Kommentierte Presseschau von Volker Bahl vom 26.4.2016

Kein Unterschied mehr zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft beim die Allgemeinheit schädigenden Zocken um höchstmögliche Gewinne – Finanzkrise und die Gier der Finanzinvestoren – jedoch in der Realwirtschaft ging es noch “ordentlich” – eben “real” zu…

So dachten wir und teilten diese Wirtschaftswelt in Gut und Böse – eine Beendigung der “Scheinwelt” des Finanzkapitals, wie es “einmal” Frank Roosevelt in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinem Glass-Steagal-Act (Trennbankensytsem) vollzogen hatte, galt als Ziel,um aus diesem irren Parallel-Universum der Finanzhaie zu entkommen: So schreibt Thomas Fromm darüber in der “Süddeutschen” vom 25. April: Um 2008 herum, als wegen der Finanzkrise reihenwiese die Banken kippten, war (oder schien es nur so?) die Welt noch einfach zu erklären: Auf der einen Seite waren die reichen Investmentbanker. Gierig bis zum Abwinken (siehe auch die Steuerflucht z.B. bei den Panama-Papers) – eben eine kleine, skrupellose Gruppe von Boni-Sammlern. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-banker-in-wolfsburg-1.2964046 externer Link)

Bisher hatten die Manager der Industrie (Realwirtschaft) gegenüber den Kollegen aus der Finanzwirtschaft einen Glaubwürdigkeitsbonus

Auf der anderen Seite standen die Manager der Industrie. Die Ingenieure, Maschinenbauer und Schrauber. Sie hatten, wenn man so will, gegenüber den Kollegen aus der Finanzwirtschaft einen Glaubwürdigkeitsbonus. “Von uns ist noch keine Finanzkrise ausgegangen, sagte ein hochrangiger Industriemanager damals.

Böse Banker, gute Industrie-Ingenieure – diese Geschichte klang einigermaßen überzeugend. Ausgerechnet Volkswagen, diese “Ikone” der Ingenieure und Schrauber – ein “wahres” Symbol für deutsche Technik-Qualität – zeigt nun, dass diese Unterscheidung nicht so einfach ist, wie man das bisher dachte: Acht Jahre nach der Finanzkrise hat VW nun eine Dieselkrise; diese Abgasaffäre kostet den Konzern auch Milliarden, für das vergangene Jahr muss das Unternehmen einen Milliardenverlust ausweisen. Zeiten also, in denen man als Manager freiwillig auf Boni verzichten sollte. Doch bei VW wird nicht wirklich verzichtet…

Und der Aufsichtsrat ist gegenüber den Boni-Süchtigen Vorständen, die jetzt auf ihrem Recht beharren: Männer, die in ihrem Leben schon die eine oder andere Million verdient haben bestehen jetzt auf Millionen-Boni, während sich der Konzern durch die größte Krise seiner Geschichte schaukelt (http://www.labournet.de/category/branchen/auto/auto-vw/): Wenn den Managern jetzt die eigene Kasse wichtiger ist als der Konzern und sein Image, dann sind wir in der Sache nicht mehr entfernt von den Boni-Jägern der Nullerjahre.

Von denen also, die bisher die Bösen waren: Die mit dem großen Rad, das man immer schneller und größer drehen konnte, um immer höhere Renditen einzufahren. Je größer das Rad, desto riskanter wurde es. Und je riskanter es wurde, desto höher wurden die Boni-Ausschüttungen – bis alles zusammenbrach. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kommentar-banker-in-wolfsburg-1.2964046 externer Link)(Und der Steuerzahler zu Rettung gerufen wurde.)

Die inzwischen allgemeine Parallelwelt der Bonizocker unter Ignorieren der Realwelt. Und jetzt der Bruch mit der Belegschaft bei VW sowie ein Ignorieren der Risiken bei den Umweltschäden!

Auch VW – und nicht nur VW (http://www.deutschlandfunk.de/abgasuntersuchungen-tricksen-fuer-die-gewinnmaximierung.720.de.html?dram:article_id=352171 externer Link) – haben ein großes Rad gedreht, indem es eine betrügerische Software in die Dieselmotoren packte. (Vgl. auch: Die neue deutsche Leitkultur – Ein Kronzeuge packt aus: http://www.labournet.de/?p=92265) Als die Sache hochging, kam es zum Crash – wie schon in der Finanzbranche.

Und ebenso wie man den Boni-Empfängern in den Bankentürmen – damals – vorwarf, sie hätten sich mit der Zeit in einer Parallelwelt eingerichtet, die mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen nichts mehr zu tun hat (vgl. zu den noch “legalen” Manipulationen (http://www.taz.de/Abgasskandal-weitet-sich-aus/!5290075/ externer Link), z.B. bei Daimler weiter (http://www.taz.de/!5259948/ externer Link) – und auch den Kampf gegen die Messungen der Deutschen Umwelthilfe (http://www.taz.de/Umwelthilfe-siegt-gegen-Daimler-Anwalt/!5291986/ externer Link) – so ignorieren die Vorstände bei VW mit ihren Boni die VW-Realität.

In dieser VW-Realität wird es in den kommenden Monaten zu drastischen Veränderungen kommen – und der “große Bruch” mit der Belegschaft, die die drastischen Folgen zu tragen hat, wird offensichtlich. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-vw-chefs-riskieren-bruch-mit-mitarbeitern-1.2942434 externer Link) So wird bei VW an allen Ecken und Enden gespart werden und viele Menschen werden ihre Jobs verlieren. (http://www.labournet.de/category/branchen/auto/auto-vw/)

Und wie schon bei der Finanzkrise übt sich der Staat in der Gestalt des zuständigen Verkehrsministers im “Kopf in den Sand stecken” – und sieht einfach nichts: (http://www.taz.de/Kommentar-Dobrindt-und-das-Dieselgate/!5294945/ externer Link)

Trotz verheerender Meßergebnisse bei vielen Dieselfahrzeugen bleibt Verkehrsminister Alexander Dobrindt eigenartig zahm, dabei sind die Risiken groß. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/abgasskandal-heisse-reifen-1.2964062 externer Link)

Nun könnte mit TTIP diese “regellose” Welt zugunsten des Kapitals zur “Norm” werden – und Dobrindt behält mit seinem Nichtstun doch noch recht

Josef Stiglitz hat es anlässlich der Unterschriften unter den Klimavertrag von Paris im Dezember 2015 jetzt noch einmal in Erinnerung gerufen, dass just mit TTIP derartige “Einschränkungen” für das Profitstreben der Konzerne nur noch Makulatur werden könnten. (http://www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-sie-zerstören-ihr-eigenes-werk-1.2959846 externer Link): Änderungen durch die Umweltpolitik verletzen so gesehen im Kern die Rechte der Investoren – die Göttern gleich über die wohl zur Zerstörung anstehenden Gesellschaften ihre Profite generieren – und sonst nichts mehr. Dobrindts Schweigen und Nichthandeln auch im Abgasskandal dürfte mit der Durchsetzung von TTIP kalkulieren, denn dann dürfte sein Handeln ja schadensersatzpflichtig werden. So ist es erst einmal besser nichts zu tun – und die Kanzlerin möglichst schnell TTIP durchsetzen lassen. Sie ist ja dazu bereit (http://www.sueddeutsche.de/politik/barack-obama-handelsabkommen-ttip-usa-draengen-zur-eile-1.2963811 externer Link).

Die Geschichte dieses Betruges – erst einmal bei VW

Um dieses Vorgehen des VW-Konzerns mit dem Ergebnis eines die Umwelt schädigenden Betruges (= wird ja durch eine staatliche Norm definiert) genauer noch in den Blick zu nehmen, können wir anhand der bisher vorhandenen Ermittlungsergebnisse diese Manipulation der Abgas-Tests inzwischen weitgehend nachvollziehen. Georg Mascolo und Klaus Ott haben das gemacht (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-die-geschichte-des-vw-betrugs-1.2965786 externer Link).

Dabei lässt sich der Beginn des Betruges, der inzwischen zum höchsten Verlust in der Firmengeschichte führte, auf den Tag genau datieren. Es ist der 20. November 2006. In einer Gruppe von Technikern – es handelt sich um die Top-Leute der Technik im VW-Konzern – wird an einem Diesel-Aggregat gearbeitet, das VW zum Durchbruch auf dem US-Markt verhelfen soll. Diese Technikspezialisten stehen nur vor einem Problem: den strengen Abgasgrenzwerten auf dem US-Markt.

Bei diesem Treffen soll sich dann im Verlauf der Diskussion der Eindruck von Auswegslosigkeit – ja, Verzweiflung eingestellt haben. (hier sei an das strenge patriarchaliches Firmenregiment erinnert, das Rudolf Hickel so aufgefallen ist bei VW (http://rhickel.iaw.uni-bremen.de/ccm/homepages/hickel/aktuelles/erste-lehren-aus-dem-vw-oekobetrug/ externer Link)

Aufgrund dieser für die Teilnehmer so dominanten Hierarchie-Konstellation, die auf einen absoluten Erfolg “programmiert” war (Eroberung des US-Marktes), ergab sich für die Techniker nur die eine Alternative: Sie wollen dem Auto beibringen – dank moderner IT-Technik wohl als machbar eingeschätzt -, einen Testzyklus zu erkennen, um auf dem Prüfstand sauber zu “erscheinen”. Aber eben nur dort. Scheinbar werden so gleich zwei Probleme – der wohl strikten Vorgaben im Unternehmen – gelöst. Zum einen wird der Test bestanden und zum anderen bleiben die Kosten niedrig. (Vgl. dazu auch den Absatz “Ein Kronzeuge packt aus” wiederum mit einem Link zu einem Artikel von Georg Mascolo und Klaus Ott bei: http://www.labournet.de/?p=92265)

Nur dieser Weg ist – angesichts der gesetzllichen Vorgaben – streng verboten. Und das mussten alle gewußt haben.

Jedoch daran will sich heute keiner mehr erinnern. Der damalige Chef der Motorenentwicklung soll bei diesem Treffen im November 2006 den Einbau der Betrugssoftware gebilligt haben – auch noch mit dem Satz: “Wir tun es, aber wir dürfen uns nicht erwischen lassen” – woran den betreffenden Personen “natürlich” heute jede Erinnerung abgeht.

Der Lieferant für diese Software zur Motorsteuerung, die Firma Bosch aus Stuttgart macht noch in einem Brief der Bosch-Ingenieure an VW deutlich, dass der Einbau dieser Software zur Erkennung von Testzyklen bei Serienfahrzeugen illegal wäre. Das zuständige VW-Management setzt sich nicht nur über diesen Hinweis einfach hinweg (an das “Nicht-Erwischen-Lassen” glaubten sie wohl ganz fest), sondern optimiert diese Software im Jahr 2011, um die Partikelfilter, die allzuschnell verstopfen (= teure Werkstatt-Reparatur!), durch eine Umstellung der Software zu entlasten. Und – trotz wieder vorhandenen Warnungen (dieses Mal aus dem VW-Management selbst) – geht ab dem Modelljahr 2014 die neue Betrugs-Software wieder in Serie.

Bis dann eben im März 2014 diese Manipulationsgeschichte von VW ihren Wendepunkt nimmt und Wissenschaftler in West-Virginia (USA) – per Zufall – VW auf die Schliche kommen und sich die EPA, die US-Umweltbehörde, einschaltet.

Darauf bricht der Kurs der VW-Aktie ein und am 23. September tritt der damalige VW-Chef Winterkorn zurück. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/volkswagen-die-geschichte-des-vw-betrugs-1.2965786 externer Link)

  • Allerdings müssen wir hinzufügen, dass die allzu einfache Unterstellung der “guten” Realwirtschaft schon immer ausgeblendet hat, wieviel Scheiße und Unheil sich real anrichten lässt!