Plakat der freiburger Protestaktion Pflege am Boden 2015“… Die Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte als ein Lösungsweg aus einem Pflegenotstand verstanden als fehlendes Personal hat – man wird nicht überrascht sein – eine lange Geschichte in unserem Land und reicht weit zurück in eine Zeit, in der Deutschland sich als alles andere verstanden hat als das, was es längst war: ein Einwanderungsland. Die Figur des “Gastarbeiters” wurde auf viele Bereiche übertragen, so auch auf das Gesundheitswesen. Die älteren Semester werden sich noch gut erinnern an die Krankenschwestern aus Korea und den Philippinen, die man in den 1970er Jahren nach Deutschland “importiert” hat. Auch unsere Nachbarn, die Österreicher, haben das praktiziert. (…) Denn auch Spahn sollte mittlerweile wissen, dass dieser Weg keine wirkliche Lösung des eklatanten Pflegepersonalnotstands darstellt, weil ein realistisch erreichbarer Arbeitskräfteimport nur einen sehr überschaubaren Entlastungseffekt zur Folge haben wird. Die strukturell bedingte Hilflosigkeit wird auch an dem bereits bekannten, oft zitierten Textbaustein mit der schnelleren Anerkennung der ausländischen Abschlüsse sowohl in Pflege wie auch bei den Ärzten erkennbar. Hört sich vernünftig an, verspricht aber mehr, als es halten kann. Denn das strukturelle Dilemma, das hier zu benennen ist, bezieht sich auf einen Aspekt, der jenseits der formalen Gleichwertigkeit von Abschlüssen liegt. (…) Die seit langem bekannte und immer wieder reanimierte Hoffnung, über den Griff ins Ausland unsere Personalprobleme lösen zu können, wird genau so funktionieren wie in den zurückliegenden Jahrzehnten. Also gar nicht. Allenfalls eine punktuelle Entlastung wird es geben können für das eine oder andere Krankenhaus oder das eine oder andere Pflegeheim. Aber man sollte das als Nebenzweig eines vielgestaltigen Lösungsbaums verstehen, in dessem Zentrum die deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege hier bei uns stehen muss. Übrigens – dass es die Arbeitsbedingungen sind, die einen gewichtigen Einfluss darauf haben, ob es a) genügend Nachwuchskräfte für die Pflege geben wird und b) ob und wie lange die Pflegekräfte im Beruf bleiben, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis…” Artikel vom 2. April 2018 von und bei Stefan Sell externer Link. Siehe dazu:

  • [Wie Europa gewinnt und Afrika verliert] Pflegenotstand in Deutschland: Mein Pfleger Mohamed New
    “… Dali Nefzi, großgewachsen, Anzughose mit Hosenträgern, blinzelt über die Sonnenbrille hinweg ins gleißende Licht am Strand von La Goulette in Tunesien. Hier ist er examinierter Krankenpfleger, bis vor Kurzem war er Rettungsassistent beim großen Pipeline-Hersteller Pireco. Jetzt ist Nefzi auserwählt. Mit dem staatlichen deutschen Programm Triple Win sollen er und 17 weitere Tunesierinnen und Tunesier in Deutschland den Personalmangel in der Altenpflege mildern, wenigstens ein bisschen. (…) Triple Win heißt so, weil dabei alle Seiten gewinnen sollen. Tunesien, weil es bei einer Jugendarbeitslosigkeit von um die 35 Prozent einige junge Menschen loswerden kann. Deutschland, weil der Pflegemangel abgemildert wird. Und der nordafrikanische angehende Altenpfleger, weil er legal in die EU und direkt in den deutschen Arbeitsmarkt übersiedeln darf, was Millionen anderen verwehrt ist. Doch es gibt einen gravierenden Fehler: Es werden keine ungelernten Schulabsolventen mit deutschem Geld im Ausland zu Experten gemacht. Deutschland zieht mit Triple Win ausgebildete Fachkräfte ab, die man auch in Tunesien benötigt. (…) »Wenn alle gewinnen«, so schreibt es die GIZ über ihr Programm zur Anwerbung ausländischer Pfleger. Die Wahrheit ist: Europa gewinnt, Afrika verliert, zumindest wenn man die fragt, die vom Triple-Win-Pilotprojekt in Tunesien direkt betroffen sind. Professor Doktor Mounir Daghfous leitet den staatlichen Rettungsdienst in Tunis, er hat Nefzi in Notfallmedizin ausgebildet, wie vor ihm bereits Hunderte andere. »Wir bilden sie aus, dann werden sie weggefischt.« (…) Die jungen Arbeitslosen, die 35 Prozent, werden nicht von Deutschland ausgebildet, sie bleiben hoffnungslos. Im Landesinneren buhlen Islamisten um die Frustrierten…” Bericht von Christoph Titz vom 24. Juni 2018 bei Spiegel online externer Link