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Internationalismus wurde
durch politischen Tourismus
ersetzt
Alexander Born, Mitglied des AKI und zur Zeit beruflich in Guatemala,
befragte Roberto Madriz, Aktivist der FNL, über den zum Charakter
der gegenwärtigen Beziehungen der Gewerkschaften des Nordens
und Südens und wie sie sich verändern sollten.
Nationale Gewerkschaften und ihre Mitglieder
heute, leben wie schon seit langem scheinbar sehr unterschiedliche
Realitäten, ganz abhängig davon, ob sie in einem industrialisierten
"entwickelten" Land mit modernen Unternehmen und langer
Tradition des Arbeitskampfes leben oder in einem der sogenannten
Dritten Welt, wo sie sich den lokalen Eliten gegenüber noch
nicht haben behaupten können. Die eine Seite in dieser Logik
sieht sich als Hochlohnland, das die Gefahr sieht, an der anderen
Seite - den Billiglohnländern - zu verarmen. Sehr häufig
wird die Debatte um Gegenwart und Zukunft der Gewerkschaften darum
national geführt.
Roberto Madriz ist Mitglied der politischen
Kommission des "Frente Nacional de Lucha", einer Allianz
von 168 Organisationen aus dem Spektrum der Gewerkschaften und sozialen
Bewegungen in einem dieser kleinen Länder: dem zentralamerikanischen
Guatemala. Madriz kritisiert die Kurzsichtigkeit vieler Gewerkschaften,
die nicht erkennen, dass es viel mehr gemeinsame Interessen zwischen
den Menschen aus Nord und Süd gibt, als Unterschiede. Aber
natürlich müsse man sich für das interessieren, was
auf dieser Welt geschieht und die sozio-ökonomischen Hintergründe
verstehen. In Guatemala sei man auf diesem Wege. Solidarität
sei jetzt gefragt.
Roberto, die Thematik über die wir
heute reden ist - in dieser Form - erst wenige Jahre alt. Alle reden
davon, von der Globalisierung und ihren Folgen für die Arbeitswelt:
Ja, die Globalisierung, als die Mauer fiel,
da hat man sogar das Ende der Ideologien gepredigt. Das internationale
Kapital hat jetzt keine Nationalität mehr, keine Grenzen und
darum sind die Probleme in Guatemala nicht mehr nur noch unsere
Probleme.
Aber die nationalen Probleme bestehen
doch weiter?
Ja sicher, aber die Hauptgegner - um nicht
zu sagen Feinde, ein Wort das viele heute zurückweisen - die
sind nicht unbedingt aus Guatemala. Einen der heftigsten Kämpfe
in meinem Land haben wir gegen Unión Fenosa (Zusatz des Autors:
Am 27.10.2010, dem Tag des Interviews, wird auf einen regionalen
Führer der Protestaktionen gegen den internationalen Stromriesen
ein Mordanschlag verübt. Mateo López überlebt schwer
verletzt). Die haben ihren Hauptsitz in Barcelona, aber das Kapital
ist nicht nur spanisch, da ist auch was aus Holland drin, aus Frankreich
Man darf nicht den Wald aus den Augen verlieren, indem man immer
nur auf einen Baum starrt.
Unión Fenosa hat kürzlich
61 Mitarbeiter entlassen, weil sie im Betrieb eine Gewerkschaft
gründen wollten.
Aber nicht nur das. Sie verlangt überhöhte
Preise und viele Menschen müssen Rechnungen bezahlen, die es
schriftlich gar nicht gibt. Die sollen ganz einfach zahlen, was
man ihnen sagt. Seit Monaten gibt es gegen diese und andere skandalöse
Praktiken populären Widerstand. Mehrfach schon sind Führer
dieser Bewegung gegen Unión Fenosa ermordet worden.

Roberto, was würdest Du in diesem
Zusammenhang oder auch überhaupt aus Europa erwarten?
Nun erst einmal ganz generell. In den 80er
Jahren leistete man uns Solidarität, heute nur noch Kooperation.
NGO´s geben den sich entwickelnden Ländern Geld oder
technische Unterstützung. Dabei muss man das mit der Entwicklung
wohl in Klammern sagen, denn wir entwickeln uns ja nicht. Damals
dagegen, in den 80ern, gab es Klassen-Solidarität: Europäer
standen den Ausgebeuteten in Mittelamerika zur Seite. Das es das
kaum mehr gibt, das ist ein wirklicher Verlust, für den politischen
Kampf aber auch für die Menschen an sich. Die gegenseitige
Hilfe ist vielfach auf der Strecke geblieben. Dabei werden die Themen,
die dann alle bearbeiten, in Washington oder Berlin bestimmt, ohne
das die sozialen Bewegungen unserer Länder ihre Meinung dazu
abgeben können. Der Geist der Solidarität muss künftig
wieder gelten. Und da sind wir beim nächsten Thema. Denn was
in diesen Jahren auch verloren gegangen ist, das ist der Internationalismus.
Heute wurde das ersetzt durch, sagen wir mal, politischen Tourismus.
Die Leute kommen und machen eine Studie, der ihrer Karriere dient
und gehen wieder. Der Neoliberalismus hat eben ganz generell neoliberale
Werte geschaffen. Als hier 8 Gewerkschaftsaktivisten ermordet worden
sind, da bekamen wir über 200 Solidaritätsschreiben von
politischen Organisationen und Gewerkschaften aus Spanien, viele
schickten Briefe an die Regierung hier und baten darum, dass die
Morde aufhören. Und das hat geholfen, nicht etwa, dass die
Morde ganz aufhören, aber sie sind weniger geworden. Solidarität
hilft.
Ist diese Solidarität dann letztlich
nicht auch wieder einseitig, von Nord nach Süd?
Absolut nicht. Während der Studentenproteste
in Deutschland zum Beispiel, im vergangenen Jahr, da haben wir vor
der deutschen Botschaft protestiert und die Bilder verschickt. In
einem anderen Fall, nach einer Aktion vor der spanischen Botschaft,
gelangen die Bilder sogar in die lokalen Zeitungen. Wir informieren
die anderen und halten uns auf dem Laufenden, auch was in Europa
passiert.
Das meinst Du haben beim Thema der Solidarität
auch die europäischen Gewerkschaften zu tun?
Ja sicher doch. Die Gewerkschaften haben
Millionen Mitglieder. Es ist die Aufgabe der Gewerkschaftsvorstände
und der sozialen Bewegungen, dieses Bewusstsein wieder zu entwickeln.
Die Gewerkschaftsbewegungen müssen die ursprünglichen
Werte wiederentdecken, die sie zu Anfang hatten und nicht enge Interessen
von Gruppen oder Gremien verteidigen. Die Gewerkschaftsbewegung
muss von der Solidarität der Arbeitnehmer, durchdrungen sein.
Und das sind, auch wenn das vielen in Europa zu akzeptieren schwer
fällt, Klasseninteressen.
Hast Du gute Beispiele in Europa gesehen,
die eine ähnliche Konzeption haben?
Alles kann man verbessern. Aber die UGT in
Spanien, die arbeiten sehr stark nach außen und arbeiten an
Beziehungen. Wie das nach innen aussieht, das weiß ich nicht.
Ein Beispiel. Wir haben seit Kurzem ein Radio-Programm und wir haben
davon keine Ahnung. Jemand könnte kommen und uns dabei helfen.
Und Deutschland?
Die sind ökonomisch unglaublich stark.
Ich hatte einen Termin in einem Gebäude und von außen
sah ich den Namen der Gewerkschaft auf der siebten Etage, also dachte
ich, da sind sie also. Nein, das ganze Gebäude war ihres. Ich
bin aber nicht so sicher, ob das ein Rezept für alle ist. Hier
in Guatemala denken viele nicht mehr nur noch an das Gremium, sie
haben ein viel breiteres Panorama vor Augen, wir haben keine Scheuklappen
und denken viel politischer. Wir kämpfen heute für die
Nationalisierung des Energiesektors, obwohl wir nicht die zuständige
Gewerkschaft sind. Wir kämpfen für mehr Gesundheit. Das
ist eine sozio-politische Konzeption.
Solidarität ist ein wichtiges Konzept
nach oder von außen. Aber wie stellt sich die FNL nach innen
den Problemen?
Nun, wir versuchen unsere Mitglieder zu stärken,
nicht nur die Gewerkschaften, sondern die populären Organisationen
insgesamt. Quantitativ in dem Sinne, dass sie ihre Mitgliederzahl
erhöhen können und qualitativ, weil die Mitglieder Bewusstsein
entwickeln müssen. Das heißt auch politische Bildung.
Eine starke Organisation, die kein Bewusstsein hat, die nutzt sehr
wenig. Die kann sogar den Interessen der Gegner dienen.
Politische Bildung
ja, aber wir haben festgestellt, dass
nichts so sehr bildet, wie das gemeinsame Eintreten für Ziele,
das ist ein Kampf, zu wissen, wofür man das alles tut, auch
wenn die Ergebnisse sich nicht sofort einstellen. Also noch einmal,
Gewerkschaftsarbeit, das besteht für uns aus drei Zielen: Stärkung
der Organisationen, mehr politisches Klassenbewusstsein und mehr
Bereitschaft der Mitglieder, sich aktiv einzubringen.
Was würdest Du einem Gewerkschaftsmitglied
antworten, dem es zuerst darum geht, Auto und Urlaub bezahlen zu
können?
Das ist ganz einfach. Einem Arbeiter oder
Angestellten hilft es in keiner Weise, wenn er ein Gehalt hat, das
scheinbar immer höher wird, wenn er damit nicht besser lebt,
sondern schlechter. Es geht nicht nur um das Geld, sondern auch
um alle anderen soziale Vergünstigungen. Das wird oft vergessen.
Wenn die Kosten für Gesundheit deutlich mehr steigen, dann
wird sein Gehalt eher gekürzt. Wenn die Erziehung Stück
für Stück privatisiert wird und er auch dafür zahlen
muss, dann hilft ihm das Geld nicht mehr. Geld muss zunehmend ausgegeben
werden, um die Nachteile der Gesellschaft abzufedern. Man muss die
Gehälter immer enger Beziehung zu den möglichen sozialen
Leistungen sehen, die man haben kann und sollte.
Das Interview wurde Ende Oktober 2010 geführt.
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