Daimler vor Kurzschluss. E-Autos und die Zukunft des Motorenwerks Untertürkheim: Konzern will Zugeständnisse erpressen, Betriebsrat genehmigt keine Überstunden mehr

Dossier

Elektro-Mobilität“… De facto spielt die sogenannte Elektromobilität für den Stuttgarter Autobauer bislang eine sehr untergeordnete Rolle. Und das wird die nächsten Jahre vermutlich auch so bleiben: 2025 noch sollen E-Autos lediglich 15 bis 20 Prozent des Absatzes ausmachen. Dennoch wirft der allseits erwartete Umbruch seine Schatten voraus – und führt in den Motoren- und Getriebewerken zu heftigen Konflikten. Im Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim standen diese Woche bereits mehrfach die Bänder still, weil der Betriebsrat die Belegschaft in einer außerordentlichen Betriebsversammlung über die Verhandlungen mit dem Konzernvorstand informierte. Das Thema: die Zukunft der traditionsreichen Fabrik im Zeitalter der »Elektromobilität«. (…) Zwar ist der Plan, die Akkus von Beschäftigten einer tariflosen Daimler-Tochter fertigen zu lassen, mittlerweile vom Tisch. Die Firmenleitung beharrt jedoch unter anderem auf einer Sechs-Tage-Produktionswoche, einem flexiblen Schichtsystem mit kurzen Ankündigungsfristen und der Streichung von Erholzeiten. In der Untertürkheimer Belegschaft stoßen diese Pläne auf großen Unmut, der sich am Montag bei einer Betriebsversammlung in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle in einem minutenlangen Pfeifkonzert als Protest gegen die Werkleitung entlud. Statt die Versammlung zu beenden, wurde sie nur unterbrochen und am gestrigen Mittwoch in den acht Werkteilen des Standorts fortgesetzt. Zudem hat der Betriebsrat sämtliche Überstunden in der Produktion ab dem 1. Juli abgesagt…” Artikel von Daniel Behruzi in der jungen Welt vom 29.06.2017 externer Link, siehe dazu auch:

  • Daimler Untertürkheim: Belegschaft wehrt sich erfolgreich gegen Erpressung New
    Nicht nur das Wetter war heiß, auch die Stimmung im Untertürkheimer Daimler-Werk war in den letzten Wochen sehr aufgeheizt. Grund war die Erpressung des Daimler-Vorstandes. Er wollte Entwicklung und Produktion des neuen elektrischen Antriebssystems komplett fremd vergeben. Außerdem sollte gleichzeitig im Neckartal eine Billig-Batteriefabrik entstehen. Für die Batteriemontage sollten 100 Arbeitsplätze im Werkteil Brühl in der Accumotive GmBH, einer Daimler Tochter, entstehen, nach Vorstandswunsch natürlich ohne tarifvertragliche Bindung mit einer Sechs-Tage-Produktionswoche, einem flexiblen Schichtsystem mit kurzen Ankündigungsfristen  und der Streichung von Erholzeiten. Für dieses „Angebot“ sollte von den KollegInnen ein unverschämter Preis bezahlt werden. Alle Beschäftigten sollten jedes Jahr drei Quali-Tage pauschal vom ihrem Zeitkonto abgezogen bekommen, womit jede/r Beschäftigte dem Unternehmen faktisch 650 Euro im Schnitt im Jahr schenken  würde. Außerdem bedeuten die 3 Quali-Tage bei 22.000 Beschäftigten mal 21 Stunden ungefähr 300 Arbeitsplätze, die durch diesen Zeitkontenverzicht erst einmal dauerhaft vernichtet würden. Dafür sollte es dann 250 Arbeitsplätze zu schlechteren Konditionen geben, d. h. mehr Arbeitsplätze würden vernichtet als neue geschaffen. Schlicht ein unverschämtes Angebot. Dementsprechend war die Reaktion der  Belegschaft zusammen mit den Vertrauensleuten und Betriebsräten. Eine kurzfristig einberufene Betriebsversammlung wurde nicht beendet, sondern nur unterbrochen und immer nach jedem Verhandlungstag fortgesetzt. Das führte dazu, dass die Bänder mehrfach still standen. Außerdem wurden alle Überstunden abgesagt, was dann auch zu Absagen von Schichten im Sindelfinger Daimler-Werk führte. Die Vertrauensleute bestimmten, wie die Auseinandersetzung geführt werden sollte – das brachte den entsprechenden Druck und stärkte dem Betriebsrat den Rücken bei den schwierigen Verhandlungen. Erreicht werden konnte, dass Arbeitsplätze im Werk entstehen werden zu den dort üblichen tariflichen Bedingungen, es also keine  Auslagerung in eine Billig-GmbH gibt und die Beschäftigten keine Quali-Tage abgezogen bekommen. Das Werk soll zum Kompetenzzentrum für die Elektromobilität werden. Dazu gehören neben der Batterieproduktion auch ein Projekthaus für die Entwicklung der nächsten Generation elektrischer  Antriebssysteme sowie der Ausbau des schon vorhandenen Technikums für Elektromobilität. Insgesamt gibt es 250 neue Stellen im Werk. Ein großartiger Erfolg, der zeigt, wenn sich eine Belegschaft gegen Fremdvergabe und Armutslöhne für neue KollegInnen wehrt, diese verhindert werden können. Damit konnte die Strategie des Kapitals durchkreuzt werden, bei neuen Technologien tariflose Billigfabriken aufzubauen, um mit den Billigheimern die Standards der Stammbelegschaften abzusenken.” Bericht aus dem Netzwerkinfo der Gewerkschaftslinken Nr. 64 vom Juli 2017
  • [Maßnahmenpaket erpresst] Fortschreibung des Zukunftsbilds: Mercedes-Benz Werk Untertürkheim produziert künftig Batterien für Elektrofahrzeuge 
    Das Mercedes-Benz Werk Untertürkheim wird zum Hightech-Standort für Elektrokomponenten weiterentwickelt und bietet den Beschäftigten damit auch im kommenden Zeitalter der Elektromobilität gute Perspektiven. Die Grundlage für den Wandel des Traditionswerks bildet ein Maßnahmenpaket, das Werkleitung und Betriebsrat gemeinsam verabschiedet haben. Es ebnet den schrittweisen Übergang der Produktion von konventionellen Motoren, Getrieben und Achsen hin zu künftigen Powertrain-Komponenten für Elektrofahrzeuge. Dazu gehören beispielsweise eine neue Batterieproduktion am Standort sowie die Montage von elektrischen Antriebsmodulen für Vorder- und Hinterachsen. Damit wird der Standort zum Kompetenzzentrum für die Integration des gesamten elektrischen Antriebsstrangs in die Produktion. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit sieht die zwischen Werkleitung und Betriebsrat geschlossene Betriebsvereinbarung Maßnahmen zur Steigerung der Flexibilität und Effizienz vor. Diese beinhalten beispielsweise eine Optimierung von Betriebsnutzungszeiten sowie variable Schichtmodelle und einen flexiblen Personaleinsatz…” Presseerklärung der IG Metall bei Daimler vom 13.07.2017 externer Link – wir freuen uns schon auf die nächste Ausgabe der Belegschaftszeitung Alternative und ihre Sicht auf diese “Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit”
  • Daimlers Dumpingstrategie: Beschäftigte im Werk Untertürkheim wehren sich gegen Verschlechterungen durch Umbau
    “Im Streit um die künftige Ausrichtung des Daimler-Stammwerks in Stuttgart-Untertürkheim sind sich Betriebsrat und Werkleitung nach Darstellung der IG Metall einen Schritt nähergekommen. »Wir bewegen uns im Lösungskorridor«, teilte der örtliche Betriebsratschef Wolfgang Nieke am Dienstag mit. Zu Details gebe aber keine der beiden Seiten Auskunft, hieß es. Es würden weiterhin intensive Verhandlungen geführt. An den beiden vergangenen Wochenenden hatten die Beschäftigten erklärt, keine Überstunden mehr zu leisten. Das hatte zu Produktionsausfällen am Standort Sindelfingen geführt. Beide Fabriken sind eng miteinander verzahnt. Kernpunkt des Konflikts sind die Fragen, für welche elektrischen Bauteile Untertürkheim innerhalb des Konzerns künftig zuständig sein soll und ob sich die Beschäftigten dafür teils auch in ihrer Freizeit fortbilden müssen. (…) Die Zeitschrift kritischer IG-Metall-Vertrauensleute und Betriebsräte im Daimler-Werk Untertürkheim, Alternative, berichtet in der aktuellen Ausgabe über die Hintergründe des Konflikts: »Die Unternehmensleitung hat 100 Arbeitsplätze für eine Batteriemontage im Werkteil Brühl in Aussicht gestellt.« Allerdings sollten die Beschäftigten dort zu einer Daimler Tochter ohne Tarifvertrag gehören. »Das ist für uns ein absolutes ›No-Go‹. Beschäftigung ohne Tarifvertrag auf unserem Werksgelände werden wir mit aller Macht verhindern.«…” Beitrag bei der jungen Welt vom 12. Juli 2017 externer Link
  • Schmalspureinstieg in die Elektro-Mobilität für das Werk Untertürkheim: Erpressung als Motivationskiller
    “… Für die Fahrzeugwerke hat der Vorstand bereits zugesagt, dass die Daimler-E-Fahrzeuge über die gleichen Bänder laufen werden. Somit ist die Zukunft dieser Werke langfristig gesichert. Aber in den Powertrain -Werken sieht das der Vorstand leider anders. Statt die Komponenten des elektrischen Antriebes für diese Werke fest zuzusagen, setzt der Vorstand hier nun doch auf umfangreiche Fremdvergaben. Die Werkleitung eröffnete uns gleich zu  Beginn der aktuellen Verhandlungen, dass das elektrische Antriebssystem (eATS) per Vorstandsbeschluss fremd vergeben werden soll. (…) Die Unternehmensleitung hat 100 Arbeitsplätze für eine Batteriemontage im Werkteil Brühl in Aussicht gestellt. Allerdings sollen die Beschäftigten dort zur Accumotive GmBH, einer Daimler Tochter ohne Tarifvertrag gehören. Das ist für uns ein absolutes „No Go“. Beschäftigung  ohne Tarifvertrag auf unserem Werksgelände werden wir mit aller Macht verhindern.  Für die Zusage der 100 Arbeitsplätze in der Billig-Batteriefabrik und für ca. 150  weitere Arbeitsplätze verlangt die Werkleitung außerdem auch noch einen unverschämten Preis. Alle Beschäftigten sollen jedes Jahr drei Qualifizierungstage pauschal von ihrem Zeitkonto abgezogen bekommen. (…) Das heißt für 250 zusätzliche Arbeitsplätze sollen wir durch diesen Zeitkontenverzicht erst einmal dauerhaft 300 Jobs vernichten? Für wie blöd hält man uns denn eigentlich?…” Leitartikel aus Alternative, Belegschaftszeitung Untertürkheim, Nr. 158 vom Juni 2017 externer Link