[Buch von Sebastian Friedrich] Lexikon der Leistungsgesellschaft. Wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägtDie neoliberale Ideologie prägt unsere Persönlichkeit, unser Denken, unser Handeln. Während wir Sport treiben, wir in Dating-Portalen nach der Liebe fürs Leben oder dem schnellen Sex suchen, wir unser Rennrad das Treppenhaus hochtragen, wir herzhaft über die Prolls in der Eckkneipe lachen, wir mit einem coffee to go bewaffnet im Stechschritt durch die Stadt marschieren und wir am Ende des Tages einmal mehr versucht haben, das zu verdrängen, was längst Gewissheit geworden ist: dass es so nicht weitergehen kann.” Klappentext zum Buch von Sebastian Friedrich (mit Fotos von Johanna Bröse und einem Vorwort von Oliver Nachtwey, 96 Seiten, 7.80 Euro, ISBN 978-3-96042-001-9 | WG 973, Neuerscheinung im Oktober 2016 bei edition assemblage). Siehe dazu Informationen und 2 Stichwörter als exklusive Leseprobe im LabourNet Germany: “Nach|wuchs|wis|sen|schaft|ler” und “Ver|trag”:

  • “Nach|wuchs|wis|sen|schaft|ler” und “Ver|trag”
    2 Stichwörter als exklusive Leseprobe im LabourNet Germany – wir danken! Es war eine schwere Auswahl, denn am liebsten hätten wir alle gehabt, passend zu der grossen thematischen Bandbreite unserer Rubriken. Noch lieber hätten wir sie selbst geschrieben, denn sie passen zu unserer Kritik wie die berühmte Faust aufs Auge…

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Nach|wuchs|wis|sen|schaft|ler

In Leistungsgesellschaften genießen Personen, die mit Wissenschaft ihr Geld verdienen, weithin hohes soziales Ansehen. Doch in Sachen Entlohnung und Sicherheit sieht es beim wissenschaftlichen Nachwuchs meist düster aus. Der Umbau der Institutionen und der Gesellschaft hat auch vor den Hochschulen nicht haltgemacht. Unbezahlte Überstunden, befristete Beschäftigungen, der Zwang zu Namedropping und Begriffsbranding prägen den Alltag vieler.

Da hierzulande unbefristete Stellen im Mittelbau weitgehend Fehlanzeige sind, bleibt für diejenigen, die auf eine Wissenschaftskarriere an Universitäten oder Hochschulen setzen, nur die Hoffnung auf eine der raren Professuren. Es gibt keine Karriereleiter, auf der man Schritt für Schritt aufsteigen und bei der man es sich auf einer mittleren Sprosse gemütlich machen könnte. Wer keinen rettenden Ruf auf einen Lehrstuhl erhält, lebt weiter materiell auf Studierenden-Niveau.

Mehr denn je gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: entweder ein feines Restaurant in Uninähe – oder lebenslänglich Spaghetti mit Tomatensauce.

Um die Chancen auf die ersehnte Professur zu erhöhen, muss der wissenschaftliche Nachwuchs Flexibilität und Anpassungsfähigkeit beweisen. Einerseits muss sich der Emporkömmling im Gespräch halten, regelmäßig schlaue Aufsätze veröffentlichen, an Konferenzen teilnehmen, den Kontakt zu den wichtigen Leuten halten und Begriffe wie am Fließband produzieren – in der Hoffnung, es möge wenigstens einer davon Eingang in den Kanon finden. Andererseits darf er nicht negativ auffallen, es sich möglichst mit niemandem verscherzen, denn wer weiß schon, wer eines Tages im Nominierungsausschuss sitzt.

Angesichts prekärer Arbeitsbedingungen ist es für viele an der Uni Arbeitende neben dem Prestige der Idealismus, der sie in der Wissenschaft hält. Irgendwie macht man doch etwas Sinnvolles: kritische Wissensproduktion und so. Doch das System der strategischen Anpassung hat direkte Auswirkungen auf die Forschung. Wer noch während der aktuellen befristeten Beschäftigung Anträge für die nächste befristete Stelle schreiben muss, hat sich in einem zunehmend auf Drittmittel fokussierten Unibetrieb an den angesagten Themen zu orientieren.

Doch wer den letzten Scheiß beforschen muss, um irgendwie über die Runden zu kommen, kann sich dank der universitären Ideologieproduktion selbst beruhigen. Schließlich gehe es um Subversion, heißt es häufig.

Erst kürzlich klärte ein Nachwuchswissenschaftler am Rande einer hochwissenschaftlichen Tagung über die Widerstandspotenziale seiner aktuellen Drittmittelforschung auf: Er analysiert im Auftrag der Bundesregierung oder irgendeiner Polizei die Akzeptanz der potenziell zu kontrollierenden Bevölkerung für die Einführung neuer Sicherheitsmaßnahmen. Spannend.

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Ver|trag

Ein Vertrag ist eine freiwillige Übereinkunft zwischen mindestens zwei Parteien, durch die das jeweilige Verhalten mittels einer Selbstverpflichtung geregelt wird. Eine spezifische Form des Vertrags ist der Kaufvertrag: Eigentumswechsel oder die Inanspruchnahme einer Dienstleistung erfolgen durch Willenserklärungen. In Leistungsgesellschaften findet eine Verallgemeinerung des Kaufvertragsprinzips statt, auch wenn Freiwilligkeit und Wählbarkeit nicht gegeben sind.

So werden auch im Jobcenter fleißig Verträge geschlossen. Die Absicherung der lebensnotwendigen Grundversorgung entwickelte sich im Zuge des grundlegenden Umbaus des Sozialstaats zu einer Leistung eines Geschäftsvertrags. Sie kann (de facto) nur dann erhalten werden, wenn mittels einer »Eingliederungsvereinbarung« eine Art Vertrag geschlossen wird.

Der Vertragscharakter suggeriert den euphemistisch als »Kunden« bezeichneten Leistungsberechtigten eine Verhandlungsposition auf Augenhöhe. Doch die »Willenserklärung« wird obligatorisch, die Freiwilligkeit zum Zwang, die Wählbarkeit praktisch aufgelöst und dadurch die Position auf der falschen Seite des Tisches manifestiert.

Sachbearbeiter, Arbeitsvermittlerinnen und Fallmanager können aufgrund vertragsähnlicher Vereinbarungen die Leistungen der Leistungsberechtigten kürzen. Durch diese Quasi-Willenserklärung verpflichten sich die »Kunden« entsprechend vertraglich, festgehaltenen Bemühungen nachzukommen und diese nachzuweisen. Das Mitspracherecht der »Kunden« beim Verhandlungspoker hält sich in sehr überschaubaren Grenzen. Ihnen bleibt kaum eine Alternative, als den Vertrag zu unterzeichnen.

Zwar besteht kein Zwang zur Unterzeichnung der Eingliederungsvereinbarung, in der Praxis wird die Unterschrift aber in den meisten Fällen gerichtlich durchgesetzt. Die Wahlfreiheit der »Kunden« beschränkt sich darauf, sich Nahrung und eine Unterkunft anderweitig zu organisieren – oder auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse zu verzichten. Die Vertragsideologie führt aber nicht nur zur Verdeckung bestehender Ungleichheit, sie hat zudem einen erzieherischen Charakter. Ein eingehaltener Vertrag beweist die Fähigkeit zur Selbstverantwortung, was nicht nur im Jobcenter gelernt werden will. Längst werden in Erziehung, Bildung und der Sozialen Arbeit Verträge für alles Mögliche ausgehandelt. Schon im Kindergarten und in der Grundschule müssen sich Kinder als zuverlässige Vertragspartner beweisen.

Verträge darüber, wann die Kinder leise zu sein haben oder dass sie ruhig sein sollen, wenn Erwachsene sprechen, sollen zur realistischen Selbsteinschätzung, Selbstoptimierung und zur späteren Kundensouveränität beitragen. Wird der Vertrag nicht eingehalten, warten Sanktionen, die »rechtmäßig« sind. Schwerer als die zu erwartenden Repressalien dürfte allerdings das Versagen wiegen, sich nicht als homo contracticius bewährt zu haben und damit einem zentralen Leitbild der Leistungsgesellschaft nicht zu entsprechen.