Erich Kassel an den Jour-Fixe Hamburg u.a.

Liebe Freunde vom Jour-Fixe Hamburg,
liebe Unterstützer der Neupack-KollegInnen in Bremen und Hamburg

Über das Labournet ging eine Antwort auf meine Kritik  zum Jour-Fixe-Info 22 zu. (siehe hier ) Verfasser ist Christian vom Soli-Komitee Hamburg. Die Überschrift ist „An Erich und alle lesenden ArbeiterInnen, 2. April 2013“. Warum Unterstützer von Hamburg und Bremer das nicht unter sich in Ruhe besprechen können, ist schlecht, denn es gibt unterschiedliche Eindrücke in Rotenburg und Hamburg, die ausgetauscht werden müssen. Unterschiede gibt es nicht in der Einschätzung der IG BCE-Politik, doch das wird unterstellt mit „zentrale Versatzstücke der öffentlichen Sprachregelung der IGBCE-Führung unkritisch als Argumente angeführt“. Wo schrieben wir das??

Dass ich nicht die IG BCE-Positionen vertrete, müsste jede/r wissen, die oder der mich kennt. So riefen mich zwei Bremer Unterstützer gleich an und meinten, der im Labournet genannte Erich, „das bist doch nicht du“.

Meine Absicht war, LeserInnen darauf aufmerksam machen, dass wir bei Arbeitskämpfen die wirklichen Kräfte in ihrer Entwicklung einschätzen müssen und dass dieses auch für unsere Unterstützung Folgen haben muss. Schon bei dieser Fragestellung wird die Keule geschwungen: Erich ist  IG BCE–Verteidiger, Freund ihrer Politik. Damit drücken sich die Kritiker um die Beantwortung der Frage, wie denn ein Streik positiv beendet werden kann, wenn er auf einen so entschiedenen Klassenkämpfer trifft wie die Besitzer von Neupack – und die DGB-Gewerkschaften keine Hilfe sind. In Rotenburg traten nur 43 KollegInnen von 63 in den Streik – 70%. Das ist zu wenig. Dann sprangen auch noch drei ab, darunter ein wichtiger Maschinenführer.

Die Politik der Gewerkschaften in Deutschland kennen wir aus Erfahrung und der Ablauf des Neupack-Streikes ist nichts Neues. Am Schluss von Tarifrunden – mit und ohne Streiks – werden auch immer unbefriedigende Kompromisse schön geredet wie jetzt. Bemerkenswert bei diesem Streik ist die starke Beteiligung und Unterstützung von außen.  Deshalb müssen wir unter diesen diskutieren, wie wir gegen die Arbeitskampftaktik der IG BCE aufgetreten sind und uns mit den Streikenden verbunden und verständlich gemacht haben – welche Schwierigkeiten wir dabei erlebten, denn die Streikenden sind ja keine Linken. Welche Erfahrungen wir in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben, um Schwächen des  Streiks zu überwinden.  Dabei sollten wir berücksichtigen: Für alle war es der erste Arbeitskampf. Schimpfen, dass die Gewerkschaften so sind wie sie sind ändert nichts, hilft dabei nicht.

Zu einzelnen in eurer Kritik angesprochenen Punkten

  • Die Informationen des Jour-Fixe gehen an die Bremer Unterstützer und einige Streikende in Rotenburg. Die darin stehende Kritik an der auch konkret beschriebenen Taktik der IG BCE braucht von mir deshalb nicht wiederholt zu werden. Als Hauptamtliche unsere Meinung im Zelt mitbekamen, missfiel ihnen das, umso mehr, als Streikende denen das dann auch nochmal sagten.
  • “der Vollstreik Neupack sehr wohl „entscheidende Auswirkungen auf die Produktion gehabt“ hat“
    Der Unternehmer hat die Dauerhaftigkeit des Streiks, den Streikwillen unterschätzt, erst mal abgewartet und  die Läger geleert, doch dann immer so produziert, wie er es brauchte. Auch in Hamburg fuhren die LKW´s während des Dauerstreiks rein und raus, wie es nötig war.
    Ein Streikender in Rotenburg sagt mir jetzt dazu: „Hätten wir weiter Vollstreik gemacht, hätte er viel mehr polnische Streikbrecher holen müssen, alles wäre teurer geworden. Wenn wir dann reingegangen wären, oder rein und gleich wieder raus, wäre alles viel teurer geworden.“ Richtig, doch die polnischen Streikbrecher kriegt man auch bei einem Vollstreik nicht weg, von den zahlreichen Neupack-Streikbrechern gar nicht zu reden. Das darf ich doch wohl feststellen, ohne als IG BCE-Verteidiger beschimpft zu werden !
  • Zum Begriff „Klassenkampf“, wenn sie in einen Vollstreik treten: Es bleibt ein Tarifkampf um ökonomische Ziele und die Herstellung sozialpartnerschaftlicher Verhältnisse und ergreift nicht weitere Teile der arbeitenden Klasse. Ich bin da differenzierter, was ich Klassenkampf nenne.
  • Die Streikbrecher aus Polen waren keine Hilfe für die Streikbrecher der Stammbelegschaft.“ Das ist wohl in Rotenburg anders. Die minimale Ausschussproduktion war nur anfänglich, sie leisteten nur schnell anlernbare Arbeit. Sie haben sich, angelernt von den Streikbrechern der Stammbelegschaft, eingearbeitet, pflegen und warten inzwischen auch die Maschinen. Die Angebote, bis 2014 beschäftigt zu werden zeigen an, dass die Belegschaft ausgetauscht werden soll und dass das möglich ist.
  • Punkt 7 bringt die Belehrung das „Kapital“ zu lesen. Ich habe mit Karl gemailt und er meinte, ich solle die Kräfte selbst einschätzen. Lars Krüger sagte  klar im Fernsehen, dass ein Betrieb sich besser ohne Betriebsrat und Gewerkschaft leiten lässt. Es geht also um die Macht im Betrieb und so sehen es auch Streikende in Rotenburg.
  • Die Kräfte waren zu Beginn des Flexistreiks nicht da, der IG BCE die Taktikvorstellungen der Streikenden  aufzuzwingen. Die IG BCE von außen zu beschimpfen, dass sie nicht zu mehr Widerstand aufruft, konsequenter Druck macht,  bedeutet auch auf die Streikenden Einfluss zu nehmen, sie sollten  nicht legale Wege einschlagen. Doch wenn die Kräfte beispielsweise für Blockaden oder eine Betriebsbesetzung und den folgenden Ärger mit der Polizei nicht da sind – was dann ?? Mit Schimpfen auf die Gewerkschaft beschimpft man auch die Streikenden, die sich  die Streiktaktik gefallen lassen.

 Was sagten wir Unterstützer in Rotenburg dazu?

Es wurde sehr wohl diskutiert, was man mehr machen könnte. Anregungen  zu eigenmächtigem Handeln, die Streikbrecher zu stoppen  wurden abgelehnt mit „geht nicht“.
Ich halte es für falsch, wenn Unterstützer Sachen fordern, die die Streikenden nicht leisten können,  weil es ihre Kräfte übersteigt. Wir sollten immer das unterstützen, was die Streikenden wollen und können. Sonst isoliert man sich. Das schließt die Diskussion über mögliche Schritte für mehr Druck nicht aus.
Auch darf man nicht jede kämpferische Rede so bewerten, dass damit gemeint ist, dass die Leute auch entsprechend handeln.  Warum sonst  ließen sich die Streikenden trotz ihrer Kritik immer wieder an die Arbeit kommandieren ?? Natürlich spielt der erpresserische Druck der IG BCE mit „dann kriegt ihr kein Streikgeld“ die entscheidende Rolle.

  • Man kann darüber streiten, was sich „relativ große“ Unterstützung in der Öffentlichkeit nennt. Jedenfalls hat kein Bundestagsabgeordneter die Krüger´s beeindruckt, kein Angebot, durch den Alt-Bürgermeister von Hamburg Voscherau schlichten zu lassen. Die LKW´s fuhren trotz dieser Öffentlichkeit und der  Unterstützer ungehindert durchs Tor und zurück.  Auch die Unterstützer waren wohl zu wenig, was nicht als Kritik zu verstehen ist, es ist eine Feststellung.
    Zu der von der IG BCE verbreiteten „Lüge des Arbeitsplatzverlusts für alle infolge einer Insolvenz“ gab es in Rotenburg nur Kopfschütteln  lala „abgehakt“.
  • Punkt 8 zu „die Gewerkschaften sind nicht unser Gegner sondern das Kapital“  ist klasse formuliert, danke. Da verstehen wir uns.

Erich Kassel 05.04.2013