Nach Polizeiüberfall auf Learbelegschaft ordnet Gericht Rückzug der Gendarmerie an – Druckkooperative produziert Schulhefte statt Werbeprospekte…

Gegen Entlassungen beim Autozulieferer LearDer aktuelle Bericht Buenos Aires, Zona Norte: Gegen Entlassungen beim Autozulieferer Lear, für Arbeiterkontrolle in der Großdruckerei Kooperative Madygraf / Ex-Donnelley  von Alix Arnold vom 10. November 2014 über die Entwicklung zweier Arbeitskämpfe, die in Argentinien landesweite Bedeutung haben: Das Parlament kritisiert den Polizeieinsatz gegen die Straßenblockade der Lear-Belegschaft einhellig und die Belegschaft von Madygraf produziert Nützliches statt Schrott

Buenos Aires, Zona Norte: Gegen Entlassungen beim Autozulieferer Lear, für Arbeiterkontrolle in der Großdruckerei Kooperative Madygraf / Ex-Donnelley

Die Kolleg*innen des US-Multis Lear in einem der größten Industriegebiete Argentiniens, Zona Norte im Großraum Buenos Aires, kämpfen seit fünf Monaten gegen Kurzarbeit und Entlassungen (siehe bisherige Berichte bei Labournet). Das Protestzelt vor dem Betrieb an der Autobahn Panamericana ist Tag und Nacht besetzt und es gibt immer wieder Aufrufe zu Aktionstagen. Am 23. Oktober, dem 12. Aktionstag, bei dem wie bei solchen Protesten üblich die Panamericana blockiert wurde, kam es wieder einmal zu einer brutalen Repression. Obwohl nur die Light-Variante der Blockade stattfand – zwei Spuren blieben frei – ging die Gendarmerie mit Knüppeln, Tränengas und Gummigeschossen gegen die Arbeiter*innen vor. Als die Blockade bereits beendet war, verfolgten sie die Kolleg*innen bis in das Protestzelt und feuerten aus nächster Nähe mit Gummigeschossen. Es gab mehr als 50 Verletzte, dreizehn mussten im Krankenhaus behandelt werden, zum Teil mussten eingedrungene Gummigeschosse chirurgisch entfernt werden. Auch Nicolás del Caño, Parlamentsabgeordneter der trotzkistischen PTS im Wahlbündnis FIT (Frente de Izquierda y de los Trabajadores) wurde von sieben Gummigeschossen getroffen. Er brachte den Fall ins Parlament ein, wo die Repression einhellig abgelehnt wurde, und stellte gemeinsam mit ebenfalls verletzten Parteigenossen Strafanzeige. Am 4. November erhielten die Kolleg*innen eine gute Nachricht: Eine Richterin hat verfügt, dass die Gendarmerie sich aus der Gegend zurückziehen muss und nicht mehr in den Konflikt bei Lear eingreifen darf. Die Kolleg*innen sehen das als großen Erfolg der breiten Solidarität. Der für den 5. November geplante Aktionstag konnte dann unbehelligt stattfinden, mit einer Kundgebung vor dem Betrieb am Morgen, bei dem diesmal allerdings nur die Zufahrtsstraße zur Panamericana blockiert wurde, und einer Demonstration zum Arbeitsministerium am Abend. Für die kommende Woche sind weitere Aktionstage geplant.

Bei der Demonstration forderte ein Transparent Maßnahmen gegen die Überschwemmungen. Nach heftigem Dauerregen in der letzten Woche sind viele Vororte von Buenos Aires überschwemmt und Tausende mussten evakuiert werden. Betroffen ist auch der Bereich im Norden der Hauptstadt, wo viele der Kolleg*innen wohnen. Sie sehen die Wassermassen nicht als Naturkatastrohe, sondern als Folge unsozialer Politik. So habe der Bau von Countries, wie die eingezäunten Siedlungen der Reichen in Argentinien genannt werden, den Wasserhaushalt durcheinandergebracht, und diese neuen Bewohner*innen der Gegend würden ohne jede Rücksichtnahme Bäche stauen oder Schleusen öffnen, wie es ihnen passt.

Ein paar Kilometer weiter an der Panamericana liegt die Großdruckerei Donnelley, die im August von den Arbeiter*innen besetzt wurde, um die Schließung und den Abtransport der Maschinen zu verhindern (siehe Berichte). Die beiden Belegschaften unterstützen sich gegenseitig. Den Kollegen ist es relativ schnell gelungen, ihre Kooperative Madygraf eintragen zu lassen. Noch fehlen allerdings einige bürokratische Schritte, um legal produzieren und Rechnungen schreiben zu können. Sie haben zurzeit wenig Aufträge, in der Produktion sind nur ein paar Kollegen am arbeiten. Sie hoffen aber, die Produktion bald wieder hochfahren zu können und sind guten Mutes, ihre vorherigen Großkunden wiedergewinnen zu können, die teilweise schon öffentlich erklärt haben, wieder dort drucken zu lassen, sobald die bürokratischen Hindernisse beseitigt sind. Derweil haben sie 10000 Schulhefte gedruckt und an Schulen in den umliegenden Arbeitervierteln verteilt – als Beispiel dafür, welche gesellschaftlich nützlichen Produkte sie anstelle der bisherigen Modezeitschriften und Werbeprospekte herstellen könnten. Sie wollen „die Fabrik in den Dienst der Gemeinschaft stellen“ und fordern „Verstaatlichung unter Arbeiterkontrolle“. Die Gründung der Kooperative sehen sie dabei nur als Zwischenschritt und kurzfristige Lösung. Es ist nicht ihr Ziel, als Eigentümer des Betriebes auf dem Markt zu konkurrieren, sondern im Staatsauftrag für den öffentlichen Bedarf zu produzieren. Damit orientieren sie sich an den Compañer@s der Fliesenfabrik Zanon, die seit 2002 selbstverwaltet produzieren. Diese konnten die Forderung zwar bislang auch noch nicht durchsetzen, sind in ihrer Radikalität aber für viele zu einem Vorbild geworden. Schon vor der Besetzung kursierte ein Video: Ein Gespenst geht um bei Donnelley. Eine weißgekleidete Gestalt huscht durch den Betrieb, mit einem Schriftzug auf dem Rücken: Zanon.

Am 6. November fuhren 150 Kolleg*innen und Angehörige von Ex-Donnelley nach La Plata, wo das Provinzparlament über den Enteignungsantrag beschließen sollte, den der Abgeordnete der PTS/FIT Christian Castillo für die Compañeros eingebracht hatte. Sie müssen ein paar Veränderungen ihres Antrags hinnehmen. Gestrichen wurde die unentgeltliche Überlassung des Betriebes, und auch für die Verstaatlichung werden sie weiter kämpfen müssen. Aber der Enteignungsbeschluss ist ein weiterer positiver Schritt auf dem Weg zur Selbstverwaltung.