Polen

Gefühlt 2000 Skandalberichte später scheint Aufregung nur noch schwer herstellbar zu sein. Es geht einmal mehr um Lidl, genauer gesagt um Lidl in Polen. Dort waren die Arbeitsbedingungen auch in der Vergangenheit noch härter als in Deutschland und anderen west- und nordeuropäischen Ländern, die Umgangsformen um einiges rauer. Doch offenkundig geht es immer noch schlimmer, wie Berichte Anfang des Jahres belegten: Da informierte die polnische Gewerkschaft NSZZ Solidarnosc über die Kündigung zweier gewerkschaftlich engagierter Lidl-Beschäftigter. In Polen gibt es keine Beschäftigtenvertretungen nach deutschem Muster. Vielmehr nehmen hier die Gewerkschaften selbst – in Form einer Art Betriebsgruppe – die Interessen der Belegschaft wahr“ – aus dem ausführlichen Bericht Eine Handvoll Groszy externer Link  von Gudrun Giese am 26. August 2014 in der jungen welt

Die Polnische Fluglinie LOT hat Andrez Jeżewski, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, entlassen, um damit die laufenden Tarifverhandlungen zu torpedieren. Damit tritt sie grundlegende Gewerkschaftsrechte mit Füßen – und macht sich zum Teil einer Offensiver polnischer Arbeitgeber, gegen die nun schon drei laufende LabourStart-Kampagnen mobilisieren.” LabourStart-Kampagne In Zusammenarbeit mit der internationalen Transportarbeiterföderation ITF und der Europäischen Transportarbeiterföderation (ETF) externer Link

polen lidlSeitdem bei LIDL in Polen im April 2013 betriebliche Gewerkschaftsorganisation von Solidarność gegründet wurde, hat der Konzern dort antigewerkschaftliche Taktiken angewendet. Das LIDL-Management hat sich geweigert, sich zu treffen oder mit Gewerkschaftsvertreter_innen zu sprechen, ungeachtet einer laufenden und erheblichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Dazu gehört immer mehr Arbeit für immer weniger Beschäftigte, immer höhere Arbeitsnormen und für die Mehrheit der Beschäftigten eine Weigerung des Arbeitgebers, unbefristete Arbeitsverträge auszustellen“ – aus dem Solidaritätsaufruf LIDL kann’s nicht lassen: Solidarität mit den Beschäftigten in Polen! externer Link der Labourstart – Kampagne, die seit dem 07. Juli 2014 organisiert wird. Siehe dazu auch: (weiterlesen »)

Solidarität mit Nazis?

Auch in Polen bemühen sich Rechtsextreme, die wachsende Unzufriedenheit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren – durch eine engere Kooperation mit Gewerkschaftsfunktionären
Polens traditionsreiche Gewerkschaft NSZZ Solidarnosc (“Solidarität”) wirkte im europäischen Vergleich schon immer wie ein Unikat, da in den Reihen ihrer Funktionäre und Mitglieder eine konservative politische Strömung dominiert. Diese konservative Grundausrichtung innerhalb der Solidarnosc kommt immer wieder in der kaum verhüllten Unterstützung für die rechte polnische Partei PiS (“Recht und Gerechtigkeit”) zum Ausdruck. Die von Jaroslaw Kaczynski geführte PiS ist derzeit die wichtigste Oppositionskraft in Polen
…” Artikel von Tomasz Konicz in telepolis vom 04.04.2014 externer Link

Gewerkschaften drohen mit GeneralstreikGewerkschaftsvertreter Piotr Duda drohte heute in Warschau mit einem Generalstreik. Damit verhärtet sich die Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Regierung. Die Eskalation erscheint wahrscheinlich. Artikel von Lukas Plewnia auf Polen Heute vom 24.10.2013 externer Link.  Aus dem Text: „(…) Piotr Duda, seines Zeichens Vorsitzender der Solidarnosc, kündigte heute an, es werde Generalstreiks geben, wenn die Regierung die Bedingungen der Gewerkschafter nicht erfüllt. Konkret geht es um das Abschaffen der Scheinselbständigkeit (sogenannte „Müllverträge“), das Absenken des auf 67 Jahre angehobenen Rentenalters sowie eine bessere soziale Absicherung für die ärmsten Gesellschaftsmitglieder. Hierbei kämpft Duda mit Jan Guz (OPZZ-Vorsitzender) und Tadeusz Chwalka (FZZ-Vorsitzender) zusammen…

„In Kürze wird es bei TVP Polonia, dem öffentlich-rechtlichen Auslandssender, zum Streik kommen. Von den rund 4.000 Beschäftigten hat sich zwar nur knapp die Hälfte an der landesweiten Urabstimmung beteiligt, doch davon sprachen sich fast zwei Drittel für den Arbeitskampf aus. Hintergrund sind weitreichende Restrukturierungsmaßnahmen des Telewizja Polska-Vorstandes um den Vorsitzenden Juliusz Braun. Dieser hatte bereits im Frühjahr angekündigt, über 500 etatmäßige Journalisten, Grafiker und weitere Angestellte zu entlassen. Stattdessen sollen diese Arbeiten outgesourct werden und innerhalb der Sendeanstalt nur koordiniert werden. Einsparungen von bis zu 3,5 Millionen Euro werden erwartet…Artikel von Lars Leschewitz auf Polen Heute vom 10.10.2013 externer Link

DossierPolen: Gewerkschaftsproteste im September 2013

  • Lautstarker Schweigemarsch
    Vuvuzelas statt Inhalte: Polens Gewerkschaften organisieren machtvolle Demonstration – ihrer ­eigenen Ohnmacht. Artikel von Reinhard Lauterbach, Warschau, in der jungen Welt vom 16.09.2013 externer Link. Aus dem Text: „(…) Selbst Gegner der Gewerkschaften lobten nachträglich die gute Organisation der Proteste und ihren gewaltlosen und »würdigen« Verlauf. Die Arbeitnehmerschaft habe gezeigt, daß es sie gebe, gab Aleksander Smolar, Chef der liberalen Batory-Stiftung, eine Überraschung zu Protokoll. Politiker der Regierungspartei PO bezeichneten die Demonstration dagegen als »leeres Ritual« – und sie haben nicht einmal unrecht damit. Denn mit Ausnahme des anarchosyndikalistischen Blocks wurden so gut wie keine politischen Parolen gerufen. Die wenigen Transparente, die die Delegationen der Solidarnosc mitführten, waren eher nationalistisch-parteipolitisch (»Hochverräter Tusk«) als sozial in der Aussage. Der Großteil der Demonstranten lief hinter den Schildern ihrer Betriebe oder Wohnorte unter Verbandsfahnen schweigend durch die fast ausgestorbene Warschauer Innenstadt…“ (weiterlesen »)

Bereits am ersten der geplanten landesweiten Protesttage nahmen wesentlich mehr Menschen an diesen Aktionen teil, als von den organisierenden Gewerkschaften selbst erwartet worden war. Der Bericht Gewerkschaften begannen Protesttage externer Link am 11. September 2013 bei der Infoseite Polen (weiterlesen »)

SonderAusbeutungsZone

labournet.tv

Im Sommer 2012 kam es beim chinesischen Elektronikzulieferer Chung Hong in der Sonderwirtschaftszone Kobierzyce in der Nähe von Wroclaw/Polen zu einem Arbeitskampf. Chung Hong produziert Mainboards für Monitore und Fernseher des südkoreanischen Multis LG, der ebenfalls dort angesiedelt ist. Etwa die Hälfte der 200 Arbeiter_innen organisierte sich in einer Gewerkschaftszelle und forderte verbesserte Bedingungen. Die Unternehmensleitung reagierte mit Repression. Als ein Teil der Arbeiter_innen im Juni 2012 in den Streik trat, wurden alle Beteiligten gefeuert. Im Film von SzumTV erzählen Arbeiter_innen von der miesen Fabrikarbeit, ihren schwierigen Reproduktionsbedingungen und vom Streik. Das Video bei labournet.tv (polnisch mit dt. UT | 48 min | 2013) externer Link

“Solidarnosc, „Solidarität“, hieß die polnische Gewerkschaft, die 1980 aus der Danziger Streikbewegung hervorging. Bereits im November 1980 waren von den 16 Mio. polnischen ArbeiterInnen rund 10 Mio. der Solidarnosc beigetreten. Sie hatte entscheidenden Einfluss auf den politischen Wandel in Polen…” Artikel in Direkte Aktion 218 – Juli/August 2013 externer Link

„Wir sind keine Maschinen!“ – Kampf der ArbeiterInnen einer chinesischen Elektronikfabrik in PolenElektronikfabrik in Sonderwirtschaftszone, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, Heuer-und-Feuer-Arbeitsverträge – was wir vornehmlich aus China, Malaysia oder Mexiko hören, spielt sich auch 350 Kilometer von Berlin entfernt ab. In der Sonderwirtschaftszone Wrocław-Kobierzyce in Polen, organisierten sich ArbeiterInnen seit Ende 2011 gegen die miesen Bedingungen in der Fabrik von Chung Hong Electronics, einem taiwanesisch-chinesischen Auftragsfertiger, der Komponenten für den koreanischen Elektronikriesen LG produziert. Chung Hong reagierte auf die Forderungen der ArbeiterInnen zuerst hinhaltend und später mit Repressionen. Ein Streik wurde mit der fristlosen Entlassung eines Großteils der Streikenden beantwortet. Nach seinem Scheitern organisierte die anarcho-syndikalistische Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (Arbeiterinitiative), der ein Großteil der Chung-Hong-ArbeiterInnen beigetreten war, eine Kampagne gegen Chung Hong, die Arbeitsbedingungen in den polnischen Sonderwirtschaftszonen und die von der polnischen Regierung seit dem Kriseneinbruch vorangetriebene Aufweichung des Arbeitsrechts durch die sogenannten Müll-Verträge („umowy śmieciowe“). Im Folgenden werden wir Hintergründe und Ablauf der Auseinandersetzungen um Chung Hong darstellen und diskutieren…Appendix 2 von FreundInnen von Gongchao externer Link aus: Pun Ngai, Lu Huilin, Guo Yuhua, Shen Yuan: iSlaves. Ausbeutung und Widerstand in Chinas Foxconn-Fabriken. Wien, 2013  (weiterlesen »)

“Dennoch wollen die erstmals seit Jahren wieder gemeinsam handelnden polnischen Gewerkschaften den Druck auf die Regierung Tusk weiter erhöhen. Der Streik in Schlesien sei nur eine »Generalprobe« gewesen, schrieb Rzeczpospolita. Sollte es in den nächsten Monaten keine Einigung geben, würden die Gewerkschaften in September einen landesweiten Generalstreik organisieren und »das ganze Land paralysieren «. Der Vorsitzende der Sierpien 80, Boguslaw Zietek, bezeichnete den Streik in Südpolen ebenfalls als einen bloßen »Anfang«. Das Ziel der bevorstehenden Gewerkschaftsaktivitäten bestehe darin, »die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung zu ändern«” – so schliesst der Artikel “Kurswechsel gefordertexterner Link von Tomasz Konicz am 28. März 2013 in der jungen welt

„Erstmals seit über einem Jahrzehnt fand im oberschlesischen Industriegebiet am Dienstag ein Generalstreik statt. Er dauerte nur vier Stunden, ergriff jedoch etwa 600 Betriebe. Nach Angaben des Streikkomitees nahmen daran etwa 100 000 Werktätige teil. Vor allen Wojeewodschaftsgebäuden des Landes zogen Solidaritätsposten auf. Der Streik richtete sich gegen die von der Regierung geplante Reform des Arbeitsrechts, die sogenannten »Drecksverträge« für die Einstellung von Arbeitslosen und das Fehlen eindeutiger Gesetze zum Mindestlohn….“ Artikel von Julian Bartosz, Wroclaw, im Neues Deutschland vom 27.03.2013 externer Link

“Nachdem am 11. März die Gespräche zwischen den Vertretern der Regierung und dem Gemeinsamen  Streikkomitee der Gewerkschaften (Solidarnosc, OPZZ, Forum, Sierpien80 und Kontra) ohne Ergebnisse verlief, riefen diese für den 26. März 6.00 bis 10.00 Uhr zum Generalstreik in der polnischen  Region Oberschlesien auf. (weiterlesen »)

„(…) Indes bräuchte der Ministerpräsident nur bei seinem Arbeitsministerium vorbeizuschauen, um einen Eindruck von den Problemen zu bekommen, mit denen sich immer mehr Polen konfrontiert sehen. Die offizielle Arbeitslosenquote ist im vergangenen Januar auf 14,2 Prozent geklettert, allein gegenüber dem Vormonat stieg die Erwerbslosigkeit um 0,8 Prozent. Aufgrund der lockeren Kündigungsbestimmungen im polnischen Arbeitsrecht schwillt das Heer der Arbeitslosen schnell an. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren, bei denen die Erwerbslosenquote bereits bei 28,4 Prozent liegt. Die gegenwärtige Krise revidiert somit die Entspannung auf dem Arbeitsmarkt, die im Zuge des EU-Beitritts Polens eintrat, als mehr als eine Million Arbeitsemigranten das Land in Richtung Westen verließen und die Arbeitslosenquote hierdurch von mehr als 20 Prozent auf zeitweise weniger als zehn Prozentpunkte sank…Artikel von Tomasz Konicz, zuerst erschienen in der jungen Welt vom 12.02.2013, auf der Webseite des Autors externer Link