Pressestimmen zur Veröffentlichung des Tomuschat-Berichts am
8. Dezember 2003
Frankfurter Rundschau vom 9.12.2003 - mit Kommentar
Berliner Zeitung vom 9.12.2003
Vereinigte Wirtschaftsdienste am 8.12.2003
Süddeutsche Zeitung vom 9.12.2003
Junge Welt vom 9.12.2003
Frankfurter Rundschau vom 9.12.2003, S.1
VON G. RENZ (STUTTGARTI UND S. HEBEL (FRANKFURT A. M.)
Gutachten spricht Daimler trotz Kollaboration mit Folterern frei
Gut ein Dutzend Mitarbeiter von Mercedes-Benz -verschwanden zur Zeit der
Diktatur in Argentinien. Ein Gutachten spricht den Konzern frei von Schuld.
Matthias Kleinert, der "Außenminister" von Daimler-Chrysler,
kann Unmut nur unzureichend verbergen. Fragen nach Gabriele Weber beispielsweise
sind lästig. Denn die in Argentinien lebende Journalistin hat das
für den Konzern unangenehme Thema ins Rollen gebracht: 14 Gewerkschafter
von Mercedes Benz Argentinien sind in. den Jahren 1976 bis 1983 verschleppt
worden- teilweise vom Werksgelände weg.
Auch Hector Ratto gehörte der Gewerkschaft an. Ihn verhafteten Schergen
der Diktatur im Büro des Werksleiters Juan Tasselkraut. Vor dem argentinischen
Bundesgericht hatte Ratto geschildert, .Tasselkraut habe Polizisten die
Adresse eines Betriebsratskollegen mitgeteilt. Seitdem steht die Frage
im Raum, ob die Werksleitung vorsätzlich mit der Militärdiktatur
zusammengearbeitet, Gewerkschafter planmäßig "ausgeliefert"
hat.
Die Verschleppten seien eine "disparate" Gruppe gewesen, behauptet
der Völkerrechtler Christian Tomuschat, Professor an der Berliner
Humboldt- Universität. Er leitete die von Daimler-Chrysler beauftragte
"unabhängige Kommission". Rattos Bericht hält er für
"konstruiert". Da habe wohl das "Erinnerungsvermögen
versagt".
Dass im Oktober 1976 die argentinische Mercedes- Tochter 114 Gewerkschafter
entließ, sei "keine glückliche Entscheidung" gewesen,
aber immerhin von der Stuttgarter Konzernspitze kritisiert worden. Von
einem "unerbittlichen Kampf gegen Betriebsräte" könne
keine Rede sein, urteilt Tomuschat. Es lasse sich "exakt nur von
zehn Personen feststellen", dass sie während der Betriebszugehörigkeit
verschleppt wuoden seien. In ihrer Mehrzahl hätten diese "keine
gewerkschaftlichen Tätigkeiten entfaltet". Die Angehörigen
hielten ihr Verschwinden für "ein Rätsel", berichtet
der Professor von Gesprächen vor Ort. Freilich sei das Bild "nicht
ganz frei von Flecken":
Das Unternehmen habe punktuell mit den Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet
und schon mal mit Passbildern aus den Personalakten ausgeholfen oder einen
Mitarbeiter "angeschwärzt". Dies aber "reicht alles
nicht aus, Mithilfe an Mord nachzuweisen", resümiert der Gutachter
sein 136 Seiten dickes Auftrags-Konvolut.
Die Daimler-Chrysler- Manager sind zufrieden: Personalvorstand Günther
Fleig sieht den "Vorgang geklärt". Es sei "wichtig,
die sozialen Grundsätze auch in schwierigen Situationen" zu
wahren. Auch Erich Klemm, der Chef des Gesamtbetriebsrats, ist nun "sehr
froh", auf einem Gutachten bestanden zu haben. Mercedes-Benz habe
"sicher nicht die nötige Sensibilität" gezeigt, aber
die "Kernvorwürfe" seien "ausgeräumt".
Die Kritiker sehen dies anders. Der "Dachverband der kritischen Aktionäre"
nennt Tomuschats Recherche "oberflächlich". Opfer-Anwalt
Wolfgang Kaleck sagte der FR, der Bericht sei "schlechter recherchiert
und voreingenommener als ich dachte". Und die Vereinigung früherer
Mercedes-Mitarbeiter in Argentinien nannte das Auftragswerk ein "Desaster".
Tomuschat habe sich bei seinem Besuch in Buenos Aires geweigert, mit Angehörigen
der Verschleppten zu reden.
Der Völkerrechtler antwortet knapp, er habe "nicht die gesamte
Innenpolitik Argentiniens" aufarbeiten können. Das sei in der
Tat ein "Thema für Hochschüler", sekundiert Matthias
Kleinert. Für den Autokonzern ist das Thema damit erledigt. Für
die Opfer nicht.
Frankfurter Rundschau vom 9.12.2003, Kommentar S.3, von Stephan Hebel
Daimlers schwarzer Persilschein
Das sieht ja sauber aus für Daimler-Chrysler: Für die These,
dass Mitarbeiter während der argentinischen Militärdiktatur
"auf Betreiben der Unternehmensleitung" verschleppt und ermordet
wurden, gibt es "keinerlei Belege". Der bisher angesehene Völkerrechtler
Christian Tomuschat hat dem Konzern einen Persilschein ausgestellt. Es
ist ein Persilschein mit rabenschwarzen Rändern.
Zufällig machte Daimler mit der Junta gute Geschäfte. Zufällig
hatten sich die Verschwundenen in einem kämpferischen Betriebsrat
engagiert. Zufällig hatten die Arbeitgeber mit der offiziellen und
handzahmen Gewerkschaft einen Vertrag geschlossen, um die Produktion "in
Ordnung, in Frieden" zu sichern, und zwar durch "Beseitigung
aller negativen Faktoren". Zufällig sagt ein Überlebender
aus, der örtliche Mercedes-Produktionschef habe den Folterern eine
Opfer- Adresse serviert. Zufällig hat die Firma damals einen "Agitator"
bei den Geheimdiensten der Diktatur angeschwärzt. Aber der Professor
Tomuschat findet keinen "aktiven Beitrag" an den Verschleppungen.
Wahrscheinlich hat er Recht. Die Autobauer haben "in Ordnung und
Frieden" produziert. Wer diese Art von "Ordnung und Frieden
garantierte" - da sah man, wir kennen es, nicht so genau hin. Ob
ein Produktionsleiter auch noch ein paar Aufmüpfige den Folterern
direkt ans Messer lieferte, ist dann fast egal.
Dass ein Unternehmen seine Hände derart in Unschuld wäscht,
ist erwartbar. Dass ein renommierter Wissenschaftler sich dafür hergibt,
ist skandalös.
Berliner Zeitung, Dienstag, 09. Dezember 2003, von Hinnerk Berlekamp
Von allem nichts gewusst
Ein Gutachten spricht DaimlerChrysler von der Schuld am Tod von
Betriebsräten frei
Nein, Mercedes-Benz war wohl doch nicht aktiv beteiligt an der Ermordung
von
Betriebsräten in Argentinien in den Jahren der letzten Militärdiktatur.
So
jedenfalls verkündete es am vergangenen Mittwoch die Staatsanwaltschaft
Nürnberg-Fürth, und so versicherte es am Montag auch Christian
Tomuschat. Im
Auftrag von DaimlerChrysler war der Berliner Völkerrechtler ein Jahr
lang
Berichten nachgegangen, die argentinische Konzern-Tochter habe nach dem
Putsch 1976 mehr als ein Dutzend unbequeme Gewerkschafter gezielt ans
Messer
geliefert. Alles nicht wahr, lautet nun Tomuschats Fazit: Die Firma habe
sich zwar "in den Jahren der Militärjunta auf der rechten Seite
des
Spektrums positioniert und mit den Sicherheitskräften zusammengearbeitet",
wie er es nennt. Mehr aber auch nicht. DaimlerChrysler ist eben ein
ehrenwertes Unternehmen.
Zu denen, die daran zweifeln, gehört Wolfgang Kaleck. Tomuschat habe
nur
oberflächlich recherchiert, sich für die Gespräche in Argentinien
nicht
genug Zeit genommen und wichtige Zeugen gar nicht erst angehört,
sagt der
Berliner Anwalt, der im Auftrag der Koalition gegen Straflosigkeit - eines
Netzwerks von Menschenrechtsgruppen - Diktaturopfer vor der deutschen
Justiz
vertritt. Sein Urteil über Tomuschats 140-Seiten-Studie fasst Kaleck
in
einem Wort zusammen: "Weißwäscherei."
Tatsächlich bezeugt ein überlebender Betriebsrat, der damalige
Mercedes-Produktionsleiter Juan Tasselkraut habe in seinem Beisein am
12.
August 1977 die Adresse eines anderen Gewerkschafters an die Polizei
übergeben. Der Mann wurde noch in derselben Nacht verhaftet, wie
30 000
andere Diktaturopfer tauchte er nie wieder auf. Tomuschat aber hält
die
Aussage für wenig glaubwürdig. Er ist sich auch sicher, dass
Mercedes-Benz
Argentinien "aus der Militärdiktatur keinen besonderen Nutzen
gezogen" habe.
Tasselkrauts Aussage, dass nach der Liquidierung des Betriebsrates die
Produktivität im Mercedes-Werk stark anstieg, kommt bei ihm nicht
vor.
Für Tomuschat ist die Arbeit beendet. Ob Kaleck vor deutschen Gerichten
eine
Wiederaufnahme des Verfahrens erzwingen kann, ist fraglich. Geschlossen
aber
ist die Akte Mercedes-Benz noch nicht. In den USA bereiten zwei Anwälte
derzeit im Auftrag der Angehörigen der Ermordeten eine Schadenersatzklage
vor. Mag sein, dass sich die Richter dort mehr für die Zeugenaussagen
interessieren.
VWD 8.12.2003
Mercedes-Benz Argentina hat mit Geheimdiensten kooperiert
Stuttgart (vwd) - Mercedes-Benz Argentina (MBA) hat zur Zeit der
Militärdiktatur (1976-1983) zwar keine Mitarbeiter ermorden lassen,
wohl
aber mit den staatlichen Geheimdiensten kooperiert und Betriebsangehörige
dadurch gefährdet. Zu diesem Schluss kommt eine am Montag veröffentlichte
Untersuchung unter Leitung des Völkerrechtlers Christian Tomuschat
von der
Humboldt-Universität in Berlin, die der Vorstand der DaimlerChrysler
AG,
Stuttgart, im September des Vorjahres in Auftrag gegeben hatte, um
entsprechenden Verdächtigungen der Medien zu begegnen.
DaimlerChrysler hatte bei eigenen Untersuchungen keine Hinweise auf ein
Verschulden von Mitarbeitern am Verschwinden und mutmaßlichen Tod
von
Mitarbeitern der argentinischen Tochtergesellschaft gefunden. Auch anhängige
Gerichtsverfahren deuteten nicht auf eine Beteiligung hin, hieß
es von dem
Automobilhersteller. Am Mittwoch, dem 3. Dezember 2003, habe die
Staatsanwaltschaft Nürnberg die Ermittlungen gegen den ehemaligen
MBA-Manager Juan Tasselkraut eingestellt - damit sei kein Verfahren mehr
anhängig.
Die dreiköpfige Kommission, der neben Tomuschat die Wissenschaftler
David
Eberhart und Guillermo Orce angehörten, kam zu dem Schluss: "Es
gibt
keinerlei Belege für die Richtigkeit der These, dass die 10 während
der Zeit
der Militärdiktatur in den Jahren 1976 und 1977 verschwundenen
Betriebsangehörigen von MBA auf Betreiben der Unternehmensleitung
von den
staatlichen Sicherheitskräften verschleppt und ermordet worden wären."
Die
Vorwürfe gegen Juan Ronaldo Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord oder
Totschlag werden durch die Untersuchungskommission nicht erhärtet.
"Tasselkraut hat weder einen aktiven Beitrag zur Verschleppung von
Hector
Anibal Ratto geleistet, noch hat er im Falle von Diego Eustaquio Nunes
eine
Adresse mitgeteilt, die dann in der folgenden Nacht die Grundlage für
die
Verschleppung des Genannten gewesen wäre." Weiter heißt
es aber auch, dass
es zwischen MBA und den staatlichen Geheimdiensten Kontakte gegeben habe.
Der verschwundene Esteban Reimer sei von MBA bei den Geheimdiensten
verdächtigt worde, sich als Agitator zu betätigen. "Reimer
wurde auf diese
Weise in Gefahr gebracht. Anstiftung zu Verschleppung und Mord ist aber
auch
in seinem Fall weder belegbar, noch ist sie wahrscheinlich", heißt
es.
Die Konzernzentrale in Stuttgart hatte der Kommission zufolge grundsätzlich
davon Abstand genommen, sich in das Verhältnis zwischen der
Unternehmensleitung und der Belegschaft von MBA einzumischen. Deutliche
Kritik der Stuttgarter Konzernzentrale an der MBA sei allerdings auf die
Entlassung der 117 so genannten "Aktivisten" im Oktober 1975
erfolgt. Der
Untersuchungsbericht wird auf Wunsch von DaimlerChrysler veröffentlicht
und
soll zugleich den deutschen und argentinischen Ermittlungsbehörden
überlassen werden. +++ Torsten Wolf
Süddeutsche Zeitung vom 9.12.03 - Wirtschaft
Mercedes-Benz Argentinien - Keine Beteiligung an Verbrechen der Militärdiktatur
Die schweren Vorwürfe gegen Manager der argentinischen
Mercedes-Benz-Tochter, während der Militärdiktatur zur Verschleppung
und
Ermordung von Regimegegnern beigetragen zu haben, sind nach Auffassung
des
Völkerrechtlers Christian Tomuschat unbegründet.
Von Dagmar Deckstein
Tomuschat war im vergangenen Sommer von DaimlerChrysler beauftragt
worden, zu untersuchen, welche Rolle Mitarbeiter von Mercedes-Benz Argentina
zwischen 1976 und 1983 bei der Verfolgung regimekritischer Arbeitnehmer
durch die damals herrschende Militärjunta spielten.
In dem Bericht, den der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende
Tomuschat in Stuttgart vorstellte, heißt es: "Es gibt keinerlei
Belege für
die Richtigkeit der These, dass die zehn während der Zeit der
Militärdiktatur in den Jahren 1976 und 1977 verschwundenen
Betriebsangehörigen von Mercedes-Benz Argentina auf Betreiben der
Unternehmensleitung von den staatlichen Sicherheitskräften verschleppt
worden wären."
Geheimdienstkontakte
Zwar räumte Tomuschat ein, dass es Kontakte zwischen dem Mercedes-Management
und staatlichen Geheimdiensten gegeben habe, womit sich das Bild "nicht
frei
von Flecken" zeige. Geheimdienstdossiers über Regimegegner etwa
hätten die
gleichen Passbilder aufgewiesen wie Unterlagen der
Mecedes-Benz-Personalabteilung. Aber Anstiftung zu Verschleppung und Mord
seien in keinem Fall der zehn Menschenrechtsorganisationen sprechen
im
Gegensatz zur Untersuchungskommission von 14 verschwundenen
Belegschaftsmitglieder zu belegen und auch nicht wahrscheinlich.
Das dunkle Kapitel in der Firmengeschichte hatten vor allem Kritische
Aktionäre aufgeschlagen, indem sie auf Hauptversammlungen immer wieder
auf
Aufklärung drängten. Der DaimlerChrysler-Vorstand beauftragte
nach
anfänglichem Widerstand den Völkerrechtler Christian Tomuschat,
der sich
bereits als Leiter der UN-Wahrheitskommission bei der Aufklärung
von
Kriegsverbrechen in Guatemala einen Namen gemacht hat.
Seit September 2002 untersuchte Tomuschat zusammen mit dem deutschen
Politikwissenschaftler David Erhart und dem argentinischen
Rechtswissenschaftler Guillermo Orce die Vorwürfe gegen das argentinische
Mercedesmanagement. Für den jetzt vorliegenden, 136 Seiten starken
Untersuchungsbericht beschränkte sich das Trio ausschließlich
auf die
Vorwürfe, Mercedes-Manager hätten aktive Beihilfe zur Verschleppung
und
Ermordung von gewerkschaftlich organisierten Betriebsangehörigen
geleistet,
erklärte Tomuschat.
Aufgeheiztes Klima
Im Daimler-Werk in Gonzalez Catan, einem Industrievorort 40 Kilometer
von
der Hauptstadt Buenos Aires entfernt, hatten Mitte der Siebziger militante
Gewerkschafter Beschäftigte zum Streik für bessere Arbeitsbedingungen
aufgerufen. Linke Guerilleros hatten versucht, mit der Entführung
des
Werkleiters auf den betrieblichen Kampf Einfluss zu nehmen. Das alles
spielte sich im aufgeheizten politischen Klima ab, das nach der
Machtergreifung der Generäle im benachbarten Chile zwischen einer
drohenden
Militärdiktatur und einer erstarkenden revolutionären Bewegung
stand.
Schließlich putschte am 24. März 1976 das argentinische Militär;
danach
galten Gewerkschafter offiziell als Terroristen galten. 14 oder zehn
Betriebsräte des Mercedes-Benz-Werkes wurden in der Folgezeit von
Soldaten
abgeholt, und gelten bis heute als verschwunden. Sie teilen das Schicksal
von 30.000 Oppositionellen, die in Argentinien bis zum Jahr 1983 ermordet
wurden.
Vorwürfe gegen Tomuschat
Überlebende Gewerkschafter beschuldigten den damaligen Mercedes-Werksleiter
Juan Ronaldo Tasselkraut, die Adressen ihrer Kollegen ans Militär
weitergegeben zu haben. Diese Vorwürfe gegen den heute 61-jährigen
Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord oder Totschlag wurden von der Kommission
zurückgewiesen. Ein entsprechendes strafrechtliches Verfahren gegen
Tasselkraut war am 27. November dieses Jahres von der Staatsanwaltschaft
Nürnberg-Fürth eingestellt worden.
Der Dachverband der "Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre"
wirft
Tomuschats Team vor, nur oberflächlich recherchiert und angebotene
Recherchequellen nicht genutzt zu haben. Der Aktionärsverband beruft
sich
unter anderem auf die Darstellung der Journalistin Gabriele Weber, die
jahrelang in dem Fall recherchiert und 2001 ihr Buch "Die Verschwundenen
von
Mercedes-Benz" vorgelegt hatte. Tomuschat wies den Vorwurf mangelnder
Recherche zurück.
Junge Welt vom 09.12.2003, von Henry Mathews
Ignoranz statt Aufklärung
Zweifelhaftes Gutachten über verschwundene Betriebsräte bei
Mercedes
Argentinien
Der ganz große Wurf sollte es werden, die ganz große Aufklärung.
Nach einem
Jahr Recherchen legte Professor Christian Tomuschat am Montag sein Gutachten
über das Verschwinden von 16 Betriebsräten im Mercedes-Werk
González Catán
während der argentinischen Militärdiktatur in den Jahren 1976/77
vor. Dafür
wählte er nicht wie ein unabhängiger Experte seinen Arbeitsplatz,
die
Berliner Humboldt-Universität, sondern die Kulisse seines zahlenden
Auftraggebers, die Konzernzentrale von DaimlerChrysler in Stuttgart.
Kernfrage war die Verantwortung der Mercedes-Werksleitung für die
Entführung, Folterung und Ermordung der Betriebsräte, insbesondere
die
Mitschuld des damaligen Produktionsleiters Juan Tasselkraut. Der
Hauptbelastungszeuge Héctor Ratto, selbst 16 Monate lang gefolterter,
aber
der Ermordung entgangener Mercedes-Betriebsrat, hat seit 1999 mehrfach
ausgesagt, wie Tasselkraut in seinem Beisein am 12. August 1977 die Adresse
seines Kollegen Diego Núñez an die Militärs verriet.
In derselben Nacht
wurde Núñez aus seiner Wohnung und in das Folterzentrum
Campo de Mayo
verschleppt und später ermordet.
Für Tomuschat sind Rattos Schilderungen schlicht unglaubwürdig.
»Eine halbe
Stunde« habe er mit diesem wichtigsten Zeugen gesprochen, »aber
nicht alle
Aussagen für bare Münze genommen.« Statt dessen verlassen
sich der Professor
und seine zwei Koautoren auf viele Jahre ältere Aussagen von Ratto,
deren
Protokolle ihnen vorlagen und in denen sich keine Vorwürfe gegen
Tasselkraut
finden. Dabei interessiert sie offenbar wenig, daß es bei diesen
Aussagen
nur am Rande um den Mercedes-Chef ging und daß Ratto damals noch
bei der
Firma beschäftigt war. Vielmehr habe den Zeugen inzwischen »sein
Erinnerungsvermögen im Stich gelassen«, gutachtet Völkerrechtler
Tomuschat.
Die in Argentinien arbeitende deutsche Journalistin Gaby Weber, die den
Fall
1999 an Licht brachte und seitdem verfolgt, war schon bei Tomuschats
Kurzbesuchen im März und August 2003 in Argentinien über dessen
eingeschränkte Recherchetiefe besorgt. Schlagenden Beweis, wie begründet
diese Sorge war, lieferte Tomuschat am Montag auf Nachfrage selbst: Ein
zweiter Belastungszeuge gegen die Mercedes-Leitung hatte sich vor wenigen
Monaten bei Weber gemeldet, die darüber publizierte und ein Gespräch
zu
vermitteln suchte. Der deutsche Professor nahm dies nicht zur Kenntnis.
»Von
Alfredo M. weiß ich nichts«, beschied er den jetzt nachfragenden
Journalisten.
»Ein entscheidender Zeuge wurde nicht von Tomuschat gehört«,
entrüstet sich
deshalb Gaby Weber. Alfredo M., der bis 2001 als Meister bei Mercedes
Benz
beschäftigt war, wurde am 14. Dezember 1976 verschleppt und gefoltert.
Als
er am nächsten Tag zur Arbeit erschien, war Werksleiter Tasselkraut
bereits
über seine Entführung informiert.
Es gibt weitere Ungereimtheiten im Gutachten. So berichtet Ramón
Segovia von
der Gruppe »Ehemalige Mercedes-Benz-Arbeiter für Erinnerung
und
Gerechtigkeit«: »Wir haben Tomuschat angeboten, mit ihm in
die Fabrik zu
gehen und ihm zu zeigen, wo unsere Arbeitskollegen von Militärs verschleppt
wurden. Das war für uns sehr wichtig, doch Tomuschat hat das rundweg
abgelehnt.« Stellungnahme des Professors auf Nachfrage am Montag:
»So ein
Angebot habe ich nie bekommen.«
Gaby Weber erinnert, Tomuschat habe mit dem argentinischen Rechtsanwalt
der
Opfer und Hinterbliebenen, Dr. Ricardo Monner Sans, nur etwa 30 Minuten
lang
gesprochen. Das bestätigt der Gutachter und gesteht, er könne
sich
sowieso »nicht genau an das Gespräch erinnern«.
Die professorale Segnung für DaimlerChrysler steht seit Montag dennoch
schwarz auf weiß. Es gebe »keinerlei Belege« dafür,
schreibt Tomuschat als
wichtigstes Ergebnis, daß die »verschwundenen Betriebsangehörigen
auf
Betreiben der Unternehmensleitung von den staatlichen Sicherheitskräften
verschleppt und ermordet worden wären«. Die Chefs des Konzerns
möchten den
Fall denn auch zu den Akten legen.
Einen Strich durch diese Rechnung dürften ihnen zwei amerikanische
Anwälte
machen, die derzeit im Auftrag der Angehörigen der Ermordeten eine
Schadenersatzklage vorbereiten. Und US-Richter könnten sich für
mehr
Zeugenaussagen interessieren als Professor Tomuschat.
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