Tunesien

Heute morgen um 8 treffen wir uns mit dem lokalen Gewerkschaftssekretär der UGTT von Ben Arous, einem Vorort von Tunis. Hier befindet sich ein Werk des deutschen Kabelbaum-Herstellers LEONI, zwei weitere befinden sich in anderen Landesteilen. Das Werk im Stadtteil Ezzahra soll geschlossen werden. Der Hintergrund ist eindeutig: Auch wenn die meisten hier nicht viel mehr als den Mindestlohn erhalten, ist das Lohniveau in dem Werk höher, als in den anderen LEONI-Werken. Zudem gibt es in Ben Arous eine starke Gewerkschaft. Das ist in dem Werk im mitteltunesischen Sousse nicht der Fall. Es geht der Geschäftsführung also auch darum, die Gewerkschaft zu schwächen. Im Werk selbst wurden wir sehr herzlich von den Arbeiterinnen und Arbeitern in Empfang genommen. Sie besetzen ihre Fabrik seit Juli, um die Verlagerung in das mitteltunesische Sousse zu verhindern…” – der Reisebericht und Aufruf “Solidarität mit den streikenden LEONI-Arbeiterinnen” externer Link von Christine Buchholz (DieLinke) auf ihrer Homepage, vom 21. September 2012 – und eigentlich müsste es in Nürnberg doch auch einen Betriebsrat geben, oder so… So oder so: Solidarität ist angesagt!

Quelle:  Artikel von Bernhard Schmid in der Jungle World  vom 13. September 2012 externer Link

In Tunesien greifen Salafisten immer öfter Andersdenkende an. Die islamistische Regierungspartei al-Nahda lässt sie meist gewähren, um als moderatere Alternative zu erscheinen.  Aus dem Text:

„(…) Tunesien ist das Land, in dem Salafisten derzeit am stärksten in direkte Konfrontation mit anderen Teilen der Gesellschaft getreten sind und Menschen, die von den ihren abweichende Standpunkte vertreten, offen attackieren. Einen der letzten Angriffe gab es am Montag vergangener Woche, als rund 50 Salafisten ein Hotel in Sidi Bouzid stürmten, der letzte Ort in der zentraltunesischen Stadt mit rund 40 000 Einwohnern, an dem noch offen Alkohol verkauft wurde. Zahlreiche Flaschen wurden von den Salafisten zerschlagen. Ein Augenzeuge, der gegen den Angriff protestierte, wurde von ihnen einige Stunden lang festgehalten. Sidi Bouzid gilt als »Wiege der tunesischen Revolution«. Im Dezember 2010 verbrannte sich hier der junge Prekäre Mohammed Bouazizi selbst, was als Auslöser für die folgenden Ereignisse des »Arabischen Frühlings« gilt. Im sozialen Milieu um den Gewerkschaftsbund UGTT gibt es dort eine linke politische Tradition. Gleichzeitig haben es die Salafisten in den vergangenen Monaten geschafft, sich in einem der ärmeren Viertel der Stadt festzusetzen, von wo aus sie versuchen, Andersdenkende zu terrorisieren…“

Erz-Züge habens schwer…

In mehreren Städten des Bezirks Gafsa haben am vergangenen Montag jeweils mehrere hundert Personen Gleise und Werkstätten der staatlichen Bahngesellschaft SNCFT besetzt, und so vor allem Erzzüge, aber auch Personenzüge an der Fahrt gehindert. Der Protest in der von hoher Erwerbslosigkeit geprägten Region, die auch eine Hochburg des Kampfes gegen die Diktatur des EU-Partners Ben Ali war galt den wenigen Einstellungen, die die Bahn in der Region vornahm, wird in dem Bericht “Arret total des activites de la societe tunisienne des chemins de fer dans la region de Gafsa” externer Link der Nachrichtenagentur tap vom 27. August 2012 hervorgehoben.

Streik in Sidi Bouzid

Quelle: Bericht “Tunisie : Grève générale à Sidi Bouzid” externer Link 

Am 14. August hatten zahlreiche Organisationen darunter vor allem der regionale Gewerkschaftsbund UGTT zu einem Streiktag in dem Städtchen, das als “Wiege der Revolution” gilt, aufgerufen: Es ging um Perspektiven für die Jugend im Allgemeinen – und um die Freilassung der festgenommenen Demonstranten der letzten Tage im besonderen. Der Bericht “Tunisie : Grève générale à Sidi Bouzid” externer Link von Youssf B am 14. August 2012 bei Europe Solidaire zeichnet eine erfolgreiche Aktion nach.

Siehe dazu auch: “Video der Kundgebung in Sidi Bouzid” externer Link  bei Youtube am 15. August 2012 eingestellt.

Quelle:  Mail eines Belegschaftsmitglieds

Einmal mehr profiliert sich Leoni in Tunesien als ein Unternehmen der traditionellen europäischen Art: Keine Diskussion, Willkür – und Zynismus, wie etwa das großartige Angebot an die Belegschaft in Ezzarah, die (noch) 600 Beschäftigten könnten ja mit nach Sousse umziehen… Die kurze “Mail eines Belegschaftsmitglieds  ”  vom 14. August 2012 zur aktuellen Problematik einer extrem kurzfristig verkündeten Werksschliessung ohne weitere Verhandlungsabsichten macht unter anderem auch deutlich, dass Kolonialismus keineswegs ausgestorben ist…und dass nicht nur die Belegschaft von Leoni, sondern auch benachbarter Firmen sich in Streikvorbereitung befinden.