Interview am 02.11.12 in Rotenburg vor dem Tor der Firma Neupack

Zweiter Streiktag

Interview von Freunden des Bremer Feierabends, in einer Mail an die Redaktion des LabourNet Germany vom 04.11.2012
(Wesentliche Ausschnitte aus einem spontanen Interview)

Frage: Wir haben schon einiges über die willkürlichen Bezahlungen und das Fehlen eines Tarifvertrages gehört. Wie ist denn der Streik in Gang gekommen?

Neupack-Kollege/in: Die Gewerkschaft hat ein Jahr lang versucht mit den Chefs zu verhandeln. Da kam nichts. Da hat die Belegschaft gesagt, so Leute, wir müssen irgendwas tun, damit wir vorankommen. Letztens hatten die eine Sitzung. Letzten Montag hatten wir einen Warnstreik, da ist trotzdem nichts bei rausgekommen, und da ist der Streik entstanden.

Der Gewerkschafter hat ja auch ganz zu Anfang versucht, einen Termin zu bekommen beim Chef, der Sekretär, einfach nur, um sich zu unterhalten. Er hat keinen Termin gekriegt. Er hat es ganz lange versucht, er hat es schriftlich gemacht, er ist auch persönlich da gewesen, aber ist immer abgewiesen worden und hat keinen Termin bekommen.

Frage: Und wer ist jetzt im Betrieb aktiv?

Neupack-Kollegen/in: Der Betriebsrat. Wir haben einen in Rotenburg, dann haben wir welche in Hamburg.…..

Frage: Gibt es Versammlungen? Gibt es Treffen außerhalb?

Neupack-Kollege/in: Wir haben uns vorher getroffen, da hat die Gewerkschaft gefragt, was die Belegschaft möchte….. Dass wir hier stehen, das finde ich ok so. Und hier sprechen wir jeden Tag. Wir unterhalten uns hier, in den Schichten. Und dann hat man die Möglichkeit, sich nach dem Streik zu treffen. Z.B. haben wir heute morgen um halb sechs angefangen. Und jetzt geht das bis 16 Uhr. Wir wollen, dass rund um die Uhr jemand hier ist. Die Schicht jetzt geht bis 12, das ist die Frühschicht, bis 16 Uhr ist die Zwischenschicht, dann von 16 bis 20 Uhr, dann von 20 bis 12 Uhr und dann von 12 bis 6 Uhr ..

Frage: Da braucht ihr Kraft.

Neupack-Kollegen/in: In der Nachtschicht, da brauchen wir nicht hier stehen in der Kälte. Da haben wir einen Wohnwagen, mit Heizung und allem möglichen. Da kann man sich reinsetzen. Vier Leute oder so, dass die dann da sind.

Ein kurzes Wort zu unserem Gewerkschaftssekretär. Er hat auch von Anfang an gesagt: wenn wir das machen, ich beziehe Euch überall mit ein, dann sprechen wir darüber, und wenn ihr dann sagt, wir wollen diesen Weg gehen, dann gehen wir den auch gemeinsam. Also, das muss ich schon sagen, das ist sehr gut von unserem Sekretär.

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Frage: Wie ist es mit den gesundheitlichen Sachen? Ist das schon mal gemessen worden an den Arbeitsplätzen?

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Neupack-Kollege/in: Es wurde gemessen, dann wurde über den Maschinen die Lüftung eingebaut. Das Ding ist: Wenn so ein Wetter ist, wenn es regnet, dann muss die Lüftung zugemacht werden, die Tropfen kommen sonst auf die Folie. Und dann haben wir alles drin [die Dämpfe] in der Halle. Jetzt wurde provisorisch eine Plane über die Maschine einfach festgemacht und fertig.

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Neupack-Kollege/in: Über den Maschinen ist keine Absaugung, sondern, wie der Kollege schon gesagt hat, bei Regen geht die Klappe automatisch zu, da wird nichts abgesaugt. Und das kann man in den Hallen auch riechen.

Frage: Wo geht das Material hin?

Neupack-Kollegen/in: Wir stellen Margarine-Becher her, Frischli, Aldi, wir haben viele, die bei uns die Folie bestellen……die gehen auch ins Ausland, Frankreich, Tschechoslowakei.

Frage: Wo bekommt ihr die Grundstoffe her, die für die Herstellung der Folie benötigt werden?

Neupack-Kollegen/in: Aus den Niederlanden, Polen, verschiedene.

Frage: Dann hättet ihr ja Machtmittel, den Kreislauf zu unterbrechen?

Neupack-Kollegen/in: Und das muss man sich auch erst mal bewusst machen, was man auch für Mittel hat, wenn man zusammensteht. Das ist hier wunderbar gewachsen. Es hat gedauert, aber jetzt ist es soweit.

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Frage: Wie ist die Zusammensetzung, – wieviele Leute haben einen wie man so sagt Migrationshintergrund?

Neupack-Kollegen/in: Ungefähr 80 Prozent sind Russlanddeutsche, also meist aus Kasachstan.

Frage: Und wie hat sich das ausgewirkt?

Neupack-Kollegen/in: Es hat ein bisschen gedauert. Viele waren fixiert darauf, was der Chef sagt.

Frage: Wie habt ihr darüber geredet zwischendurch? Hattet ihr Extratreffen?

Neupack-Kollegen/in: Das ging in den Pausen. Die Willkür, die hier herscht, sind die Lohnerhöhungen, du kriegst was, du kriegst nichts, du kriegst nächsten Monat. Ich z.B. hab dieses Jahr noch gar keine Lohnerhöhung gehabt, warum weiß ich nicht. Und ich weiß auch nicht, wann ich eine kriege. Ganz früher war das so, dass alle etwas im Mai bekommen haben. Und dann haben auch alle etwas gekriegt und jetzt macht er das einfach wilkürlich und sagt, diesen Monat kriegen 5 Personen, nächsten Monat kriegen auch drei Personen. Und manche rutschen ganz durch, die haben schon seit Jahren nichts mehr gekriegt.

Frage: Aber darüber habt ihr offen gesprochen?

Neupack-Kollegen/in: Da hat man sich dann drüber unterhalten und das ist dann zusammengewachsen.

Frage: Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Neupack-Kollegen/in: Erst mal gerechte Löhne und Gehälter und dann die Arbeitsbedingungen. Die könnten besser sein. – Da gibt es viele Sachen, die wir hin und her schleppen müssen. Wir haben auch vernünftige Podeste aber nicht überall. Bei der Pet-Anlage [PET ist einer von drei Kunsstoffen, die in Rotenburg hergestellt werden, außerdem PS, PD ] in der neuen Halle ist es im Sommer ganz heiß, 40 Grad, bis 50 Grad. … Die Folie wird erst mal nur auf Rollen gewickelt. Rechts ist die neue Halle und hinten die Produktion. Wenn ein Packer jetzt mal auf Toilette muss, muss man ständig hin vom Warmen ins Kalte oder 150 Meter weit laufen. Die Lichtverhältnisse in der neuen Halle sind katastrophal. Der Betriebsrat hat das gesagt, aber es rührt sich nichts. Seit 2 Jahren ist nichts passiert.

Frage: Und wie wird das jetzt eingebracht?

Neupack-Kollegen/in: Wir sind noch nicht so lange im Streik, aber erst mal den Tarifvertrag, dann geht das weiter.


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IG BCE SekretärRajko Pientka (aus der Ansprache vorm Tor): „Es ist ein äußerst erfolgreichen Start gewesen. Ich bin stolz auf euch, dass ihr das alles so gut hingekriegt habt. Und ich glaube, dass wir das hier bis zum Abschluss eines Tarifvertrags durchhalten und dass die Familie Krüger, die sich nach wie vor weigert– das zeigen die Reaktionen jetzt auf den Streik – irgendwann einlenkt. Neben der Tatsache, dass da jetzt diverse Körperverletzungen stattgefunden haben, die auch hier in Rotenburg stattgefunden haben,— mit Überfahren; und in Hamburg auch mit tätlichen Angriffen. Bei einer Kollegin, die auch nicht so leicht verletzt ist, müssen wir mal gucken, wie sich das entwickelt, —- dass diese Gewaltanwendung stattfindet. Damit verlässt die Familie Krüger den Boden der Rechtsstaatlichkeit. Da sind von uns als Organisation, als IG BCE, Strafanzeigen gestellt worden. Es zeigt auch deutlich, dass bei der Familie Krüger überhaupt kein Unrechtsbewusstsein vorhanden ist. Und sie auf Teufel komm raus, egal was das kostet, ob das eure Gesundheit kostet, ob das deren Image kostet, oder auch ihr eigenes Geld, sie sich auf keine Zugeständnisse einlassen wollen, jedenfalls bisher. Wenn man sich anguckt, was sie weiter machen, dass sie eine Reihe von Rechtsverletzungen weiterhin durchführen. Wir sind im Moment dabei, uns auf Verfahren vorzubereiten, was die Frage der Maßregelungen angeht. Falls die Leute direkt benachteiligt werden, weil sie jetzt ihr demokratisches Grundrecht wahrnehmen am Streik teilzunehmen. Nämlich indem schwarze Listen geführt werden. Das ist rechtswidrig. Indem Videoaufnahmen gemacht werden, – das ist rechtswidrig,- dagegen werden wir vorgehen. Wir haben da auch prominente Unterstützung bekommen, neben den Anwälten, die auch sehr gut sind, die der BR bisher hat, haben wir als IG BCE auch noch Christian Schoof hinzugezogen. Das ist ein ausgewiesener Experte im Arbeitkampfrecht und auch im sonstigen Arbeitsrecht. Und Christian Schoof wird jetzt mit uns gemeinsam gegen sämtliche Rechtsbrüche, die hier begangen werden, vorgehen. Und ich bin mir sicher, dass das irgendwann Wirkung zeigen wird. Dass zumindest die Familie Krüger und die Angestellten hier angewiesen werden, irgendwann auf den Boden der Rechtsstaatlichkeit zurückzukommen. Und dann mit den legalen Mitteln des Arbeitskampfes die Auseinandersetzung hier führen. Und dann wird es natürlich darauf ankommen, dass ihr zusammensteht. Und durchhaltet. Es ist unwahrscheinlich wichtig, dass ihr ein starkes Signal setzt, dass ihr geschlossen seid. Und dass wir viel Unterstützung bekommen. Und die ist heute auch da.“