. Die IG Metall hatte den Chef der Automobilarbeitergewerkschaft SMATA, José Rodriguez, jahrelang unterstützt und Vorwürfe gegen ihn abgeschwächt. So hatte Rodriguez für das „Ausmerzen negativer Elemente im Werk“ (so steht es im Tarifabkommen) von den Autobauern 1 Prozent des Umsatzes kassiert und seine SMATA hatte linke Aktivisten an die Geschäftsführung verraten – Arbeiter, die dann von den Militärs gefoltert und ermordet wurden. Die IG Metall hat Rodriguez bis zu seinem Rausschmiss aus dem IMB stets treu unterstützt.

Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn liegt das Archivmaterial des DGB aus jenen Jahren. Darin finden sich eine Fülle von Eingaben von Betriebsgruppen, Gewerkschaftern und Amnesty International, die den Gewerkschaftsdachverband auf die systematische Folter und Ermordung von tausenden Argentiniern aufmerksam machen und ein Handeln fordern. Die Hälfte der etwa 30.000 „Verschwundenen“ waren Arbeiter. Und regierten nicht in Bonn die Sozialdemokraten? Ganze Aktenbände füllen diese Eingaben. Allerdings fehlt eine Reaktion des DGB. Oder um es noch klarer zu sagen: er hat einfach keinen Finger gekrümmt. Zwar gab es zwei Reisen des IBFG nach Argentinien (vom 17. bis 18. Mai 1976 und vom 21. bis 25. Februar 1977), bei denen die IBFG-Funktionäre auch mit Mitgliedern der Junta redeten. Aber außer dieser Reise ist nichts passiert, und es ist auch nicht bekannt, dass diese Reisen, außer Spesen, irgendein Ergebnis erzielt hätten.

Bei der Februar-Reise wurden dem deutschen Gewerkschaftsvertreter eine lange Unterschriftsliste von Arbeitern der Mercedes-Benz-Fabrik übergeben, in der auf die Verschleppung der Betriebsräte Reimer, Vizzini und Ventura aufmerksam gemacht wird. Zeugen, die Jahrzehnte später vor Gerichten ausgesagt haben, bestätigten, dass zum Zeitpunkt der Übergabe dieser Liste die Betriebsräte in einem geheimen Folterzentrum waren, noch am Leben. Hätte sich der DGB oder die IGM für sie eingesetzt, wären sie vielleicht noch am Leben. Warum dies nicht geschehen ist, geht aus den Akten nicht hervor. Klaus Beck, Sekretär im Bundesvorstand des DGB, behauptet, dass der Gewerkschaft dies „nicht egal gewesen“ sei. Aber warum nicht einmal eine winzig kleine Protestnote verfasst worden ist, kann er nicht beantworten.

Und dann ist da noch diese Stelle des Sozialattachés, der vom DGB und dem Bundesarbeitsministerium entsandt wird. Der soll, mit diplomatischem Status, die Beziehungen der Gewerkschaften fördern und hatte bzw. seinen Schreibtisch in der Deutschen Botschaft in Buenos Aires. 1975 hieß der Sozialattaché, was ich den Akten des Auswärtigen Amtes entnommen habe, Klaus Schierloh. In den DGB-Akten müssten sich eigentlich seine Berichte finden, ggfs. auch die Lage der Verfolgung von linken Gewerkschaftern. Es findet sich aber nicht ein einziger Bericht von ihm. Noch aufschlussreicher ist die Tatsache, dass nach dem Putsch vom März 1976 diese Stelle nicht mehr besetzt wurde. Sie blieb vakant bis Dezember 1978. Während die Folterkammern auf Hochtouren liefen, hatte die deutsche Gewerkschaftsbewegung entschieden, lieber keinen Sozialattaché nach Buenos Aires zu entsenden, erst als die schlimmste Welle der Repression vorbei war, kam wieder ein Sozialattaché (Otto Bolsch) auf diesen Posten. Aber auch dessen Berichte fehlen in den Akten. Klaus Beck, seit 1983 beim DGB, kann sich dies alles „nicht erklären“. Auf Anfrage meinte er, er wolle auch noch mal in die Akten schauen. Das ist aber auch schon mehrere Wochen her und kein einziges Blatt über die „internationale Solidarität“ ist aufgetaucht. Er kann auch nicht sagen, warum die Stelle des Sozialattaché zwischen 1975 und 78 nicht besetzt worden war.

Proteste deutscher Gewerkschafter oder deutscher Sozialdemokraten hätten das Massaker an den argentinischen Arbeitern vielleicht nicht verhindern aber doch im Umfang verringern können. Aber, nach Aktenlage, war es den Funktionären schlicht gleichgültig. Und da die Gewerkschaftspresse dieses Thema bis heute als ein Tabu behandelt und bisher kein Wort des Bedauerns geäußert wurde, ist der Schluss naheliegend, dass diese Massaker deutschen Gewerkschaftsfunktionären immer noch gleichgültig sind.

Siehe zum Hintergrund im LabourNet Germany: