Trotz Kompromissangebot der Gewerkschaft: VW Bratislava setzt weiter auf aggressiven Kurs zur Verteidigung der profitablen Niedriglohnbedingungen

Streikplakat VW Bratislava 20.6.2017In den Verhandlungen vom Donnerstag 22. Juni, die am frühen Abend ergebnislos endeten, hatte die Gewerkschaftsdelegation (unklar bleibt, mit welchem Mandat) die ursprüngliche Lohnforderung von 16% in zwei Jahren auf 13,9% reduziert: Die Niedriglohn-Diktatoren verweigerten sich dennoch. Und zwingen weiterhin Leiharbeiter, im Werk zu erscheinen, aus Prinzip und natürlich auch um so viel als möglich von der Produktion (2016 grob 1.000 Einheiten/Tag) zu retten. Die Streikversammlungen, die bisher schichtweise vor dem Werk stattfanden sind übers Wochenende ausgesetzt, werden aber am Montag fortgesetzt. Was da in verschiedenen Quellen zu hören – besser: lesen – war, macht schon deutlich, dass es zu mindestens vielen aus der Belegschaft nicht nur direkt um den Lohn geht – sondern auch um Prinzipien: Warum sollen sie eine solche Behandlung einfach hinnehmen, die sie gegenüber Kollegen nicht nur in der BRD diskriminiert, eine Haltung des Unternehmens dulden, die Arroganz und Verachtung ausdrückt? Siehe dazu vier aktuelle Beiträge, ein Video, Verweise auf bisherige Berichte und eine Facebook-Ankündigung der Betriebsgewerkschaft:

  • „Streik in VW-Werk in Slowakei geht weiter – Gespräche gescheitert“ am 23. Juni 2017 bei Reuters externer Link ist eben die Meldung über den Abbruch der Verhandlungen und die Fortsetzung des Streiks:  „Die Verhandlungen über ein Ende des Streiks im slowakischen Volkswagen-Werk in Bratislava sind gescheitert. Gewerkschaftschef Zoroslav Smolinsky kündigte eine Verschärfung des Ausstands an. “Wir werden morgen streiken, am Samstag, Sonntag, vielleicht eine Woche. Sie werden leiden”, sagte er am Donnerstag vor Hunderten Arbeitern vor dem Werk. Ob die Gespräche mit VW fortgesetzt werden, sagte er nicht.(…) Vertreter des Autobauers und Gewerkschaften verhandelten am Mittwoch sieben Stunden und am Donnerstag vier Stunden. Dabei rückten die Gewerkschaften von ihrer Forderung nach 16 Prozent höheren Löhnen ab und reduzierten sie auf 13,9 Prozent“.
  • „VW’s Strike in Slovakia Exposes a European Divide“ von Leonid Bershidsky am 21. Juni 2017 bei Bloomberg externer Link ist ein Beitrag, der die Verhältnisse jenseits der direkten Lohnfrage behandelt: Das sich zunehmend in osteuropäischen Ländern ausbreitende Gefühl der Beschäftigten, nicht gleichberechtigt behandelt zu werden – worin der „wirtschaftsfreundliche“ Kommentator eine Gefahr für das „europäische Projekt“ erblickt. Dabei verweist er nicht nur auf die entsprechende Haltung der slowakischen Regierung, die sich offiziell als Unterstützer des Streiks profilieren will, sondern auch auf einige andere Elemente, die dazu beitragen, dass sich immer mehr Menschen auch – aber längst nicht nur – in der Slowakei als minderwertig behandelt fühlen, etwa der inzwischen verbreiteten Ansicht, westeuropäische Markenprodukte für diese Länder seien Fakes…
  • „Another salary negotiation at Volkswagen fails“ am 23. Juni 2017 beim Slovak Spectator externer Link ist ein Beitrag der darüber informiert, dass nach dem ergebnislosen Ende der Verhandlungen vom Donnerstag keine neuen Verhandlungen angesetzt wurden. Und während Stellungnahmen des Unternehmens berichtet werden, die die üblichen Drohungen („schlecht für die Zukunft unseres Werkes“) enthalten, wird der Sprecher der Gewerkschaft mit der aussage zitiert, man werde den Streik fortsetzen und nach Wegen suchen, ihn auszuweiten, denn „das Unternehmen wird nicht entscheiden, sondern ihr“ wie er den Streikenden zurief.
  • „Unterstützt den Streik der VW-Arbeiter in der Slowakei!“ von Ulrich Rippert am 24. Juni 2017 bei wsws externer Link berichtet zum lautstarken Schweigen der IG Metall zum Streik in Bratislava: „Die IG Metall versucht den Streik totzuschweigen und zu isolieren. Es gibt weder von ihr noch vom VW-Betriebsrat in Wolfsburg eine Stellungnahme. Auf Nachfrage erklärte die Pressesprecherin der IGM in Wolfsburg, Anita Pöhlig, der WSWS: „Wir geben zu den Streikaktivitäten im Werk Bratislava keine Stellungnahme ab.“ Auf die Feststellung, dies bedeute eine Ablehnung des Streiks, antwortete Pöhlig: „Wie gesagt, kein Kommentar.““. Und zur gewerkschaftlichen Vorgeschichte: „Zwar hat sich die Gewerkschaft „Moderne odborov Volkswagen“ im vergangenen Herbst von der korrupten OZ KOVO, die eng mit der IG Metall und der Konzernleitung verbunden ist, abgespalten. Aber trotz ihres etwas kämpferischen Auftretens vertritt sie dieselbe nationalistische Konzeption der Sozialpartnerschaft und signalisiert bei jeder Gelegenheit ihre Bereitschaft, den Streik möglichst schnell mit einem Kompromiss zu beenden. Nicht zufällig war der neue Gewerkschaftsvorsitzende Zoroslav Smolensky viele Jahre Funktionär der alten OZ KOVO“.
    • Darin auch: “… Unter dem Albtraum für die Wolfsburger Konzernleitung versteht das Handelsblatt die Möglichkeit, dass sich der Streik ausweitet und auf andere Betriebe, in denen dieselben katastrophalen Ausbeutungsbedingungen herrschen, übergreift. Im Nachbarland Tschechien verdient ein Arbeiter bei der VW-Tochter Skoda noch weniger als sein Kollege in der Slowakei. Auch Arbeiter in anderen osteuropäischen Ländern könnten sich die slowakischen VW-Arbeiter zum Vorbild nehmen. So könnte ein Flächenbrand entstehen, der auch auf Deutschland und Westeuropa übergreift. Denn auch in den deutschen und westeuropäischen Werken sind die Beschäftigten mit massiven Lohnsenkungen und dem Abbau von Sozialleistungen konfrontiert. Ganz abgesehen davon, dass in den deutschen Werken neben den Tarifbeschäftigten bereits jetzt Leiharbeiter und Werksverträgler arbeiten, deren Löhne ähnlich miserabel sind wie in Bratislava…”