Streik im Labor. Studentische Beschäftigte eines Callcenters an der Uni Jena streiken

Dossier

Please hold the line - Call Center FantasienAn einem Labor des Instituts für Soziologie der Universität Jena streiken studentische Beschäftigte. Sie fordern Arbeitsverträge statt der bisher üblichen Werkverträge.
Das Comeback der Gewerkschaften – so heißt ein zentrales Thema der Sozio­logen Klaus Dörre und Stefan Schmalz. Die beiden lehren am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit einigen Wochen wird dort nicht mehr nur theoretisch über gewerkschaftliche Erneuerung diskutiert. Mitte Juni begannen studentische Beschäftigte des von dem Institut betriebenen Labors für Computer-Assisted Telephone Interviewing, kurz CATI-Labor, einen Arbeitskampf. In dem Labor werden telefonische Umfragen und Interviews durchgeführt – für universitäre Zwecke, aber auch für Firmen und politische Akteure. »Viele der am Institut durchgeführten Projekte greifen hierauf zurück, aber auch externen Nutzern wird diese Dienstleistung zur Verfügung gestellt«, heißt es auf der Homepage des CATI-Labors. (…) Doch auf einer institutsinternen Sitzung habe sich Dörre sehr ablehnend zu dem Arbeitskampf geäußert, sagte ein FAU-Mitglied. Anfragen der Jungle World an den Soziologieprofessor blieben unbeantwortet. »Das Institut für Soziologie der Universität Jena ist deutschlandweit bekannt für seine enorme akademische Produktivität und gewerkschaftsnahe Forschungsausrichtung. Umso mehr erstaunt es, dass das Institut im CATI-Labor die gewerkschaftlich erkämpften Errungenschaften unterläuft«, heißt es in einer Pressemitteilung der FAU. Der Landesausschuss der Studentinnen und Studenten (LASS) in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen begrüßte den Streik
…” Artikel von Peter Nowak in der Jungle World vom 7. Juli 2016 externer Link. Siehe dazu:

  • Überausbeutung und Widerstand im Unternehmen Universität: Der CATI-Labour-Struggle an der Uni Jena New
    “Am 13. Juni 2016 sind der organisierte Teil der studentischen Telefoninterviewer_innen des CATI-Labors, betrieben vom Jenaer Institut für Soziologie, wie auch Mitarbeiter_innen vergangener Interview-Projekte zusammen mit der Basisgewerkschaft FAU Erfurt/Jena gegen das Unternehmen Universität in den Arbeitskampf getreten. Die Zustände im CATI-Labor stellen ein anschauliches Beispiel für die kapitalistische Umstruktierung im akademischen Betrieb dar. Um die Arbeitskraft ‘Mensch’ möglichst effektiv, sprich kostengünstig, auszubeuten wurden und werden auch an den Hochschulen verschiedene Strategien gefunden. Alt – und leider bewährt – ist die Strategie, Tarifverträge und Arbeitnehmer*innenrechte mit Werkverträgen zu umgehen – eine Praxis, wie sie an der Universität Jena seit Jahren und – Zitat eines Uni-Verantwortlichen: bislang „problemlos“ – angewendet wird. (…)Wenn es nicht am Karriere-Opportunismus liegt, dann halten die meisten studentischen Arbeiter*innen aus Angst vor Repression von Seiten ihres Dozenten oder ihrer Professorin die Klappe. Und wenn es trotz alledem den Willen zur Organisierung gibt, haben die SHKs mit ihrer Vereinzelung und ihren kurzen Beschäftigungsperioden zu kämpfen. Dass es jedoch nicht unmöglich ist, sich kollektiv konkret gegen die eigenen Arbeitsverhältnisse, allgemein gegen den kapitalistischen Umstrukturierungsprozess an der Uni aufzulehnen, zeigen verschiedene Beispiele: unser Arbeitskampf am CATI-Labor oder der Organisierungsprozess der Frankfurter unter_bau-Initiative für eine Hochschulgewerkschaft. Universitäten treten als Unternehmen auf und müssen damit als ein Feld von Ausbeutung und Arbeitskampf begriffen werden. So ist der Traum einer “linken” Universität im Kapitalismus nicht erfüllt worden und kann es strukturell auch nicht. Der Klassenkampf muss an der Universität deshalb offen ausgetragen werden. In der Universität muss gezeigt werden, dass diese ein Teil des kapitalistischen Systems ist. Die Uni ist damit ein Feld von Ausbeutung. Sie ist ein ökonomisches Kampffeld!” Bericht von anonym vom 29. Juli 2016 bei linksunten.indymedia.org externer Link
  • Studentischer Arbeitskampf an der Jenaer Soziologie
    In einem Callcenter des Instituts für Soziologie der Universität Jena kämpfen studentische Beschäftigte für ein Ende der erzwungenen Scheinselbstständigkeit, einen besseren Lohn und anständige Arbeitsbedingungen. Sie fordern Arbeitsverträge statt der bisher üblichen Werkverträge und werden dabei von der Gewerkschaft FAU unterstützt. Radio Corax sprach mit Thomas von der FAU Erfurt/Jena. Zunächst erklärt er, was es mit den Werksverträgen an der Uni auf sich hat.” Interview vom 15.07.2016 beim Audioportal Freier Radios externer Link Audio Datei
  • Erklärung des Instituts für Soziologie zum Cati-Labor-Konflikt
    In einigen Medien und seitens der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiterunion (FAU) wird behauptet, das Institut für Soziologie der FSU Jena trage die Verantwortung für Lohndumping in einem Labor für telefonische Befragungen (Cati-Labor). Dieser Vorwurf ist falsch und entbehrt jeder Grundlage. Zu den Vorwürfen nimmt das Institut wie folgt Stellung. 1. Das Institut für Soziologie ist in der Wahl von Arbeitsverträgen für das Cati-Labor nicht frei, sondern hat sich an die Vorgaben der FSU zu halten. (…) Die Vertragspraxis war über viele Jahre hinweg kein Gegenstand von Konflikten und wurde auch von Gewerkschaften wie der FAU und der GEW nicht in Frage gestellt. Das hat sich aktuell geändert. 2. Im Zusammenhang mit einigen Erhebungen in der jüngeren Vergangenheit hat sich eine Gruppe von Interviewer_innen zusammengeschlossen, um auf die Problematik der Werkvertragsvergabe hinzuweisen. Das Institut für Soziologie hält diese Initiative für richtig und bedankt sich bei den Betreffenden für ihr Engagement. Werkverträge mögen in einem Umfeld mit zweistelligen Arbeitslosenzahlen einen halbwegs tragfähigen Kompromiss zwischen studentischen Jobs und wirtschaftlichen Erfordernissen gewesen sein, jetzt passen sie nicht mehr in die Zeit. Das Institut für Soziologie empfiehlt der FSU daher, von der Werkvertragsvergabe abzurücken. (…) Ein Tarifdumping hat es nie gegeben, weil kein Tarifvertrag für Studierende existiert. Der TDL schließt Studierende explizit aus. Ein Tarifvertrag für Wissenschaftliche Hilfskräfte wird zwar im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Landesregierung in Aussicht gestellt, existiert derzeit aber nicht. Die Werkvertragsvergabe bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Es ist das Verdienst einer kleinen Gruppe Studierender, dass dies nun publik geworden ist und so Überlegungen für eine alternative Vertragsgestaltung angestoßen wurden. Allerdings möchten wir hinzufügen: Einen „Streik im Labor“ hat es nie gegeben…” Erklärung des Instituts für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 12.67.2016
  • Unterstützung gegen prekäre studentische Beschäftigung an der FSU Jena
    Der Landesausschuss der Studentinnen und Studenten (LASS) der GEW Thüringen erklärt sich solidarisch mit dem Arbeitskampf der studentischen Angestellten im CATI-Labor in Jena für bessere Arbeitsbedingungen
    „Als studentische Struktur der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Thüringen arbeiten wir seit Jahren an einem Tarifvertrag für studentische Beschäftigte und beraten Studierende in ihren konkreten Problemlagen zu ihrer Beschäftigung an der Hochschule – und diese sind vielfältig“ so Cindy Salzwedel, Sprecherin des LASS Thüringen. „Endlich haben sich nach dem „HiWi-Streik“ in der Soziologie im Jahr 2013 wieder Strukturen gebildet und vernetzt, die die Ausnutzung von Studierenden als billige Arbeitskräfte thematisieren und konkrete und berechtigte Forderungen vorbringen, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern“, erklärt sie weiter. (…) Die Forderungen richten sich aber nicht nur gegen die Uni Jena und einzelne Institute, sondern auch an den Freistaat. So muss die bereits zugesagte Verabschiedung eines Tarifvertrages für studentische Beschäftigte tatsächlich umgesetzt werden, eine Personalvertretung auch für Studierende existieren und eine Mindestbefristungsdauer nach dem Beispiel des Landes Berlin eingeführt werden…” Soli-Erklärung vom 25. Juni 2016 von Landesausschuss der Studentinnen und Studenten / Studierendengewerkschaft GEW Thüringen externer Link
  • Siehe Offene Briefe der studentischer und wissenschaftlicher Hilfskräfte der Uni Jena sowie Hintergründe im Blog zum Arbeitskampf: CATI Labour Struggle externer Link