Politische
Morde an Aktivisten von Gewerkschaften und Nachbarschaftskomitees
in Guatemala
Der folgende Text fasst drei Kommuniqués
zusammen, die die guatemaltekische Arbeitnehmerorganisation FNL
(Frente Nacional de Lucha) zwischen dem 10. und dem 23. März
2010 verbreitet hat. Hintergrund-Information entstammt auch früheren
Kommuniqués und Zeitungsartikeln aus Guatemala:
In Guatemala nehmen soziale Proteste und Repression
eine neue Dimension an. 14 Jahre nach Kriegsende hat sich ein transnationales
Unternehmen - der spanische Energieriese Unión Fenosa - offenbar
zunehmend in das repressive Erbe des Landes verwickelt. Seit Ende
2009 sind bislang allein acht führende Aktivisten einer Bewegung
ermordet worden, die sich gegen angeblich illegale Praktiken des
Unternehmens wehrten und eine Renationalisierung des des Energiesektors
forderten.
Nach Angaben der nationalen Aufsichtsbehörde
CNEE seien allein im abgelaufenen Jahr 300.000 Beschwerden gegen
die Firma eingegangen, zumeist wegen überhöhter Zahlungen.
Tausende beschwerten sich aber auch wegen der Versuche der Tochterunternehmen
von Unión Fenosa, die Verbraucher zu Zahlungen zu bewegen,
ohne Rechnungen vorzulegen. In 86 Prozent der Fälle sei den
Verbrauchern Recht gegeben worden. Bereits im Jahre 2004 hatte das
nationale Verfassungsgericht das Unternehmen dazu verurteilt, unberechtigte
Einnahmen in Höhe von 200 Millionen Euro wieder zurückzuzahlen.
Die von der Justiz angeordnete Rückzahlung wurde jedoch nie
unternommen.
Nach Angaben des Gewerkschaftsdachverbandes
FNL sei es darum umso weniger nachvollziehbar, dass sich die Regierung
eindeutig auf Seiten des Unternehmens stelle. Bereits sieben Male
habe man den Ausnahmezustand in besonders betroffenen Regionen verlängert
und die Versammlungsfreiheit der Menschen damit beschnitten.
Einer der jüngsten Zwischenfälle
war ausgelöst worden, weil 10 Mitarbeiter des Unternehmens
die Stromversorgung mehrerer Gemeinden lahmlegen wollten. Daraufhin
wurden sie von den Bewohnern als Geisel genommen. Nach Information
der FNL, dem mehrere der Ermordeten angehörten, hätte
die Armee das Feuer eröffnet, nachdem die Mitarbeiter von Union
Fenosa wieder freigelassen worden waren. Unter dem Vorwand des Kampfes
gegen den Drogenhandel wurden parallel zahlreiche Häuser von
Führern der Nachbarschaftskomittes durchsucht. An der koordinierten
Aktion der staatlichen Sicherheitskräfte gegen die Opposition
waren 250 Soldaten und Polizisten beteiligt.
Bei mehreren Gelegenheiten hätten zuvor
Angestellte der Union Fenosa technische Anlagen sabotiert, um dies
als Werk der Komitees darstellen zu können. Zeitungsberichte
scheinen diese Theorie zu bestätigen. Mehrere von Nachbarn
festgehaltene Saboteure hätten sich als Angestellte der Firma
herausgestellt.
Seit 2009 nimmt die Konfrontation zu. Ganze
Dörfer weigern sich, Rechnungen zu bezahlen und werden dann
oftmals von der Stromversorgung abgeschnitten. Noch vor wenigen
Tagen ist der Strompreis noch einmal angehoben worden.
Für die Gewerkschaftsorganisation FNL
sind die Geschehnisse um das transnationale Unternehmen integraler
Bestandteil der Globalisierung. Roberto Madriz verweist darauf,
dass die gesamte Gesetzgebung des Landes zunehmend den Interessen
des nationalen und internationalen Privatsektors entspricht. Vor
wenigen Tagen sei zum Beispiel ein "Gesetz zur öffentlich-privaten
Teilnahme in Sachen Infrastruktur" verabschiedet worden. Demnach
entscheiden jetzt auch Unternehmervertreter als Teil einer staatlichen
Kommission darüber, in welchen Fällen Menschen enteignet
werden sollten, deren Ländereien für übergeordnete
Infrastrukturprojekte gebraucht würden. Ein Einspruch gegen
eine solche Entscheidung sei nicht vorgesehen.
Politikwissenschaftler verweisen darauf,
dass der Staat in Guatemala traditionell schwach ist und repressive
Traditionen in Staatsorganen und Gesellschaft sehr lebendig seien.
Eine starke Präsenz transnationaler Unternehmen würde
auf dieser Basis die zaghafte Demokratisierung einer hohen Belastung
ausgesetzen und auch die Methoden, mit denen Interessen umgesetzt
werden, könnten kaum gebremst werden. Die Konsequenz: weniger
Demokratie und mehr Gewalt.
Dirk Bornschein
|