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Früher Donnelley. Heute Madygraf – selbstverwaltete Druckerei und wie dies den Alltag verändert

Arbeit in der selbstverwalteten DruckereiSeit August 2014 ist der frühere Betrieb des US Multis Donnelley zur Kooperative Madygraf geworden – mit rund 200 Beschäftigten einer der größeren selbstverwalteten Betriebe Argentiniens. Über Geschichte und Gegenwart der Druckerei Madygraf der ausführliche Bericht „Selbstverwaltet mit Kinderbetreuung“ von Alix Arnold in analyse & kritik Nummer 603 vom 17. März 2015  (wir danken Redaktion und Autorin für den Beitrag) worin es unter anderem heißt „Auch die Besetzung von Donnelley hat eine langjährige Vorgeschichte. Auch hier konnten Mitglieder der PTS zusammen mit Unabhängigen den Betriebsrat übernehmen und ein Klima des Widerstands schaffen. Auf Druck der Kolleg_innen wurde eine Arbeitsschutzkommission im Betrieb eingerichtet. Mit Streiks verhinderten sie Entlassungen und setzten die Festeinstellung von Prekären durch. Immer wieder machten sie Solidaritätsstreiks und -aktionen für andere Arbeiter_innen. Bemerkenswert ist die Diskussion in der Fabrik über die Diskriminierung der LGBT-Community. Eine Transfrau, die bei Donnelley als Mann eingestellt worden war, wurde vom Betriebsrat und den (mehrheitlich männlichen) Kolleg_innen unterstützt, offen als Frau aufzutreten„.


Selbstverwaltet mit KinderbetreuungÜbernahme der US-amerikanischen Druckerei Donnelley in Buenos Aires

Zu Besuch in der besetzten Großdruckerei Donnelley, heute Kooperative Madygraf, in Buenos Aires

Bericht von Alix Arnold aus analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 603 / 17.3.2015

Seit dem Krisenabsturz 2001 haben Arbeiter_innen in Argentinien reichhaltige Erfahrungen gesammelt, wie sie den Verlust ihrer Arbeitsplätze durch Selbstverwaltung der Betriebe verhindern können. Im August 2014 ist mit der Druckerei des US-Multis Donnelley ein Betrieb übernommen worden, der in mehrfacher Hinsicht interessant ist: wegen seiner Größe, seiner Lage und seiner kampferprobten Belegschaft.

Mit 200 Kolleg_innen, die die Druckerei nun selbstverwaltet betreiben, gehört Madygraf zu den wenigen größeren übernommenen Betrieben. Die Fabrik liegt nördlich von Buenos Aires an der Autobahn Panamericana, in einem der wichtigsten Industriegebiete des Landes, das 2014 Schauplatz zahlreicher Konflikte war. Gegenüber befindet sich Ford, ein paar Kilometer weiter der Autozulieferer Lear, wo seit Mitte letzten Jahres ein hartnäckiger Kampf gegen Entlassungen tobt. Dabei wurde immer wieder die Autobahn blockiert, es kam zu heftiger Repression, aber auch zu Solidarisierung und gegenseitiger Unterstützung. Ein Kern von Lear-Arbeiter_innen konnte letztlich vor Gericht die Rücknahme der Entlassungen durchsetzen, kämpft aber bis heute um die Umsetzung des Urteils.

Gewerkschaften wie die Automobilgewerkschaft SMATA stehen solchen Bewegungen nur im Weg. Unabhängigen und organisierten Linken (vor allem der kleinen trotzkistischen Partido de los Trabajadores Socialistas PTS) ist es aber in den letzten Jahren gelungen, sich in verschiedenen Betrieben zu verankern, den Einfluss dieser bürokratischen Apparate zurückzudrängen und aktive Gegenwehr zu organisieren.

Auch die Besetzung von Donnelley hat eine langjährige Vorgeschichte. Auch hier konnten Mitglieder der PTS zusammen mit Unabhängigen den Betriebsrat übernehmen und ein Klima des Widerstands schaffen. Auf Druck der Kolleg_innen wurde eine Arbeitsschutzkommission im Betrieb eingerichtet. Mit Streiks verhinderten sie Entlassungen und setzten die Festeinstellung von Prekären durch. Immer wieder machten sie Solidaritätsstreiks und -aktionen für andere Arbeiter_innen. Bemerkenswert ist die Diskussion in der Fabrik über die Diskriminierung der LGBT-Community. Eine Transfrau, die bei Donnelley als Mann eingestellt worden war, wurde vom Betriebsrat und den (mehrheitlich männlichen) Kolleg_innen unterstützt, offen als Frau aufzutreten.

Ein Zettel am Betriebstor verkündet den Konkurs

Aufgrund all dieser Erfahrungen waren die Arbeiter_innen in der Lage, schnell zu reagieren, als sie am 11. August plötzlich das Fabriktor verschlossen vorfanden – und einen Zettel: Der Betrieb habe Konkurs angemeldet. Die sofortige Versammlung und der Beschluss, den Betrieb zu besetzen, waren vermutlich genau das Richtige. Wären die Kolleg_innen zögerlicher gewesen und Maschinen abtransportiert worden, wäre ein Neuanfang ungleich schwieriger gewesen.

Schon Monate vor der Besetzung kursierte im Netz ein 20-Sekunden-Video: Ein Gespenst geht um bei Donnelley. Man sieht eine weißgekleidete Gestalt durch die Fabrik huschen, die den Schriftzug Zanon auf dem Rücken trägt. Zur legendären Fliesenfabrik Zanon (siehe ak 532) gibt es seit längerem Kontakte. Die Druckerkolleg_innen, die nach Neuquén gefahren sind, um dort die »Fabrik unter Arbeiterkontrolle« kennenzulernen, hätten damals allerdings nie gedacht, dass sie selbst einmal diesen Weg einschlagen würden.

Im November kommt Raúl Godoy, einer der Protagonist_innen der Zanon-Besetzung, nach Buenos Aires, zum Aktionstag der Lear-Kolleg_innen und für einen Besuch bei Ex-Donnelley. Am Eingang liegt das neueste Produkt in großen Stapeln: ein Schulheft, das in 10.000er Auflage gedruckt wurde, um es kostenlos an die Kinder in den angrenzenden Arbeitervierteln zu verteilen. »Die Fabrik im Dienste der Gemeinschaft«. Das Schulheft soll ein praktisches Beispiel dafür sein, welche gesellschaftlich nützlichen Produkte hier statt der bisherigen Hochglanzzeitschriften und Werbeprospekte hergestellt werden könnten.

Der erste Raum, an dem wir vorbeikommen, ist als Seminarraum eingerichtet. Hier können Kolleg_innen Schulabschlüsse nachholen. In einem weiteren Raum mit Spielzeug wurde vor ein paar Tagen der Kindergarten des Betriebes eingeweiht. »Da seid ihr weiter als wir«, meint Raúl. Bei Zanon gibt es eine Schule, deren Abschlüsse inzwischen anerkannt werden, aber noch keinen Kindergarten. Den Vorschlag, eine Kinderbetreuung im Betrieb einzurichten, hatten die Kolleg_innen von Donnelley vorher schon ihrem Chef unterbreitet, der das jedoch ablehnte: Es würden schließlich fast ausschließlich Männer im Betrieb arbeiten, warum denn dann eine Kinderbetreuung?

Vor ein paar Tagen wurde der Kindergarten eingeweiht

Im Flur stehen mehrere Regale mit Lebensmittelspenden. Die finanzielle Lage ist prekär. Die Kooperative Madygraf hat zwar relativ schnell die amtliche Zulassung bekommen, aber es sind noch einige rechtliche und politische Hürden zu überwinden, um legal Aufträge annehmen und Rechnungen schreiben zu können. Noch werden formelle Einnahmen von den Konkursverwalter_innen einbehalten. Was an Geld reinkommt, wird unter den Kolleg_innen aufgeteilt, die sich ansonsten mit Nebenjobs durchschlagen. Von den ursprünglich 400 Beschäftigten haben sich 200 für das Weitermachen entschieden. Wie in den meisten übernommenen Betrieben sind auch hier fast alle Verwaltungsangestellten gegangen. Deren Aufgaben müssen nun die Produktionsarbeiter_innen übernehmen.

Durch lange Gänge gelangen wir in die Produktionshallen. Nur wenige Kolleg_innen stehen an den Maschinen, es gibt gerade keine Aufträge. Aber sie sind optimistisch, alte Kund_innen wiederzugewinnen. Die Produktpalette wurde nach der Besetzung erweitert: Neben einer Modezeitschrift liegt ein Stapel Plakate zur Neuveröffentlichung von Trotzki-Schriften.

Der Betrieb verfügt über die gesamte Maschinerie von der Druckplattenherstellung bis zum Binden und Schneiden. Es gibt uralte Druckmaschinen und nagelneue. Noch kurz vor der Konkursanmeldung wurden 1,5 Millionen Dollar in eine neue Maschine investiert. Ein echtes Geschenk für die Kolleg_innen, die den Betrieb übernommen haben. Auch das Papierlager ist bestens gefüllt mit aus Finnland importiertem Qualitätspapier. Warum all diese Anschaffungen kurz vor einer Betriebsschließung? Die Kolleg_innen können darüber nur spekulieren. Aber da der Betrieb noch im Vorjahr große Gewinne gemacht hat, gehen sie von einem betrügerischen Konkurs aus, um die Belegschaft loszuwerden. Der zuständige Richter hat den Konkursantrag im August einfach durchgewunken. Inzwischen ermittelt aber die Staatsanwaltschaft gegen die ehemalige Geschäftsleitung.

Auf dem Gang treffen wir die Krankenschwester des Betriebes. Sie musste früher ständig Verletzungen aus Arbeitsunfällen behandeln. Seit der Besetzung hat sich ihre Arbeit grundlegend verändert. Ihren letzten Einsatz bei der Versorgung von Verletzten hatte sie Ende Oktober beim ersten Fußballturnier von Madygraf. 28 Mannschaften aus anderen Betrieben und umliegenden Stadtteilen waren gekommen, um auf den firmeneigenen Fußballplätzen gegeneinander anzutreten, aber vor allem, um sich kennen zu lernen und aus nächster Nähe mehr über den Kampf der Madygraf-Kolleg_innen zu erfahren. Ein Tag mit viel Spaß, bei dem nebenbei die Streikkasse aufgefüllt und die Organisierung vorangetrieben wurde.

Heftig wird es bei der Frage der Arbeitsdisziplin

In der Raucherecke sitzen ein paar Kollegen, denen Raúl ausführlich von den Erfahrungen bei Zanon berichtet. Wie kann ein Betrieb nach der Besetzung auf Dauer gehalten werden? Es geht um Kontakt zu anderen Belegschaften und zur Bevölkerung, um Versammlungen und Basisdemokratie und darum, dass man eine Fabrik auch für andere Aktivitäten wie z.B. Rockkonzerte nutzen kann. Und: Sie sollten guten Mutes sein, denn im Vergleich zu Zanon, wo es Monate dauerte, bis sie die Produktion anfahren konnten, und Jahre bis zur Legalisierung, ginge das bei Madygraf doch alles rasend schnell. Ihr Antrag auf Enteignung des Betriebes wurde im Provinzparlament schon am 6. November, drei Monate nach der Besetzung, mehrheitlich angenommen.

Um 14 Uhr füllt sich die Kantine. Die Kolleg_innen kommen für eine dreistündige Versammlung zusammen. Unzählige Punkte müssen geklärt, diskutiert, entschieden werden. Kolleg_innen berichten von ihren Besuchen bei Gericht und beim Konkursverwalter. Soll die nächste Mobilisierung zum Gericht oder zum Parlament gehen? Auf jeden Fall sollen möglichst viele am Aktionstag von Lear teilnehmen! Mit dem Energieversorgungsunternehmen muss verhandelt werden. Wie sieht die Auftrags- und Finanzlage aus? Welche Möglichkeiten gibt es, die Sozialversicherung für die Kolleg_innen aufrechtzuerhalten?

Juan Pablo Hudson: Wir übernehmen. Selbstverwaltete Betriebe in Argentinien - eine militante UntersuchungViele beteiligen sich an den Diskussionen. Besonders heftig wird es bei der Frage der Arbeitsdisziplin. Kolleg_innen beklagen sich, sie hätten alleine an der Maschine gestanden, obwohl noch viel zu tun war. Es sei kein Bewusstsein dafür da, dass sie ohne Chef nun für alles selbst verantwortlich sind. Aber auch in Momenten gegenseitiger Kritik bleibt die Stimmung solidarisch, optimistisch. Der Elan aus den Anfangszeiten der Bewegung wird bei dieser Versammlung ansatzweise wieder spürbar.

Kurzlink: https://www.labournet.de/?p=78257
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