Air-Berlin nach der Insolvenz: Die Folgen werden wohl wie immer ungleich verteilt…

Dossier

Pleitekommunen»Kollegen wollen wissen, wie der Übergang wird«. Große Unsicherheit bei Beschäftigten von Air Berlin. Gewerkschaft Verdi will Sozialtarifvertrag. Dazu Christine Behle, ver.di-Bundesvorstandsmitglied und zuständig für den Fachbereich Verkehr, im Gespräch mit Johannes Supe bei der jungen Welt vom 19. August 2017 externer Link: “… Die Beschäftigten haben große Angst. In den Zeitungen lesen sie jeden Tag etwas anderes darüber, wie es weitergeht. Sicher ist davon nichts. Gleichzeitig wird von den Kolleginnen und Kollegen erwartet, dass sie ganz normal ihrer Arbeit nachgehen. Tun sie es nicht, bekommt Air Berlin ein noch größeres Problem. Das macht die Situation nicht gerade leicht für sie. (…) Zur Zeit laufen im Hintergrund Gespräche zwischen den Eigentümern, dem Insolvenzverwalter und jenen, die an Unternehmensteilen interessiert sind. Wer aber was genau kaufen will, ist noch nicht bekannt. Deshalb warten wir darauf, dass es konkrete Vorschläge gibt, wer was erstehen will und wie sich das gestalten kann. (…) Wir wollen mit denen ins Gespräch kommen, die Unternehmensteile übernehmen wollen. Am Freitag haben wir Air Berlin zu Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag aufgefordert. Wir haben auch verlangt, dass die anderen Unternehmen mit an den Tisch kommen, damit wir verbindliche Regelungen finden, wie und wie viele Kollegen weiterbeschäftigt werden…” Siehe dazu:

  • Angebliches “sickout” der Piloten schuld an der Air Berlin-Pleite vor Wochen? New
    Es war absehbar und wird dadurch nicht richtiger. Aber immer wieder wird versucht, nicht nur unter Zuhilfenahme der “armen Kunden”, berechtigte Kämpfe der Beschäftigten als diejenigen von “Priviligierten” zu denuzieren und zu spalten. Aber es gibt auch Abwehr – siehe beides:

    • Krankgemeldete Air-Berlin-Piloten: “Da sollten jetzt eigentlich alle zusammenstehen”
      Der Piloten- und Flugausfall bei der insolventen Air Berlin säge am Ast der ganzen Belegschaft, meint Insolvenzexperte Jörn Weitzmann. Im Dlf sagte er, alle Beschäftigten sollten jetzt gleichermaßen zu einem geordneten Betrieb und einer geordneten Insolvenz beitragen: (…) Und wenn es dort ein Sanierungsteam um den Kollegen Kebekus und Flöther und die anderen Beteiligten aus dem Unternehmen gibt, die versuchen, betriebsnotwendige Teile zu erhalten und wieder aufzustellen, dann kann man es wirklich nur in höchstem Maße als unfair betrachten, wenn hier eine Pilotengruppe versucht, gegebenenfalls Vorteile für sich darzustellen. (…) Diejenigen, die jetzt streiken beziehungsweise bewusst nicht zur Arbeit kommen, sägen sich den Ast ab, auf dem sie sitzen, und zwar die ganze Belegschaft sitzt…” Jörn Weitzmann im Gespräch mit Silvia Engels am 13.09.2017 beim Deutschlandfunk externer Link – stellvertretend für viele ähnliche
    • “Feiern nicht krank!” – Air Berlin Piloten wehren sich
      Jene Air Berlin Piloten, die sich krank gemeldet haben, wehren sich gegen Vorwürfe, sie würden “krank feiern” beziehungsweise in einen indirekten Streik treten. Einer von ihnen kritisiert in einem offenen Brief das Management scharf, nachdem dieses den Piloten in einem internen Schreiben sinngemäß vorgeworfen hatte, den Fortbestand des Unternehmens zu gefährden. Austrian Wings veröffentlicht den offenen Brief eines Kapitäns an den verantwortlichen Manager nachfolgend: (…) Die Beschäftigten der Air Berlin haben für ihr (?) Unternehmen gekämpft und großartiges geleistet. Kein vernunftbegabter Mensch hat heute einen Zweifel mehr daran, dass der dunkle Schatten, der sich über die Jahre immer bedrohlicher auf die Air Berlin legte, nicht die Beschäftigten zu verantworten hatten, sondern einzig und allein der unterirdischen Leistung des Managements geschuldet war. Wer jetzt mit dem Finger auf das Cockpitpersonal zeigt, versucht nur vom eigenen Versagen für die gegenwärtige Misere abzulenken! (…) Es scheint, dass in der augenblicklichen Gemengelage die einzigen, die rational mit der Situation umgehen, jene Piloten sind, die in Wahrnehmung ihrer Verantwortung für die Sicherheit der Passagiere ihren Flugdienst nicht wahrnehmen (können), weil Sie es vorsätzlich oder fahrlässig – versäumt haben, den Beschäftigten Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Der psychische Druck speziell auf die Piloten ist immens. Wie kann unter solchen Umständen ein sicherer Flugbetrieb gewährleistet werden?…” Offener Brief von Air-Berlin-Kapitän Hans Albrecht, ein früherer Betriebsrat, dokumentiert am 13.09.2017 bei Austrian Wings externer Link
    • Siehe zum Hintergrund der Arbeitskampfmethode unser Dossier: [Sickout am Beispiel TUI Fly] Krank oder Streik? Krankheit als Kampfmittel?
  • Revolte bei Air Berlin: Piloten kämpfen gegen den Pleitegeier
    Die Pleitelinie Air Berlin kämpft mit einem neuen Rückschlag. Mehr als 200 Piloten melden sich krank, 100 Flüge fallen aus. Die Revolte ist ein Hilferuf der Kapitäne – doch bringt sie ihnen etwas? (…) Tatsächlich spielt sich an diesem Morgen ein wilder Streik ab bei Air Berlin. Es ist eine spontane, illegale Revolte der Piloten, die alle überrascht: die Fluggäste, das Management, den Insolvenzverwalter – ja selbst die Pilotengewerkschaft Cockpit (VC). Es ist ein neuer Tiefpunkt im Geschacher um die Überbleibsel der Pleitelinie und ein Hilferuf der Kapitäne, die um ihre Pfründe, aber auch ihre Existenzen fürchten und deswegen meutern. Und es ist auch ein Aufstand gegen die Lufthansa, die wie ein Pleitegeier über den Resten von Air Berlin kreist. (…) Nach Einschätzung des Luftfahrtexperten Gerald Wissel muss Lufthansa-Chef Carsten Spohr die Air-Berlin-Piloten ihrer Privilegien berauben. “Eurowings ist seit jeher ein Konstrukt gewesen, um Druck auszuüben auf die gut bezahlten Piloten der Lufthansa”, sagt Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. “Da kann Spohr jetzt nicht den Air-Berlin-Piloten bessere Konditionen geben als seinen eigenen Eurowings-Leuten.”…” Artikel von Claus Hecking vom 12.09.2017 beim Spiegel online externer Link – siehe dazu:

    • Auch 200 Krankmeldungen sind (erst mal) Krankmeldungen und kein “wilder Streik”… Und auch wenn der Verkehrsminister offenbar täglich krank zur Arbeit erscheint: Kranke Piloten zum Fliegen aufzufordern erscheint uns grob fahrlässig gegenüber den Passagieren!
    • Cockpit distanziert sich: Vereinigung Cockpit zur Situation bei airberlin
      Die Vereinigung Cockpit (VC) hat überrascht zur Kenntnis genommen, dass am heutigen Tage durch eine Vielzahl von Krankmeldungen beim fliegenden Personal der Ausfall von zahlreichen airberlin-Flügen eingetreten ist. Zu keinem Zeitpunkt hat die VC dazu aufgerufen, sich krank zu melden. Die VC ist der Überzeugung, dass Sozialplanverhandlungen über einen geregelten Übergang des Personals der einzige Weg ist, eine möglichst große Zahl von Arbeitsplätzen zu erhalten. Daher hat die VC alle von ihr vertretenen Cockpitmitarbeiter darauf hingewiesen, ihren arbeitsvertraglichen Pflichten nachkommen zu müssen, sofern kein akuter Grund für eine Krankmeldung besteht…” Pressemitteilung vom 12. September 2017 externer Link
    • Flugausfälle: Wilder Streik kostet Air Berlin rund 4 Millionen Euro pro Tag
      Die Flugausfälle, die Air Berlin seit Dienstagmorgen meldet, sind offenbar das Ergebnis eines wilden Streiks der Beschäftigten. Rund 200 der 1500 Piloten haben sich spontan krank gemeldet, bestätigt ein Unternehmenssprecher. Bis zum Mittag fielen bereits 100 von 750 Flügen aus. (…) Vor allem ehemalige LTU-Mitarbeiter sollen sich krank gemeldet haben. Sie würden sich nicht ausreichend in die betriebliche Strategie bei den Langstrecken eingebunden fühlen, so ein Insider. Zuletzt hatte Air Berlin Dutzende Langstreckenflüge, unter anderem in die USA, mit der Begründung gestrichen, es seien defizitäre Strecken. (…) Hintergrund könnte Schulz [Vereinigung Cockpit] zufolge sein, dass man insbesondere die gut bezahlten Langstreckenpiloten loswerden wolle, bevor es zu einer Übergabe von Betriebsteilen komme. „Die könnte der Insolvenzverwalter bei einer Einstellung der Langstrecke sofort entlassen wollen”, sagte Schulz der Zeitung. „Die Braut wird quasi für die Hochzeit hübsch gemacht. Das ist ein Skandal, den wir uns so nicht bieten lassen.” Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle erklärte, die Krankmeldung seien nicht verwunderlich. „Wir fordern die Investoren auf, transparent zu agieren und sich zu den Beschäftigten von Air Berlin zu bekennen. In allen Gesprächen rund um die insolvente Air Berlin geht es um wirtschaftliche Interessen, aber nicht um die Arbeitsplätze von mehr als 8.000 Beschäftigten“, so Behle. Es sei nicht auszuschließen, dass es auch bei anderen Beschäftigten dazu kommen könne. Zugleich ruft Ver.di aber die Beschäftigten auf, den Flugbetrieb weiter aufrecht zu erhalten, um ihre Arbeitsplätze nicht zu gefährden.” Beitrag der BZ online vom 12.9.2017 externer Link – Allerdings ist es kein “Wilder Streik”, sondern zunächst Krankmeldungen!
  • Gewerkschaft Ufo: Air-Berlin-Mitarbeiter müssen sich als Berufsanfänger neu bewerben
    “Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo warnt vor sozialen Härten bei der Zerschlagung der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Nach seinen Informationen solle das fliegende Personal nicht direkt übernommen werden, sondern müsste sich als Berufsanfänger neu bewerben, sagte der Ufo-Tarifvorstand Baublies der Deutschen Presse-Agentur. Für altgediente Air-Berlin-Flugbegleiter würde ein Wiedereinstieg als Berufsanfänger Einkommensverluste von bis zu 80 Prozent bedeuten. Die Verträge wären dann möglicherweise befristet, was weitere Risiken im Fall einer Arbeitslosigkeit beinhalte, betonte Baublies.” Meldung vom 17. August 2017 beim Deutschlandfunk Dlf24 externer Link, siehe dazu:
  • Nach Scheitern der EW-Schlichtung und AB-Insolvenz: Wir sitzen alle im selben Boot
    “… Die aktuelle Situation bei airberlin könnte also, wenn wir nicht handeln, zu konkreten Auswirkungen auf die Kollegen der Eurowings und Germanwings führen: Aus der Insolvenz heraus hat Lufthansa die Möglichkeit, Streckenrechte, Fluggerät und vor allem Personal äußerst günstig zu “beschaffen”. Die tausenden von Arbeitslosigkeit bedrohten Kolleginnen und Kollegen bei airberlin werden letztlich, wenn keine andere Lösung erreicht wird, nur die Option haben, bei einer anderen Airline zu den Konditionen weiterzuarbeiten, die ihnen dort als Berufsanfänger angeboten werden. Das wird sicher nicht die GWI sein, ggf. nicht einmal EW-D, sondern ein neues AOC wie das vorbereitete “Aeronautics” oder auch die bereits existierende Basis der FlyNiki in DUS (…) Hauptsache billiger und vermeintlich wehrlos. Kurzum: Lufthansa und Eurowings können nach der Methode “friss oder stirb” die Kolleginnen und Kollegen anheuern. Damit sehen wir uns erneut der Situation ausgeliefert, dass bestehende Tarifstrukturen innerhalb der EW Gruppe unter Druck geraten. Von den eigentlich geforderten Verbesserungen, über die wir in den letzten Jahren verhandelt haben, ganz zu schweigen…” UfO-Information vom 18. August 2017 externer Link