Kämpfen nach dem Boom: Beim britischen Bergarbeiterstreik und in Rheinhausen standen Arbeiter und Linke zusammen. Lässt sich daraus lernen?

Arne Hordts Dissertation erschien Juli 2018 unter dem Titel »Kumpel, Kohle und Krawall - Miners’ Strike und Rheinhausen als Aufruhr in der Montanregion« bei Vandenhoeck & RuprechtDas Zeitalter der (westlichen) Kohle geht zu Ende: Im Dezember dieses Jahres wird in Bottrop die letzte Steinkohlezeche des Ruhrgebiets schließen. Plötzlich kommt dieses Ende freilich nicht. Schon seit den späten 60ern, deutlich spürbar dann in den 80er Jahren wurden wesentliche Teile der Montanindustrien abgewickelt – beschrieben wird dies oft als Strukturwandel. (…) Die Betroffenen der großen Zechen- und Werksschließungen der 80er Jahre nahmen diese nicht einfach widerspruchslos hin. Es kam zu erbitterten Verteidigungskämpfen. Zwei von ihnen – der britische Bergarbeiterstreik 1984/85 gegen Zechenschließungen und der Kampf um das Krupp-Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen 1987/88 – wurden gar zu »epochalen Ereignissen«. So schreibt es der Historiker Arne Hordt in seinem kürzlich erschienenen Buch »Kohle, Kumpel und Krawall«, mit dem er eine vergleichende, akteurszentrierte, also nach dem Eigen-Sinn der Proteste fragende Darstellung dieser beiden Arbeitskämpfe vorgelegt hat. (…) Besonders der Bergarbeiterstreik bot dabei all das auf, was viele heute vermissen: Selbstbewusste, wütende Arbeiter, die organisiert und regional verankert waren. Hunderttausende aus verschiedenen Milieus, die sich solidarisierten. Ehefrauen wurden erst als Unterstützerinnen aktiv und emanzipierten sich darüber schließlich aus ihren Hausfrauenrollen. Studierende sammelten Geld. Es kam zu Allianzen, die zuvor noch undenkbar gewesen waren: Wie zwischen der Gruppe Lesbians and Gays Support the Miners und der Bergarbeitergewerkschaft NUM, die sich für die Unterstützung bedankte, indem ihre Delegierten auf dem Labourparteitag 1985 eine Resolution durchbrachten, mit der sich die Partei (erstmals) zu Gleichberechtigung bekannte. Vieles von dem, was heute mühsam von linken Intellektuellen als Konzept einer »Neuen Klassenpolitik« erarbeitet wird, war damals Realität…” Besprechung von Nelli Tügel bei neues Deutschland vom 10. August 2018 externer Link zum Buch “Kumpel, Kohle und Krawall: Miners’ Strike und Rheinhausen als Aufruhr in der Montanregion (Nach dem Boom)” von Arne Hordt. Siehe dazu:

  • Arne Hordt über den Miners’ Strike und die Rheinhausen-Proteste in den 1980er Jahren: »Aus Sicht der Bergarbeiter handelte es sich nicht um ein aussichtsloses Gefecht« New
    Interview von Georgios Chatzoudis vom 25. Oktober 2018 bei Blickpunkt WiSo mit dem Historiker Arne Hordt externer Link über einem Vergleich des Miners’ Strike mit den Rheinhausen-Proteste in den 1980er Jahren: “… Ein bisschen ist der Titel auch als Kritik gemeint: Die deutsche Zeitgeschichte vernachlässigt aus meiner Sicht Konflikte als historische Analysekategorie, obwohl es uns doch gerade heute interessieren muss, warum bestimmte Gesellschaften z. B. auch sehr harte, handfeste Auseinandersetzungen ohne Brüche im politischen System aushalten. (…) Die Gewalt eskalierte immer dann, wenn dieses Empfinden – das man natürlich nicht mit dem geltenden Strafrecht verwechseln darf – verletzt wurde. Das war in Nordostengland und in Rheinhausen gleich. Im politischen Diskurs wurden die Bergleute in Großbritannien aber als innerer Feind, als »enemy within« dargestellt. Das gab es so in Deutschland nicht. Die Polizei, Staatsanwaltschaft und der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor legten das Demonstrationsrecht so weit aus, dass man z. B. nicht einmal gegen die Brückenbesetzungen in Duisburg vorgehen musste. In Großbritannien wurde hingegen regelrecht nach Rechtsbrüchen und nach Möglichkeiten gesucht, sie strafrechtlich oder auch durch außerordentliche Kündigungen zu ahnden. So entstand dort ein ganz anderes Klima, in dem Gewalt für die Arbeiter oft der letzte Ausweg war, um das, was als gefühlte Ordnung galt, durchzusetzen. Es gab einige vergebliche Reparaturversuche, etwa eine Kommission im Unterhaus, die untersuchte, ob Bergleute zu Unrecht entlassen wurden. Aber das hat nichts mehr gebracht. Staat, Polizei und London sind im Nordosten bis heute abgemeldet. (…) Die regionale Identität im Ruhrgebiet ist hingegen weniger an eine bestimmte politische Identität gebunden, sie ist offener, zugleich aber auch viel bürgerlicher. Das passt besser zur deutschen Mentalität, alle wollen und sollen Mittelschicht sein. Das Ruhrgebiet muss aber nach wie vor aufpassen, dass es sich nicht zu sehr in diesem Mittelmaß und in den – beachtlichen – Erfolgen bei der Bewältigung des Strukturwandels einrichtet. Hier wird es spannend zu sehen, ob die regionale Identität ihren ausgeprägten Bezug zu den industriellen Wurzeln behält. Industriekultur ist eine Marke geworden, aber Marken unterliegen auch Trends. Wie es wirklich wird, zeigt wie immer die Geschichte.”