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IGM-Gewerkschaftstag
Zäher Widerstand gegen den Geist der
Anpassung
Interview mit Hans Köbrich, VK-Leiter
des Motorradwerkes von BMW in Berlin und Mitglied des Arbeitskreis
Internationalismus
In der letzten SoZ haben wir einen Überblick
über die vorliegenden Anträge des Gewerkschaftstages der
IG Metall gegeben und Erfahrungen reflektiert, die den Wert einer
guten Beschlusslage relativieren. Darüber, was aus den über
500 Anträgen geworden ist und über die Beschlusslage,
können wir erst später umfassend berichten. Einen ersten
Eindruck über den Verlauf des Gewerkschaftstags gibt Hans Köbrich,
den Jochen Gester für die SoZ befragte.
Du warst als Ersatzdelegierter in Leipzig
und auch schon 2003 als Delegierter dabei.
Was waren deine Haupteindrücke und was war anders aus vor 4
Jahren?
Ich war unentschlossen, ob ich überhaupt
kandidieren soll. Die Erfahrungen mit dem letzten Gewerkschaftstag
waren ernüchternd. Weniger aufgrund des Gewerkschaftstages
selbst sondern weil aus beschlossenen Anträgen nichts gefolgt
ist. Ich hatte den Eindruck, dass die Delegierten der Basis, die
hier zu Wort kommen nicht viel ändern können. Dabei beziehe
ich mich u.a. auf den Antrag der Wolfsburger (s. SoZ 11/07) zur
internationalen Gewerkschaftsarbeit. Wir haben die Erfahrung gemacht,
dass viele der beschlossenen Anträge, die auf die Finanzierung
unser praktischen Arbeit abzielten, vom Vorstand nicht umgesetzt
wurden. Im Arbeitskreis Internationalismus konnten wir aus der positiven
Beschlusslage gar nicht oder nur wenig profitieren. Wenn man diesen
mit dem letzten Gewerkschaftstag vergleicht, muss man sagen: die
Situation 2003 war viel zugespitzter. Wir waren damals mit einer
wesentlichen Verschärfung der Sozialpolitik konfrontiert. Die
Hartz-Gesetze lagen gerade auf dem Tisch und wurden von der Gewerkschaftsbasis
scharf kritisiert, besonders die Zustimmung der Gewerkschaftsspitzen
dazu. Davon haben viele Linke profitiert, weil sie mit ihrer Kritik
die Stimmen für ein Mandat zum Gewerkschaftstag erringen konnten.
Auch der Abbruch des Streiks für Arbeitszeitverkürzung
im Osten war ein heißes Thema, das kontrovers diskutiert wurde.
Das war Stoff für eine spannende Veranstaltung. 2007 herrschte
das Bedürfnis nach Harmonie und Einheit vor. Aufgefallen ist
mir diesmal auch viel stärker, welch geringer zeitlicher Rahmen
für Diskussionen zur Verfügung stand. Für die Debatte
um die inhaltliche Ausrichtung der Organisation standen nur 2 Tage
zur Verfügung. Dominierend war die Repräsentanz nach außen.
Meiner Meinung nach reicht das für eine demokratische Willensbildung
nicht aus. Über Personalvorschläge wurde überhaupt
nicht diskutiert. 2003 hatte Klaus Ernst noch eine Gegenkandidatur
gegen die Agenda 2010 versucht, was auch einer der Grundsteine für
die Parteibildung zur WASG war. Die Frage des 1. Vorsitzenden ist
vorab entschieden worden. Ob damit eine Richtungsentscheidung verbunden
ist, wurde nicht explizit diskutiert.
Ist es denn eine?
Huber als sog. Modernisierer steht für
einen ausgeprägten Pragmatismus, der auf Kosten von Grundsatzpositionen
geht und uns schon oft Schwierigkeiten bereitet hat. In unserer
zentralistischen Organisation hat der Vorsitzende eine große
Bedeutung, vor allem für die Öffentlichkeit, die die IG
Metall darüber wahrnimmt. Der bisherige NRW-Bezirksleiter Wetzel
war wegen seiner klientelbezogenen Tarifpolitik umstritten. Er hat
Abweichungen vom Tarifvertrag nach unten vereinbart, bei denen IG
Metallmitglieder teilweise einen Ausgleichsbonus bekamen. Bei Kollegen,
die immer auf Nichtmitglieder als Trittbrettfahrer schimpfen, ist
so was populär. Doch diese Politik läuft auf einen Abschied
vom gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag hinaus, vom Anspruch die
Dinge für alle zu regeln. Ich selbst bin ja auch nicht der
typische Repräsentant der Berliner Betriebe die in der IG Metall
organisiert sind. Wegen meiner oft kritischen Position in der IG
Metall und als Vertreter einer linken Strömung bin nur Ersatzdelegierter
geworden. Hier hat meine Kritik der vereinbarten Sozialtarifverträge,
für die in Berlin gestreikt wurde, eine Rolle gespielt. Die
Mehrheit der Vertreterversammlung sieht die Rolle der IGM hier positiver
als ich. Insbesondere durch den BSH-Streiks entstanden Anträge
zur Erweiterung des Streikrechts. Die kamen auch aus anderen Verwaltungsstellen,
so z.B. aus dem Fachbereich Holz und Kunststoff. Diese Kollegen
wollten die Bereitschaft zum politischen Streik in die Satzung aufzunehmen.
Ihnen wurde entgegnet, dies würde das verfassungsmäßig
garantierte Widerstandsrecht einengen. Hier haben wir nicht aufgepasst,
so dass das Ganze mit der Begründung abgebügelt wurde,
die bestehende Satzungsformulierung in § 2 sei weitergehender.
12 Verwaltungsstellen hatten Anträge für das politische
Streikrecht gestellt, doch es gab kaum eine Debatte, was mich schwer
enttäuschte. Das Ganze wurde mit dem Hinweis auf die Gültigkeit
des Art 6 der Europäischen Sozialcharta so die Entschließung
1 für erledigt erklärt.
Bei welchen Themen gab es kontroverse Diskussionen
und zu welchem Ergebnis haben sie geführt?
Die Hauptdiskussion drehte sich um die Sozialpolitik,
war jedoch wenig kontrovers, weil einiges an Kritik in die Hauptentschließungen
1 und 4 aufgenommen wurde. Das Thema Rente mit 67 ist an einigen
Stellen nachgeschärft worden durch Ergänzungsanträge.
Die Methode, sich auf eine Veränderung der Hauptresolutionen
zu konzentrieren, war Ergebnis der Erfahrung, dass separate Anträge
meist mit der Floskel erledigt durch Entschließung
ad acta gelegt wurden. Kritisiert wurde im Plenum, dass der Kampf
gegen die Rente mit 67 zu spät aufgenommen und vorzeitig abgebrochen
wurde. Diese Anträge wurden zu Material des Vorstands. Darin
steht auch, dass diese Kampagne nicht beendet sondern spätestens
2009 zu den Wahlen weitergeführt werden soll. Nicht einverstanden
war die Mehrheit, dass 1 €-Jobs auch als eine Möglichkeit
gelten sondern plädierte für die Abschaffung.
Intensiv diskutiert wurde das Erstarken rechtsradikaler Strömungen
und Parteien insbesondere in den neuen Bundesländern geführt;
auch die Infizierung der eigenen Reihen. Hier bestand große
Einmütigkeit, dass die IG Metall hier gefordert ist, was eine
wichtige gesellschaftspolitische Positionierung ist.
Die Äußerungen von Berthold Huber zu Arbeitszeitpolitik
- von der Presse als Abschied von der 35 Stundenwoche und von weiteren
Arbeitszeitverkürzung interpretiert - brachte noch mal richtig
Schwung in die Debatte. Anträge für weitere Arbeitszeitverkürzung
wurden als Material angenommen. Huber hatte in seinem Zukunftsreferat
erklärt, die IGM könne die 35h Woche nicht wie eine Monstranz
vor sich hertragen. Man müsse den unterschiedlichen Bedingungen
bei der Arbeit Rechnung tragen. Es seien jedoch weitere Arbeitszeitverkürzung
für besonders belastete Gruppen wie Schicht- und Bandarbeiter
nötig; und bei den so genannten Kreativarbeitern.
(wie Entwicklungsingenieure) müsse es andere Arbeitszeitgestaltungen
geben. In diesem Bereich wird die gewerkschaftliche Schutzaufgabe
ja wenig wahrgenommen. Natürlich wurde das Thema Pforzheimer
Abkommen kontrovers diskutiert. Anträge, die eine Aufkündigung
des Pforzheimer Abkommens forderten, blieben erfolglos. Jedoch sollen
die Kriterien für Abweichungen von Tarifvertrag schärfer
kontrolliert werden.
Ich hatte den Einruck dass die Diskussionskultur besser geworden
ist. Moderation und Antragsberatung gingen auf Änderungsvorschläge
ein und es wurde weniger formal abgebügelt. Die Antragsberatungskommission
zeigte sich manchmal flexibel war öfter auch bereit nach entsprechendem
Diskussionsverlauf ihre Empfehlungen zu ändern.
Ausgesprochen linke GewerkschafterInnen (mit außerparlamentarischem
Ansatz) waren auf diesem Gewerkschaftstag im Gegensatz zu 2003 als
Strömung nicht zu erkennen. 2003 hatten sich die linken Delegierten
in einer eigenen Versammlung getroffen, an der über 20 Delegierte
teilnahmen. Natürlich war die parlamentarische Linke präsent.
Bewegung gab es bei diesem Gewerkschaftstag noch bei den Unvereinbarkeitsbeschlüsse.
Der als erledigt durch Praxis abgewimmelte Antrag von
2003 wurde erneut gestellt. Ca. 40 % der Delegierten stimmten für
die Aufhebung der Unvereinbarkeitsbeschlüsse.
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