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Beschlusslage
21.o. Gewerkschaftstag der IG Metall in
Leipzig
Unter dem unverfänglichen, geradezu
zeitlosen Motto "Zukunft braucht Gerechtigkeit" findet
am 4. -10. November der 21. ordentliche Gewerkschaftstag der IG
Metall in Leipzig statt. Gewerkschaftstage laufen nach einem festen
Drehbuch ab, nicht nur, weil die zumeist Hunderte von Anträgen
diskutiert und beschieden werden müssen, sondern es für
die Exekutive ärgerlich ist sich mit Beschlüssen rumzuärgern,
die man eigentlich nicht will. Dies gelingt in der Regel auch, und
es sind schon Ereignisse, wenn KollegInnen ohne Empfehlung des Vorstands
kandidieren oder sogar gewählt werden. Auf der Presseseite
der IG Metall findet man keine inhaltliche Vorausschau über
Antragsschwerpunkte. Wichtiger ist, welche Personen der IG-Metall-Vorstand
zur Wahl vorschlägt. Das vorgesehene Führungsduo Huber/Wetzel
verspricht Kontinuität in der Politik des Co-Managements. Ein
linkes Profil hat nur Hans-Jürgen Urban, der weiter für
den Bereich Grundsatz- und Gesellschaftspolitik und strategische
Planung verantwortlich bleiben soll. Und dennoch lohnt das Studium
der 538 Anträge und 7 Entschließungsvorschläge.Sie
geben einen guten Eindruck davon, was in den einzelnen Verwaltungsstellen
diskutiert wird und welche Themen dominieren, auch wenn die Möglichkeit
der linken Opposition, ihre Anliegen auf den örtlichen Vertreterversammlungen
durchzubringen, nach wie vor sehr unterschiedlich ist.
Vergleicht man das vorliegende Material mit den 2002/03 zur Vorbereitung
der "Zukunftsdebatte" erstellten Dokumenten fällt
auf, dass die Realität des neoliberalen Gesellschaftsumbaus
heute stärker Ausdruck findet als vor vier Jahren. Der damalige
Vorsitzende Zwickel hatte damals das "Zukunftsmanifest"
vorgestellt und erklärt, er möchte die IG Metall in die
Mitte der Gesellschaft rücken. Individuelle Verantwortung für
Gemeinwesen und Sozialsysteme müssten verstärkt werden.
Die Verwandtschaft zur Philosophie der "Neuen Mitte" des
Schröder-Blair-Papiers war nicht zufällig. Davon findet
sich in den Entschließungen 1 (Gesellschaftspolitik) und 4
(Sozialpolitik) wenig wieder. Noch stärker drücken viele
Anträge den in der Bevölkerung entwickelten Unmut über
das Roll-Back-Programm der Agenda 2010 aus. Die Privatisierung der
Sozialversicherungen steht in der Kritik, besonders die Rentenpolitik.
Die Münteferingsche Rente mit 67 findet nirgendwo offene Fürsprecher.
Die meisten Anträge fordern die Rücknahme des verschobenen
Rentenzugangsalters, oft verknüpft mit der Forderung nach vorzeitiger
abschlagsfreier Verrentung nach 40 Versicherungsjahren. Auch der
Rentenbezug mit 60 soll möglich sein. Doch die Forderung nach
Rücknahme der Rente mit 67 findet sich weder im Entschließungsantrag
1 noch in 4 des Vorstands. Darauf sollten die Delegierten aber bestehen.
Erfreulich ist auch, dass mehrere Anträge die Militarisierung
der Außenpolitik und den Demokratieabbau im Inneren kritisieren.
Gefordert wird das Ende der Kriegseinsätze der Bundeswehr und
auch ihr Einsatz im Inneren, mit dem, so die Offenbacher Verwaltungsstelle,
Schäuble "das Kriegsvölkerrecht im Inneren erklären"
könnte, wird abgelehnt. Mehr als zehn Anträge behandeln
die Aktivität neofaschistischer Kräfte. Viele davon befürworten
das Verbot der NPD. Ein Antrag macht sich für die Verstärkung
der Bildungsarbeit gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus
stark. Auch sollen Opfer von Naziattacken besser geschützt
und gestärkt werden.
Etwa ein Dutzend Anträge befassen sich
mit dem kastrierten Arbeitskampfrecht in Deutschland, dem deutsche
Arbeitsgerichte zur Abwehr des Streiks der GdL gerade ein weiteres
absurdes Kapitel hinzugefügt haben. Die antragstellenden KollegInnen
vor Ort machen sich für die Ausweitung des Streikrechts stark
und wollen mehrheitlich auch das Recht auf politischen Streik haben.
Im Antragsteil über die Tarifpolitik spielt die Bewertung des
"Pforzheimer Abkommens" eine zentrale Rolle. In diesem
Vertrag hatten sich IG Metall und Gesamtmetall auf Öffnungsklauseln
des Tarifvertrags für Betriebe in Notlagen geeinigt. Die Anträge
zu diesem Thema sehen mehrheitlich die Gefahr, dass der Flächentarifvertrag
durch die gängige Praxis zu stark ausgehöhlt wird. Gefordert
werden eine restriktivere Handhabung oder eine Überprüfung
des Abkommens und stärkere Beteiligung der betroffenen Belegschaften
bei der Aushandlung der Abweichungen. Im Bereich "Bildung und
Qualifizierung" schließlich verdient Erwähnung,
dass mehrere Verwaltungsstellen sich dafür stark machen, dass
Seminare über gesellschaftspolitische Fragen nicht auf dem
Altar einer neuen BR-Dienstleistungskultur geopfert werden.
Doch auch schöne Anträge und Entschließungen
sind keine Selbstläufer. Zumindest die Anträge, die nicht
ins Konzept passen und die Praxis der dominanten Co-Management-Strömung
behindern könnten, werden nur dann mit Leben erfüllt,
wenn es eine Basis gibt, die das auch einfordern kann. Wie mühsam
das ist, soll hier an Hand einiger Anträge vorgestellt werden,
die auf dem Gewerkschaftstag 2003 durchgebracht wurden: Antrag 1.014
Verbot von Landminen, Antrag 1.023 "Legalisierung von Arbeitsmigranten",
1.054 Internationale Solidarität.
Der Landminenantrag beauftragte den Vorstand Kontakt zur Kampagne
gegen Landminen zwecks Kooperation aufzunehmen. In diese Zusammenarbeit
sollten vor allem unsere Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben
einbezogen werden, in denen Landminen (verschiedener Typen) produziert
werden. Angeregt wurde eine innergewerkschaftliche Diskussion über
Konversion und Substitution dieser in besonderer Weise inhumanen
Waffensysteme. Dieses Anliegen sollte der Vorstand über den
EMB und IMB aufnehmen und weitertreiben. Im Erledigungsvermerk des
Vorstands war dann u.a. folgendes zu lesen: "Abrüstung
und Rüstungskontrolle sind für die IG Metall unverzichtbare
Bestandteile einer globalen Friedenspolitik. Daher hat die IG Metall
in ihren betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeitszusammenhängen
auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene mit
Nachdruck die weltweite Ächtung und das Verbot von Massenvernichtungswaffen
- von Landminen, der Streumunition bis zur Atomtechnik - sowie die
strikte Kontrolle des internationalen Waffenhandels gefordert. Auch
wenn in Deutschland keine Anti-Personenminen mehr produziert werden,
ist hierzulande die Weiterentwicklung der Minentechnologie nicht
gestoppt. So werden weiter Anti-Fahrzeugminen produziert, die aufgrund
ihrer Zündertechnologie eigentlich als Anti-Personenminen zu
gelten hätten..." Peinlich. Nichts, aber auch gar nichts,
wurde unternommen um einen Beitrag für eine internationale
Kampagne zum Produktionsstop von Landminen (verschiedenen Typs)"
auch nur ansatzweise praktisch zu leisten. Reicht es nur Forderungen
an andere zu stellen ohne eigene praktische Handlungsoptionen zu
entwickeln? Wann fangen wir an über unsere eigene Verantwortung
gerade in der Rüstungsproduktion zu reden und zu einem Ausstieg
daraus zu drängen?
Gerade für die internationalistische Arbeit innerhalb der IGM
war der von den Wolfsburgern eingebrachte Antrag 1.054 "Internationale
Solidarität gegen neoliberale Globalisierung" von großem
Interesse. Entgegen der Empfehlung der Antragsberatungskommission
wurde er nicht als "Material an den Vorstand" entsorgt,
sondern vom Gewerkschaftstag angenommen.
Im Antrag wird der Vorstand damit beauftragt
u.a. folgende Maßnahmen einzuleiten:
"Die IG Metall wird auf allen Ebenen (von Vertrauensleutekörpern
bis zum Vorstand) ihre internationalen Aktivitäten verstärken.
Alle Gliederungen der IG Metall werden ermutigt und wenn nötig
unterstützt, selbständige internationale Projekte der
Kooperation und der Solidarität zu initiieren. Der Funktionsbereich
Internationales/Europa beim Vorstand der IG Metall soll diese Aktivitäten
koordinieren und unterstützen. Dazu wird sie mit den erforderlichen
materiellen und personellen Ressourcen ausgestattet." Gestützt
auf diesen Beschluss beantragte der AK Internationalismus der IG
Metall Berlin im November 2005 die Bereitstellung von Tagungsräumen
für eine geplante Internationale Konferenz von DC-Beschäftigten.
Erst nach mehrmaligen Nachhaken erhielt der AK die Antwort der Vorstand
unterstütze diese internationale Konferenz nicht, da er diese
als eine private Initiative von IG Metall-Mitgliedern betrachte.
Diese Konferenz musste dann vor allem durch Mittel der Stiftung
Menschenwürde und Arbeitswelt durchgeführt werden.
Um das Anliegen einen Beschluss des Gewerkschaftstages mit Leben
zu füllen ging es auch beim Antrag 1.023 "Legalisierung
von Menschen ohne Papiere in Deutschland und Europa" an. Darin
heißt es u.a.: "In ihren Wirkungsbereichen sind die Ortsausländerausschüsse
aufgefordert, sich um diese Menschen zu kümmern. Wichtig ist,
sie über ihre Rechte zu informieren, zu schützen, für
die IG Metall als Mitglieder zu gewinnen und sie bei der Legalisierung
zu begleiten." Die Frauengruppe des AK Internationalismus wollte
damit Ernst machen. Organisiert wurde eine kleine selbstorganisierte
Bildungsveranstaltung und weitere Treffen mit Initiativen, die Menschen
ohne Papiere schon lange unterstützen, folgten. Auch wurde
der Kontakt zum Migrationsauschuss in Berlin hergestellt. Doch es
ergaben sich mehr Fragen als Antworten: Wie suchen wir Menschen
ohne Papier auf und schaffen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit?
Welches Beratungsangebot sollte von den Gewerkschaften entwickelt
werden, um Menschen ohne Papiere anzusprechen? Wer finanziert ein
solches Beratungsangebot und Öffentlichkeitskampagne innerhalb
der IG Metall? In einem Flugblatt rief die Gruppe zu einer Spendensammlung
für eine/n LegalisierungsbegleiterIn auf. Die Resonanz am 1.Mai
2005 war gut. Doch es war klar: Wir brauchen mehr Unterstützung,
Vernetzung und Finanzierung innerhalb der IG Metall. Mit dem Migrationsausschuss
entstand ein Brief an den zuständigen Vorstandsbereich Ressort
Migration. Doch die Antwort war enttäuschend. Die von uns gewünschte
Kontaktvermittlung zu KollegInnen die zu der Umsetzung des Beschlussteils
"um die Menschen ohne Papiere zu kümmern ..." arbeiten,
wurde gar nicht beantwortet. Auch wurde keine finanzielle Unterstützung
in Aussicht gestellt. Jetzt heißt es im Erledigungsvermerk
des Vorstandes: "Innerhalb der IG Metall wurde das Thema auf
allen Ebenen aufgegriffen. So sind Verwaltungsstellen damit befasst
Beratungsstrukturen aufzubauen. ..." Schade, dass wir davon
nichts mitbekommen haben!
Jochen Gester / Ria Reich
Erschienen in der SoZ 11-2007
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