Schiffbauer in Angst. Bei Blohm+Voss steht jeder dritte Arbeitsplatz auf der Kippe – wie konnte es so weit kommen?

Der Frieden gefährdet Arbeitsplätze. Plakat von Klaus Staeck, 1978. Wir danken für die Freigabe!“… Die vor 140 Jahren gegründete Großwerft erlebt turbulente Zeiten, seit der Mehrheitseigner ThyssenKrupp beschloss, das Unternehmen abzustoßen. 2010/11 scheiterte der anvisierte Verkauf nach Abu Dhabi, 2012 griff dann Star Capital Partners für rund 150 Millionen Euro zu. Der britische Private-Equity-Fonds bearbeitete B+V mit dem Filetmesser: Die lukrativen Teile des Werftkomplexes wurden mit hohen Gewinnen verkauft, der Rest liegen gelassen. (…) Zu Beginn der Verhandlungen am 17. März platzte eine Bombe: Lürssen teilte mit, nicht nur bis zu 300 Stellen abbauen, sondern auch die Gehälter der verbleibenden Beschäftigten kürzen zu wollen – durch „Anpassungen bei der Entgelttabelle“, wie es beschönigend heißt. Auch Weihnachts- und Urlaubsgeld, die derzeit zusammen 1,3 Monatsgehälter ausmachen, stünden zur Disposition. (…) Blohm + Voss hofft auf den Bau von Marineschiffen für die Bundesrepublik, über deren Bestellung gerade im politischen Berlin gestritten wird. Laut Geschäftsführer Dehlke will die Werft künftig „einen bedeutenden Beitrag zur Fertigung von Marineschiffen leisten“…” Artikel von Folke Havekost und Volker Stahl vom 31.03.2017 beim Elbe Wochenblatt externer Link und Anmerkungen/Infos:

  • Offener Brief eines Arbeiters von Blohm+VossNew
    Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich schreibe euch heute, weil  meine Wut und Empörung groß ist! Über 20 Jahre arbeite ich nun schon im  Neubau. Ich habe miterlebt, wie wir auf der Werft immer weniger wurden und dabei immer größere Leistungen bringen mußten. Ich weiß, daß die Belegschaft z.B. vor ca. 35 Jahren aus 6.500(!) Beschäftigten bestand. Heute sind wir nur noch 980. Und von diesen knappen 1.000 sollen jetzt durch den neuen Werftboss Lürssen noch mal 300  entlassen werden. Es sieht so aus, als wenn die „teure“ Stammbelegschaft durch „billigere“ Kollegen von der Leiharbeit ersetzt werden soll. (…) Was mich wütend macht? In diesem Geschäft mit der Angst spielen unsere IG Metall und die BR-Vorsitzenden mit. Sie zeigen immer wieder volles Verständnis für die abgebliche Notlage der Werft, aber wenig Einsatz  für die Not der Belegschaft. (…) Es geht nicht an, daß der Betriebsrat und die IG Metall zu allem JA sagen. Ich erwarte endlich das NEIN. Das wäre eine große Sache (…) Ich würde lieber auf einem Arbeitsplatz sein, wo keine Kriegsschiffe und Waffen gebaut werden sondern für die Gesellschaft nützliche Produkte. Ist das ein utopischer Gedanke? Gerade Kollegen von Blohm+Voss sind seit 1981 in dem Arbeitskreis „Rüstungskonversion“ der IGM Hamburg aktiv gewesen. Der bestand bis in die 90er Jahre…” Offener Brief , der heute morgen (21.6.2017) bei Blohm + Voss verteilt wurde
  • Harter Sparkurs bei Blohm+Voss vereinbart
    Auf die Mitarbeiter von Blohm+Voss kommen harte Einsparungen zu. Die Gewerkschaft IG Metall und die Unternehmensspitze haben sich in einem Sanierungstarifvertrag darauf geeinigt, dass die Beschäftigten in den kommenden dreieinhalb Jahren weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekommen sollen. Im Gegenzug wird die Wochenarbeitszeit nicht erhöht. Für die Mitarbeiter geht es um 110 Überstunden pro Jahr, die nicht bezahlt werden und um Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld. (…) Bei einer Mitgliederversammlung haben sich mehr als 85 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder bei Blohm+Voss für den Sanierungstarifvertrag ausgesprochen. Damit können ab dem kommenden Monat auch die ersten Mitarbeiter die angeschlagene Werft freiwillig mit einer Abfindung verlassen. 300 Stellen fallen weg…” Meldung vom 10.06.2017 beim NDR externer Link
  • Anmerkung von Dieter Wegner: “300 Werftarbeiter werden entlassen. „Die Beschäftigten gingen auf Antrag der Geschäftsleitung in Vorleistung…“ Und wie reagiert die IGM auf den neuen Besitzer Lürssen, den „Mitbestimmungsvermeider“? „Wir gehen nicht dogmatisch in die Verhandlungen und schauen, daß es einem Betrieb gut geht“, so der IGM-Funktionär Emanuel Glass. „Falls sich nichts ändert, ist die Firma in ein paar Monaten pleite“. Seine Gewerkschaft setze auf Transfergesellschaften, die sich bewährt hätten. Hat jemand von der IGM was anderes als Anpassung und Transfermaßnahmen erwartet? Vielleicht gemeinsamen Widerstand und Kampf der noch beschäftigten 1.000 Werftarbeiter, zusammen mit den anderen IGM-Mitgliedern, umd die KollegInnen aus ihrer Angst rauszubringen? Aber es gibt ja noch Hoffnung für die restlichen 700 Beschäftigten: Ein Milliarden-Auftrag von fünf Korvetten der Braunschweig-Klasse – Arbeitsplätze für die einen, Tod und Verderben für die anderen.”
  • Die Entscheidung müsste doch eigentlich ganz einfach sein!? Doch bei der IG Metall gibt es nur ein Thema: Blohm + Voss: „Jeder hat Angst, seinen Job zu verlieren“Der angekündigte Arbeitsplatzabbau schockiert die Beschäftigten von Blohm + Voss. Sie sagen klar, wer in ihren Augen Schuld an der Situation ist…” Reaktionen der Belegschaft vom 04.04.2017 bei der IG Metall Region Hamburg externer Link