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| Updated: 26.02.2005 14:27 | |
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Heinrich von Pierer bläst zum Sturm auf
die 35-Stunden-Woche. Mit der Drohung der Verlagerung von Arbeitsplätzen
nach Ungarn konnte Betriebsräten und IG-Metall die 40-Stunden Woche
ohne Lohnausgleich in zwei Werken des Konzerns im Ruhrgebiet abgepresst
werden. Damit können Management und Shareholder einen wichtigen Etappensieg
für sich verbuchen. Seit der EU-Osterweiterung spielt Siemens die
Rolle des Vortrupps in einer gezielten Kampagne zur Durchsetzung von kostenloser
Mehrarbeit hierzulande. Was bedeutet nun die Einführung der 40-Stundenwoche ohne Lohnausgleich für das Unternehmen und was für Arbeitnehmer und Arbeitslose ? Welche Konsequenz ergibt sich für die Volkswirtschaften in Deutschland und bei unseren Nachbarn ? Mit der Einführung der 40-Stundenwoche ohne Lohnausgleich können sich die Eigentümer des Siemenskonzerns eine nachhaltige Erhöhung der Verzinsung ihres in den betroffenen Werken angelegten Kapitals ausrechnen. Die Belegschaften produzieren mehr bei gleichem Lohn. Die verlängerte Arbeitszeit bringt eine Verlängerung der Maschinenlaufzeiten mit sich, ergo die pro produziertem Gut veranschlagten Kosten für Anlagen oder für z.B. Gebühren für Energie, Wasser ect. sinken. Die Gewinnspanne steigt. Die Belegschaften selbst jedoch produzieren mehr an Waren,
ohne dass sie am Ende selbst einen größeren Warenkorb dafür
kaufen können. Ihr Lohn bleibt ja derselbe wie in der bisherigen
35-Stunden-Woche. Mehr Stress, größere gesundheitliche und
familiäre Probleme sind vorprogrammiert. Für die Arbeitslosen
an den betroffenen Standorten bedeuten die neuen Regelungen, dass in naher
Zukunft garantiert niemand von ihnen bei Siemens eingestellt wird. Ganz
im Gegenteil: Aufgrund der längeren Arbeitszeit pro Kollegen drohen
verstärkt erneute Entlassungen bei jeder kleinen Nachfragestockung. Was für die beiden betroffenen Betriebe gilt, droht
für die bundesdeutsche und benachbarte EU-Volkswirtschaften mit höherem
tariflichen Standard insgesamt bald zur Realität zu werden: Mit anderen Worten: In den alten Bundesländern soll schon bald mehr produziert werden bei stagnierender Kaufkraft der Arbeitnehmer - da kann ein Herr Kannegießer soviel dementieren wie er will. Die Profitrate soll auf breiter Flur erhöht werden. Das ist das Ziel, was seit Jahr und Tag von Arbeitgeberverbänden und den maßgeblichen Politikern von CDU und FDP bis weit hinein in die Regierungskoalition verfolgt wird ! Die Kehrseite der Medaille: Arbeitslose werden bei Wiedereinführung der 40-Stundenwoche nirgendwo in Deutschland von der Straße geholt. Neue Entlassungswellen sind die logische Konsequenz. – Alle Willensbekundungen, die Arbeitslosenzahlen abbauen zu wollen, entpuppen sich vor diesem Hintergrund als wohl kalkulierte Propagandalügen. Aber nicht nur das: Der dem Kapitalismus innewohnende Drang nach Kostensenkungen nicht zuletzt zu Lasten des Anteils von Löhnen und Gehältern am Sozialprodukt, muss sich zwangsläufig früher oder später gegen viele Unternehmen selbst richten. Da sowohl Arbeitgeber und Politiker im In- und Ausland die Strategie des Siemenskonzerns verfolgen, droht eine weitere Abwärtsspirale, da die Masse an unverkäuflichen Waren auf lange Sicht zunehmen muss. Vor diesem Hintergrund wirken nicht zuletzt die Kommentare
in einigen ostdeutschen Lokalzeitungen besonders abwegig. Im Auftrag des rheinischen Lokal-Berlusconis und Genscher-Intimus
soll uns MZ-Kommentator Frank Zimnol offensichtlich weismachen, längere
Arbeitszeiten und geringere Stundenlöhne in den alten Bundesländern
wären am Ende auch für den Osten gut. Bekanntlich können kostenlos länger arbeitende Arbeitnehmer in Westdeutschland auch einmal ganz schnell die Arbeit ihrer ostdeutschen Kollegen mit übernehmen, hat das Beispiel Siemens erst einmal Schule gemacht. Es steht zu befürchten, das der Appell an den undifferenzierten Wessihass Marke MZ auf fruchtbaren Boden fällt - so kulturversessene Großbourgeois wie der Kölner Verleger wissen offensichtlich immer noch sehr gut, wie man Arbeitnehmer über regionale und staatliche Grenzen hinweg gegeneinander ausspielt. Sind diverse Kommentare im Stile der MZ geradezu peinlich,
so wurden die vielen Anhänger eines Verständigungskurses mit
den Arbeitgeberverbänden ebenso vorgeführt. Die unmissverständliche Botschaft heißt: „Wir wollen, dass Ihr mehr für geringere Stundenlöhne arbeitet, auch wenn so die reale Arbeitslosigkeit weiter steigt.“ Da die EU-Osterweiterung einer der zentralen Hebel bei
der Durchsetzung kostenloser Mehrarbeit hierzulande ist, sind zwei wesentliche
Ziele weitaus energischer als bisher zu verfolgen: Die Einsicht aller Arbeitnehmer und sozial Bedürftigen in europaweite Tarifauseinandersetzungen und Löhne kann ebenso Resultat dieser fatalen Entwicklung sein. Die Gewerkschaften können auf lange Sicht nur noch als international koordiniert agierende Organisationen wirkungsvoll operieren und überleben. Alf Zachäus Text von Alf Zachäus für das Politik-Magazin "Subbotnik“ beim alternativen Radiosender "Corax" in Halle/Saale am 28.6.2004 |